Ischtschenko – Bulette auf Kiewer Art

Übersetzung eines aktuellen Artikels von Rostislaw Ischtschenko (Quelle).

Bereits vor zwei Jahren (am 5. September 2014) wurde das Minsker Protokoll unterschrieben. Von diesem Moment an beginnt eine neue Zeitrechnung im s.g. Minsker Format – es gelten die Minsker Abkommen zur Regelung des Konfliktes im Donbass. Als sie unterschrieben wurden, hatten die Seiten noch die verschiedensten Pläne und die unterschiedlichsten Illusionen.

Insbesondere schloss man in Moskau nicht aus, dass die Ausführung der Abkommen die angestrebte Verfassungsreform gewährleisten wird, und dabei unter anderem die Föderalisierung der Ukraine ermöglicht. Der Start des Verfassungsprozesses und die Umverlegung des Schwerpunktes der Macht in die Regionen sollten im Ideal auch zur Entnazifizierung der Ukraine auf Kosten ihrer inneren Ressourcen und zur Erhaltung der Reste der ukrainischen Wirtschaft führen. Daraufhin hätte der Prozess der Wiederherstellung nicht nur der normalen Macht, sondern auch des normalen Lebens weniger Zeit in Anspruch genommen und würde auch durchgeführt mit der Stützung auf die eigene ukrainische Basis – wenigstens teilweise.

Frankreich und Deutschland hofften, das Kiewer Regime zu stabilisieren. Im Vordergrund sollten mehr die Systemparteien und Politiker mit menschlichem Antlitz stehen. Die Kämpfer sollten zum kleinen Teil der neuen etablierten bürgerlichen Gesellschaft angehören und zum großen Teil in die Gefängnisse und\oder in den politischen Untergrund zurückkehren. Die Ukraine sollte sich in einen typisch osteuropäischen Staat der Periode nach „der samtenen Revolution“, der Lustration und der Dekommunisierung verwandeln. Nur nicht in ein Mitglied der EU oder der NATO. Und sie würden sogar noch wesentlich ärmer als Rumänien sein.

In Kiew verbarg man die Hoffnungen nicht, dass unter dem Druck der Sanktionen des Westens Moskau bald kapituliert, oder die Unterstützung des Donbass beendet und von der Krim weggeht, oder unter der Schwere der Wirtschaftsprobleme einbricht. In Russland könnte eine bunte Revolution geschehen, es würde in Teilen zerstört werden, die ukrainischen „Fachkräfte“ würden nach Moskau fahren, dort als Minister arbeiten und in Kiew würde man sich mit der Zählung der Trophäen beschäftigen, die das Blühen einiger weiterer Generationen von Helden des Maidans gewährleisten würden.

Lesen Sie sich die Materialien der Kiewer Analytiker, der Publizisten für 2014/ 2015 durch, schauen Sie sich die Aufzeichnungen der ukrainischen (dort sind sie aufrichtiger) Teleprogramme mit der Teilnahme der lokalen Politiker und Experten an. Sie hofften nicht einfach darauf. Sie verbargen die Überzeugung nicht, dass alles so wohl geschehen wird und sie stritten auch nicht über den Vorgang an sich – nur über die Fristen der russischen Kapitulation und die Anzahl der zur Ukraine gehörenden „Trophäen“.

In den überhöhten Erwartungen der Seiten gibt es nichts, was merkwürdig wäre. Es ist immer so, dass – ob nun ein Krieg oder auch eine Schachpartie mit regenbogenfarbigen Hoffnungen beginnt – die sich niemals vollständig erfüllen. Deshalb ist es wichtig, den Veränderungen der Lage rechtzeitig zu folgen und die Ambitionen und den Appetit zu korrigieren. Unangemessen wird der Politiker nicht dann, wenn er zum Anfang des Konfliktes auf seinen günstigen Ausgang hofft, sondern dann, wenn sich die sowjetischen Panzer in hundert Metern Abstand von der Reichskanzlei befinden, die Größen des Reiches auf die Anwendung der vom Führer versprochenen „Wunderwaffe“ warten und der Führer hofft, dass „die bolschewistischen Horden“ wie Rauch unter dem Druck der tapferen Soldaten des Reiches zerstreut werden, die in Wirklichkeit gar nicht mehr existieren.

Russland hat die Möglichkeiten von Minsk schon nach dem epischen „Angriff“ der ukrainischen Armee im Januar 2015, der mit der Februarschlacht bei Debalzewo zu Ende ging, adäquat eingeschätzt und unterschrieb in der Nacht vom 11. auf den 12. Februar einen Komplex von Maßnahmen zur Erstellung des Minsker Abkommens, das heute als Minsk-2 bekannt ist. Von diesem Moment an ist der Minsker Prozess für Moskau nicht so sehr die Möglichkeit, die Ukraine mit den Händen der Ukrainer und auf Kosten der inneren ukrainischen Ressourcen zu reformieren, sondern eher eine Möglichkeit, das Spiel zu verzögern. Das geschieht mit der Absicht, die schlimmste amerikanische Variante – die ukrainische Krise im Zustand der blutigen ungesteuerten Anarchie – zu vermeiden und zu hoffen, an anderen Fronten zu gewinnen und die geopolitische Situation früher zu verändern, als man in der ukrainischen Regelung stecken bleibt.

Ende 2015 – Anfang 2016 waren sich Paris und Berlin der Perspektivlosigkeit der Hoffnungen auf Konstruktivität der ukrainischen Position bewußt geworden. Es wurde ihnen klar, dass es weder zu den französischen Wahlen (Frühling 2017), noch zu den deutschen Wahlen, (Herbst 2017) gelingen wird, die Regelung der ukrainischen Krise auf Grundlage der Minsker Abkommen dem Wähler, wie einen Sieg Hollandes oder Merkels zu verkaufen. Seit dieser Zeit hat Europa auch begonnen, auf Zeit zu spielen, parallel dazu versuchen sie, verzögernd handelnd, zugunsten Kiews die Deutung des Sinnes der Abkommen zu verändern, um – wenn sie schon die Realisierung nicht erreichen können – es selbst wenigstens zu imitieren. Um so ganz nebenbei für die Zukunft (für alle Fälle) die taktischen Positionen zu verbessern.

Vor diesem Hintergrund litt die Position der Ukraine unter inneren Widersprüchen. Einerseits versuchten Poroschenko und seine Diplomaten beharrlich, Minsk-2 zu desavouieren. Dafür wurde ein großes Arsenal von Mitteln verwendet.

– Erstens bestand Kiew auf der Veränderung der Abfolge der Ausführung der Punkte des Abkommens. Die Ukrainer forderten, ihnen die Kontrolle über die Grenze zu übergeben und danach die lokalen Wahlen unter der Kontrolle der zentralen Wahlkommission der Ukraine durchzuführen.

– Zweitens bestand die Ukraine auf der Einbeziehung von neuen Teilnehmern in den Prozess der Verhandlungen – zum einen der USA, zum anderen Polens, und beider von Zeit zu Zeit zusammen. Es ist klar, dass diese Teilnehmer an der Seite Kiews spielen würden. Außerdem konnte die Tatsache der Erweiterung des Formates zum Argument für den Beginn von Verhandlungen über ein neues Abkommen dienen, da die neuen Gesprächspartner die Ausführung der Vereinbarungen, die ohne ihre Teilnahme entstanden waren, nicht garantieren müssten.

– Drittens forderte Poroschenko ganz unverblümt, Minsk-2 durch Minsk-3 zu ersetzen. Und als diese Idee von Moskau blockiert wurde, hat er versucht, die Revision der Verpflichtungen in Gestalt der Annahme „einer Reisekarte“ zu organisieren (sie ist bis jetzt nicht entwickelt).

– Viertens hatte die Organisation von Provokationen im Donbass und auf der russischen Krim offensichtlich zum Ziel, eine emotionale Reaktion wenn schon nicht in Moskau, dann doch wenigstens in den DVR/LVR hervorzurufen, wonach man die Vereitelung des Minsker Abkommens auf die fehlende Konstruktivität Russlands und der prorussischen Terroristen-Separatisten hätte schieben können.

Andererseits ging Kiew aber niemals über die Grenze hinaus, hinter der sich die Fortsetzung der Verhandlungen in Minsk endgültig als unmöglich gezeigt hätte. Sogar nach der Diversion auf der Krim, wo man den Tod von russischen Militärangehörigen in Kauf nahm, hat die Gefahr der Desavouierung des normannischen Formates von Seiten der RF eine hysterische Reaktion Kiews herbeigerufen. Poroschenko hat sofort begonnen, von seinen europäischen und amerikanischen Freunden zu fordern, Putin um jeden Preis an den Verhandlungstisch zurückzubringen.

Wir können deutlich sehen, dass sich Kiew offenbar überhaupt nicht davor fürchtete, dass die offizielle Absage an die Minsker Punkte zum unverzüglichen Beginn von Kriegsoperationen führen könnte. Sie wussten genau, dass die Armeen der DVR/LVR genug Kräfte für eine standfeste Verteidigung hatten, aber nicht für einen Angriff. Außerdem wollte ja die Ukraine so das neue Abkommen bekommen. Es war möglich, auf die Umsetzung von Minsk-2 sofort und offiziell zu verzichten und das ausführlich durchstudierte Projekt Minsk-3 anzubieten. In diesem Fall hätte Kiew wesentlich bessere Gesprächspositionen bekommen und würde praktisch nichts riskieren.

– Erstens könnte die Ukraine die Absage an Minsk-2 damit begründen, dass Minsk-1 auch nicht erfüllt wurde, was nicht gestört hat, weil so der Prozess im Rahmen von Minsk-2 detailliert wurde.

– Zweitens hätte die Uneinigkeit Russlands und sogar der EU über die veränderte Form zu sprechen, die Verhandlungen nicht aufgehoben, sie hätte einfach ihren Charakter geändert. Statt die Unterschiede in den Deutungen der Minsker Punkte zu viert zu besprechen (Russland, Frankreich, Deutschland und die Ukraine), versuchten Paris und Berlin Kiew zu den Punkten von Minsk-2 zurückzuführen und als Vermittler in den Beziehungen mit Moskau aufzutreten, um von letzterem wenigstens irgendwelche Zugeständnisse für die Erringung eines Kompromisses zu erreichen. Gleichzeitig konnten sie versuchen, in den Prozess – unter dem Deckmantel der Zahlungsunfähigkeit in Folge der Minsker und normannischen Formate – Warschau und Washington – oder jemanden von ihnen beauftragten – einzubringen.

– Drittens könnte Kiew die Tatsache der Kündigung von Minsk für die innere Propaganda verwenden. Da die Abkommen unter der auf „die Ideale des Maidans“ ausgerichteten Wählerschaft äußerst unpopulär waren, würde seine Kündigung wie ein Sieg wahrgenommen.

Warum hat Poroschenko diese Stellung bezogen „aus den Minsker Abkommen nicht aussteigen, die Minsker Abkommen nicht erfüllen, die Verhandlungen zäh gestalten“? Er ging wohl nicht davon aus, dass Russland (oder die Republiken) die Truppen auf Kiew marschieren lassen. Schließlich hatte die Ukraine genug Provokationen organisiert, damit man auf Wunsch das schon lange hätte tun können, sogar bei strenger Übereinstimmung mit den internationalen Normen.

Ich möchte daran erinnern, dass die Opposition zu Minsk im politischen Maidan von Anfang an sehr stark war. Es gab praktisch keine politische Kraft oder bedeutsame öffentliche Gruppe (außer Poroschenko und den von ihm beschäftigten Experten), die die Minsker Abkommen nicht unanständig genannt hätten, demütigend für die Ukraine und die nicht den Krieg bis zum Endsieg gefordert hätten.

Die Position der Kiewer Habichte war ausreichend begründet. Sie meinten sinnvoller Weise, dass ohne offene Teilnahme Russlands am militärischen Konflikt in der DVR/LVR deren Kräfte für die Errichtung der Kontrolle über das ganze Territorium der Ukraine einfach nicht ausreichen werden. Also würden beliebige Niederlagen der ukrainischen Armee nur zu unbedeutenden territorialen Verlusten an der Front führen. Sogar die erste Aufgabe der Republiken – der Vormarsch zu den Grenzen der Gebiete – konnte in einer Etappe (besser in zwei) nicht unbedingt erfüllt werden. Dabei waren die Habichte überzeugt, dass Russland keine direkten militärischen Handlungen auf dem Territorium der Ukraine führen würde, da es an anderen Stellen (zum Beispiel, in Syrien) viel zu beschäftigt ist und die langfristigen politischen Kosten von so einer Lösung viel zu groß wären und die Dividenden höchst problematisch sind. Das heißt, die Habichte sind überzeugt, dass sie die Intensität eines militärischen Konfliktes kontrollieren können, wenn sie nur fortsetzen, die Linie der Front fern von Kiew – in der östlichen Ukraine – zu halten.

Die Niederlagen würden das Ansehen Poroschenkos, als Staatsoberhaupt und Oberster Befehlshaber, untergraben. Nebenbei hätte die tatsächliche Kündigung der Minsker Abkommen den Wert Pjotr Alexejewitschs für seine Partner in den Minsker und Normannischen Formaten stark verringert. Er ist nur von Interesse, solange er fähig ist, die Situation in der Ukraine einigermaßen stabil zu halten, damit ein Bürgerkrieg nicht ausbrechen kann, die kontrollierte Krise im Donbass die Grenzen nicht überschreitet und es das Abrutschen des ukrainischen Staates in den Zustand der Anarchie und des Zerfalles bremst. Wenn sich zeigen sollte, dass Poroschenko nicht in der Lage ist, das Gesprächsformat zu bewahren und damit die Krise weiter aufzuschieben und den Übergang in die heiße Phase zu verhindern, warum sollte man dann noch mit ihm sprechen?

Jede Niederlage zersetzt natürlich auch die Armee. Gleichzeitig streben die Nazikämpfer (ob nun integriert in die offiziellen bewaffneten Strukturen, oder auch „wild“ gebliebene) nur immer stärker nach Revanche. Außerdem wächst ihre Überzeugung darin, dass alles Elend vom „Verrat“ in der Obrigkeit kam, und wenn man den Obersten Befehlshaber, den Chef des Generalstabes und die Zehn wichtigsten Generäle durch die „richtigen“ Menschen ablösen würde, käme es an der Front sofort zu Veränderungen zum besseren.

Poroschenko, wie das ein Präsident so macht, stützt sich auf offizielle bewaffnete Strukturen (wie die Armee). Die Kämpfer (sowohl jene, die in bewaffneten Strukturen dienen als auch die „wilden“) sind die Stützen der Opponenten. So verringert jede militärische Niederlage die Möglichkeiten des Präsidenten und gleichzeitig verbessern sich die innenpolitischen Positionen der Habichte.

Und endlich, nach langer innenpolitischer Opposition der Habichte stützt sich Poroschenko auf ein informelles Bündnis mit dem Oppositionsblock. Der große Teil der zugänglichen finanz-ökonomischen Basis dieser Vertreter der politischen Kraft ist gerade auf den östlichen Gebieten (vorzugsweise auf den unter Kontrolle Kiews verbliebenen Territorien der Donezker und Lugansker Gebiete) konzentriert. Die Aufgabe dieser Territorien würde bei der nächsten militärischen Niederlage die finanziellen Möglichkeiten der innenpolitischen Partner Poroschenkos schwächen. Außerdem würde die Notwendigkeit, die verlorenen Aktiva zurückgeben zu müssen, die ostukrainischen Oligarchen und die von ihnen kontrollierten politischen Kräfte auf einen Anti-Poroschenko Kurs stoßen (dieser konnte schließlich das Territorium nicht festhalten), direkt in ein Bündnis mit den Habichten hinein.

So entstanden die Habichte daraus, dass die Aktivierung des Kampfes im Donbass
– zum Verlust eines Teiles der Territorien geführt hat (es wurde aber nicht zur totalen militärischen Katastrophe),
– die internationalen und innenpolitischen Positionen Poroschenkos und seine finanziellen und militärischen Möglichkeiten heftig sprengten,
– sowie seine Autorität unter den gemäßigten ukrainischen politischen Kräften zerstört hat.
Tatsächlich beabsichtigten sie, in den vom Krieg zerstörten Territorien mit der nicht loyal zu Kiew stehenden Bevölkerung für die Möglichkeit zu bezahlen, Poroschenko loszuwerden.

Die Aktivierung des Konfliktes und der innenpolitischen Krise sollten wieder der Ukraine die Aufmerksamkeit und das Interesse des Westens sichern und dem neuen Regime selbst in der ersten Zeit die politische Anerkennung, die Finanzhilfe und die diplomatische Unterstützung der EU garantieren, weil so in der Perspektive eine Situation in der Ukraine vereitelt worden ist, die man auch als unkontrollierte Phase des Krieges Jeder gegen Jeden bezeichnen kann.

Deshalb konnte Poroschenko nicht zum Beginn des aktiven Kampfes übergehen. Das würde zu schnell zum Verlust der Macht führen. Aber er konnte auch nicht mit der Ausführung der Minsker Abkommen beginnen. Wie schon gesagt, verhielt sich die politische Umgebung des Maidan (sie bestimmt die politische Situation in der Ukraine mit) zu diesen Abkommen so, als wäre es der Verzicht auf nationale Interessen und sie wären nur bereit, das zu ertragen, solange sie nicht praktisch umgesetzt wurden. Der Beginn der realen Ausführung von Minsk-2 würde mit einem hohen Anteil an Wahrscheinlichkeit zur unverzüglichen Absetzung Poroschenkos führen, als „Agent“ Putins.

Deshalb blieb die Position „weder Frieden noch Krieg“ als die für ihn einzig mögliche Variante übrig. Die allmähliche Verstärkung der Provokationen erklärt sich mit der Notwendigkeit, für die Energie der Nazikämpfer einen Ausgang zu schaffen. Die Aufgabe Poroschenkos besteht jetzt darin, darauf zu achten, dass jener Rand nicht überschritten wird, hinter dem Russland antworten könnte. Deshalb wartete er ganz erschrocken auf die Reaktionen Putins auf die bewaffnete Provokation auf der Krim. Deshalb wartete er auf die Revanche, als das Verteidigungsministerium Russlands gedroht hatte, Schläge auf die ukrainischen Startrampen aufzutragen, wenn die Raketen während der Gefechtsübung der ukrainischen Truppen irgendwohin fliegen sollten, wohin sie besser nicht geflogen wären.

Poroschenko versteht sehr gut, dass ein beliebiger Schlag Russlands auf das Territorium der Ukraine von den Habichten sofort instrumentalisiert würde, um den irreversiblen Prozess des Beginns von Kriegsoperationen, verbunden mit dem vorhersehbar schnellen Finale der Präsidentschaft von P.M.Poroschenko zu starten. Deshalb laufen alle ukrainischen Provokationen nach dem gleichen Schema ab: Poroschenko kommt bis zum Rand heran und macht dann aber nicht mehr den letzten Schritt und die Habichte versuchen dabei aus allen Kräften ihn vorwärts zu schieben, damit er den letzten Schritt auch mit festhalten nicht mehr verhindern kann.

Poroschenko schwächelt, er verliert allmählich die Kontrolle über das Land. Die Reste der administrativen und militärischen Vertikalen können jetzt schon den adäquaten Durchfluß der Verwaltungsimpulse und der Signale der Rückmeldung nicht mehr gewährleisten. Mit jedem Gang wird es für ihn schwieriger, alle am Rande festzuhalten. Die Habichte übernehmen die Kontrolle über die Organisation, den Ablauf und den Ausgang der Provokationen. Der neuerlichen Erklärung des Chefs des Generalstabes zu Folge, der versprach, dass die ukrainische Armee Russland in anderthalb Wochen schlagen kann, bei minimalen personellen Verlusten von 10-12 Tausend Menschen, kann sich Pjotr Alexejewitsch schon nicht mal mehr auf absolut ehrliche, von ihm ernannte Generäle verlassen. Die tatsächlich abgegebene Erklärung beschreibt das Format des Krieges, den die Habichte im Begriff sind als Anlass für den Sturz Poroschenkos zu organisieren. Wie es schon gesagt war, rechnen sie mit einigen Kampftagen, erträgliche wenn auch bedeutende (im Umfang der Krim bis maximal doppelt so große) territoriale Verluste und bis zu 15000 gefallenen Militärangehörigen.

Das Auffangen dieser Initiative und die erfolgreiche Reinigung der Opponenten unter der Belastung durch eine militärische Lage, als Lösung für die Probleme Poroschenkos (wie es noch im Frühling real war – bis spätestens zum Anfang des Sommers 2016) wird jetzt immer weniger wahrscheinlich. Die bewaffneten Strukturen werden sich ihm einfach nicht mehr unterwerfen und die speziellen Generäle und Offiziere, die versuchen werden, den Befehl auszuführen, werden auf organisierten Widerstand stoßen, dessen Unterdrückung von den Kräften her nicht einfach sein wird. Es verringert die Gefahr des Drehbuches, nach dem Poroschenko den Versuch gemacht hätte, die Initiative des Beginns des offenen Kampfes dem Donbass anzuhängen, um die These von der äußeren Aggression in seinem Interesse verwenden zu können. Tatsächlich ist das Folgen dem Weg des Sabotierens der Ausführung der Minsker Abkommen, ohne sie offiziell zu kündigen – das einzige vernünftige ihm zugängliche Verhaltensmodell. Im Übrigen, wozu er sich in Panik unter Androhung des bewaffneten Umsturzes entscheidet, ist kompliziert zu erahnen.

Die „gemäßigten“ Opponenten Poroschenkos (Timoschenko und die Vertreter des Oppositionsblocks) sollten mit den übrig gebliebenen Scherben der ehemaligen Partei der Regionen versuchen, Minsk-2 zu erfüllen, falls es ihnen noch durch irgendein Wunder gelingen sollte, im Verlauf des Sturzes Poroschenkos zur Macht durchzubrechen.

Sie stützen sich auf die kriegsfeindliche Wählerschaft und in den ersten Monaten nach der Übernahme der Macht nutzt jeder beliebige Politiker die Immunität gegenüber der Kritik. Sie müssen nicht die Fehler Poroschenkos wiederholen aber dazu müssen sie die Nazibanden liquidieren. Sie zu entwaffnen und in die Gefängnisse der Nazis zu stecken kann nur mit Hilfe der Armee gelingen. Aber um die Fronttruppenteile im innenpolitischen Kampf zu verwenden sollte die Front abgeschafft sein. Außerdem könnte sogar der Beginn der Realisierung von Minsk-2, wenn das Aufregungen unter den Kämpfern verursachen sollte, dem gemäßigten Schichtarbeiter Poroschenko ermöglichen, im Donbass um militärische Hilfe zu bitten. Schließlich hatten sich all diese als Antifaschisten positioniert (außer Timoschenko), alle waren gegen die Strafoperation im Donbass, ihr Konflikt mit den Kämpfern wegen der Ausführung der Minsker Abkommen erlaubt ihnen heute dem Donbass eine Frage zu stellen: „Werden Sie uns mit Truppen helfen und wir werden die Nazi-Kämpfer gemeinsam zerstören oder werden sie uns aufhalten und die Nazis können sich wieder mit Ihnen beschäftigen?“

Im Übrigen, die Wahrscheinlichkeit der Machtübernahme durch die „Gemäßigten“ ist sehr gering. Sie haben ganz einfach die dafür notwendige bewaffnete Unterstützung nicht. Die Frage nach der Macht in der Ukraine entscheidet sich heute nicht nach den Wahlergebnissen, nicht nach den politischen Losungen und nicht nach Demonstrationen. Diese Frage entscheidet sich allein „durch die Menschen mit dem Gewehr“. Wer die meisten Gewehre hat, der hat die Macht.

So dass es für die zentrale Macht in Kiew real nur zwei Bewerber gibt: den Habicht Awakow und den Habicht Turtschinow. Sowohl der eine, als auch der andere haben die Qualität der „menschlichsten Person“ des Regimes und könnten als Präsidenten auch Jazenjuk nehmen, selbst wenn sie dabei formell in ihren heutigen Ämtern bleiben, die ihnen weiter ermöglichen, die bewaffneten Ressourcen zu kontrollieren. Jazenjuk hat sich die Unterstützung der Lobbyisten in der amerikanischen etablierten bürgerlichen Gesellschaft wieder gesichert. Das bedeutet nicht, dass er von dem weggehenden Obama oder dem kommenden Trump unterstützt wird. Die Lobbyisten Jazenjuks befinden sich in den Reihen der liberalen Globalisten, die von der Niederlage Clintons noch nicht gebändigt worden sind und wieder versuchen, der nächsten Verwaltung dieselbe außenpolitische Orientierung aufzudrängen, die auch zu Zeiten Obamas angesagt war. Jedoch Tatsache ist, kein anderer ukrainischer Politiker hat eine solche Unterstützung im Ausland, das gibt es – weder in den USA, noch in Europa, noch in Russland – nirgends.

Vom Gesichtspunkt der Stabilität des Regimes aus, hätten Awakow und Turtschinow keinen Grund zu streiten. Sie hätten einfach die Einflußsphären geteilt und als Garantie die Kontrolle über je einen Teil der bewaffneten Kräfte gehabt. Jedoch reichte schon bei Janukowytsch die innere ukrainische für die Ausplünderung brauchbare Ressource bei größter Anstrengung kaum aus. Das führte zur beschleunigten Konzentration des attraktiven Business in den Händen der Präsidentenfamilie. Bei Poroschenko wurde dieser Prozess noch beschleunigt und es wurden noch zusätzlich Ressourcen aufgebraucht. Nach Poroschenko werden die Ressourcen noch weniger und für die Banden der bewaffneten Anhänger bleibt nichts. Außerdem wenn Awakow einfach ein Bandit ist und dazu noch bereit wäre, mit Irgendjemandem (einschließlich im Rahmen Minsk-2 zu verhandeln), wenn nur sein Leben und sein Eigentum geschützt blieben, so ist Turtschinow ein Ideennazi und prinzipieller Russophober. Das heißt, zwischen ihnen gibt es ideologische Opposition, mit der sie sich bei der Auswahl verschiedener politischer Lösungen konfrontieren.

Eine Variante ist in diesem Zusammenhang am wahrscheinlichsten, bei der der Sturz Poroschenkos die bewaffnete Opposition zwischen Turtschinow und Awakow – bezüglich dessen, wer von den Beiden der inoffizielle Führer ist – auslösen wird. Diese Opposition kann bei der formalen Präsidentenschaft desselben Jazenjuks entstehen, wie auch bei der Aufstellung eines jeden x-beliebigen anderen Kandidaten für die Präsidentschaft. Es ist in diesem Fall interessant, mit wem Jazenjuk spielen wird, und welcher Chef der bewaffneten Kräfte wen als Marionette auswählen wird, der dann nicht mit Jazenjuk zusammenarbeitet. Letzten Endes wird gerade davon abhängen, ob die an die Macht kommenden Radikalen nach Poroschenko sofort versuchen werden, die Minsker Karte in irgendeiner Form zu spielen oder ob sie sich sofort davon trennen und das Abkommen kündigen.

Ein zusätzlicher Faktor der Chaotisierung des ukrainischen politischen Raumes sind die regionalen Eliten. Mindestens der nach Dnepropetrowsk zurückkehrende Kolomojski, der Charkow kontrollierende Kernes und Dobkin, sowie Baloga (oder jemand seiner lokalen Konkurrenten) in Transkarpaten sind fähig, die Formalisierung eines unabhängigen Status zu fordern. Die Odessaer Elite geht mit der Idee eines Freihafens schwanger, ist aber wie immer auch viel zu zerstückelt, verrät einander viel zu aktiv und ist viel zu provinziell, um etwas taugliches zu gestalten. Das Maximum, wozu sie sich aufraffen können – das ist die Auswahl, unter wessen Macht man beabsichtigt, sich zukünftig zu befinden: unter Kiew oder unter Dnepropetrowsk. Bei den Resten des Donezker Klans ist die Auswahl ähnlich.

Wenn schon Poroschenko die Föderalisierung nicht umsetzte (aus finanz-ökonomischen Gründen), dann wollen das die radikalen Nazis noch weniger. Die regionalen Eliten haben auch einige Möglichkeiten des bewaffneten Schutzes ihrer Interessen in den Basisregionen, aber diese Möglichkeiten kann Kiew theoretisch mit minimalen Anstrengungen niederschlagen. Um Kiew wirksam entgegenzustehen, bräuchten sie eine vereinigende Idee, die gleichzeitig den Übergang in den internationalen politischen Raum beinhaltet, was ermöglichen würde, die Forderungen zu legitimieren.

Von diesem Standpunkt aus, wird für die regionalen Eliten Minsk-2 eine der zugänglichsten Weisen der Lösung ihrer Probleme.
– Erstens fordern sie so von der Ukraine die Durchführung der Verfassungsreform mit dem Endziel Föderalisierung (die im heutigen Kiewer politischen Jargon nur die Dezentralisierung heißt).
– Zweitens können die lokalen Eliten (in Zusammenhang mit den sich ändernden Umständen) versuchen, die Wirkungsweise der Minsker Abkommen auch in den Regionen zu verbreiten. Das wird ihre Regionen automatisch mit Kiew vergleichbar machen, wo die neue Macht auf jeden Fall Probleme mit der internationalen Anerkennung haben wird.

Nach diesem Muster bewahrt in der Mehrheit der Varianten der Entwicklung der Ereignisse, bei einem minimal adäquaten Verhalten der Kiewer Eliten, Minsk-2 die Aktualität als Basis der Regelung des ukrainischen Konfliktes (wie breit er sich auch erstreckt). Außerdem sind ganz objektiv alle ausländischen Spieler (das betrifft alle, nicht nur Russland), die Minsk-2 geschaffen haben, eher nicht dafür, dass neue ambitionierte ukrainische Führer ein neues Format produzieren, sondern sie sind daran interessiert, eine Möglichkeit einer beliebigen Zusammenarbeit mit den Kiewer oder regionalen Führern zur Anerkennung des konkreten Minsker Formates zu erreichen.

Deshalb kann man vermuten, dass sogar der sehr wahrscheinliche Sturz Poroschenkos das Minsker Format nicht abschaffen wird. Es wird nur in einer der möglichen Varianten der Entfaltung der ukrainischen Krise nicht aktuell bleiben – nämlich wenn sich die reale Macht in den Händen der überzeugten Nazis und der Russophoben befinden sollte. In diesem Fall werden die Maßstäbe des bürgerlichen Konfliktes so wuchern, seine zerstörerischen Folgen werden so groß sein, und damit auch die Gefahr für Europa so zweifellos sein, dass die Minsker Vereinbarungen einfach aufhören werden, dem Maßstab der Ereignisse zu entsprechen und die Teilnahme (sogar formal) der nominellen ukrainischen Behörden an der Lösung des Schicksals der ukrainischen Territorien wird unmöglich.

68 Gedanken zu „Ischtschenko – Bulette auf Kiewer Art“

  1. Angesichts der Vorgänge rund um den Globus danke ich Thomas Roth für diesen Artikel, der nochmals das hässliche Thema ukrostan beleuchtet, das, Syrien oder usppa hin oder her, wegen dem Donbas natürlich stets von Interesse für uns ist.

    Dank dieser Arbeiten können wir uns „gut gefüttert“ nun wieder mehr Syrien zuwenden, wo sich gerade Entscheidendes in einer sehr wichtigen Phase entwickelt.

    Danke, Thomas Roth, nicht nur für die gute (und viele) Arbeit, sondern auch für das Gespür, wo unser Blick jeweils gerade ruhen sollte.

    Eine kurze Anmerkung noch: Ich hörte gelegentlich Bemerkungen in die Richtung, Thomas Roths Übersetzungen seien schwierig zu lesen, weil oft noch „zu unbehauen aus dem Russischen übertragen“.

    Nein! Das ist *wertvoll*. Denn es geht doch eben um russisches Denken und die russische Sicht. Würde man die Artikel glatt auf Deutsch schleifen, dann ginge vieles verloren.
    Wenn die Russen „Habichte“ sagen, wo wir „Falken“ sagen, dann *will* ich da „Habichte“ lesen. Falken gelten als edle Vögel und als Raubvögel, denen nichts entkommt. Man muss nicht lange nachdenken, aus welcher Ecke der politischen Landschaft dieser Begriff kam …
    Aber auch, bei diesem Beispiel verbleibend: Russland ist nun mal ein ganz anderes Land, teilweise auch mit einer anderen Tierwelt. Das prägt das Denken der Menschen seit Urzeiten.

    Ich finde die Mischung bei Thomas Roth gut. Allemal gut verständlich, aber noch mit den ja wichtigen russischen Eigenheiten.

    1. Ich möchte hier Russophilus wg. der Anmerkung zur Uebersetzungsleistung von Herrn Roth beipflichten. Ich habe ja auch ständig mit Texten und Uebersetzungen zu tun, und muss feststellen, mit Blick auf den Originaltext, dass Herr Roth sehr gute Arbeit leistet, und der Versuchung wiedersteht, nicht ins Deutsch einzuglätten. Denn ist schon so: Der russische Text ist doch teilsweise sehr zäh und ein wenig ausschweifend, mit Hang ins Plaudern (als ein typisch russischer Text, ich meine das nicht negativ, jedes Volk hat seine Eigenheiten, und das soll man auch spüren), aber deswegen ist die Uebersetzung sehr authentisch. Ich habe mich jedenfalls dabei ertappt, teilweise einfach weiter zu scrollen…

    2. Oh, Kritik! Da reagiere ich doch wie eine Rasierklinge. Nein, natürlich nicht. Aber ich erkläre.
      1. Eins tiefer schreibt Pushek (mit Übersetzungserfahrung). Liebe Leute, Ihr glaubt doch nicht etwa, dass sich R.I. oder eine andere russischsprachige Größe im russischen leichter oder verständlicher lesen lassen? Und wenn ich nahe an der Quelle bleiben will – dann liest es sich nun mal so. Übrigens, Militärtexte sind noch schrecklicher.
      2. Wenn R.I.“ястреб“ schreibt …. dann habe ich da überhaupt keinen Spielraum. Das ist nun mal der Habicht. Der Falke heißt „со́кол“.
      3. Und bitte ehrt mich nicht mit Bewertungen der Qualität meiner Übersetzungen. Ich bin kein Übersetzer. Ich kann ein wenig Russisch und wende das an. Nichts zum Geldverdienen. Aber das will ich auch gar nicht. Ich möchte nur helfen. Grüsse …

  2. Schwere Kost!Das kann wohl nur ein Insider oder Experte einschätzen.Da es Ischtschenko ist muß man von hohem Wissen ausgehen.
    Hoffentlich bleiben uns der Jazenjud und der Turtschine erspart.

  3. Hallo Thomas Roth,
    vielen Dank für Ihre umfangreiche Übersetzungsarbeit – ich weiß Ihren immensen Arbeitsaufwand sehr zu schätzen. Rostislaw Ischtschenkos Meinungsäußerungen sind nicht leicht zu lesen, da sie enorm viele Informationen enthalten, über die man schon früher mal etwas gehört/gelesen haben sollte, um besser zu verstehen – aber es lohnt sich meiner Meinung nach immer. Im Grunde liefert Rostislaw Ischtschenko eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse mit schlüssiger Vorausschau auf die Zukunft, wobei selbige für ukrostan sehr übel aussieht, egal wie es weitergeht (Zwickmühle). Sollte die eu die Tore öffnen, ist eine Massenflucht aus dem zerstörten *??* die einzige Option für einigermaßen arbeitsfähige ukrostanis …

  4. Sehr geehrter Herr Thomas Roth, vielen Dank für ihre Übersetzung, sie machen sich viel Mühe damit und Ihre Mühe ist sehr anerkennungswert. Respekt !

  5. Danke für die Übersetzung. Aus Banderastan hört man ja so gut wie nichts mehr. Es soll allerdings die nächsten Wochen bitter kalt werden und die Gastanks sind ziemlich leer (genauso wie die Staatskasse). Naja, die EU Schwuchteln werden es schon richten auf unsere Kosten.

    1. Und wenn, dann habe ich damit ehrlich gesagt auch kein Problem, es ist nicht jeder Ukrainer ein Nazi und man kann die Leute ja schlecht erfrieren lassen.Die EU hat ja sonst Geld für jeden Mist.

      Ordentlich kalt ist es jetzt schon, um die -10 bis -12 und Schneestürme, soweit ich weiß, sind die Schulen geschlossen.

      Ich bin demnächst vor Ort und schaue mal, was ich berichten kann.

      P.S.

      Herr Russophilus, gibt es hier so etwas wie eine PN, falls Sie Rückfragen wegen des Namens haben?

      ———————————————
      Nein, aber man kann mich unter diesunddas ÄT openmailbox.org erreichen – Russophilus

  6. schwer zu lesen und ohne hintergrundwissen nicht zu verstehen das ganze.
    nach meiner beobachtung dort ist vielen leuten die globale sicht auf das ganze geschehen, wie sie hier dargelegt wird, gar nicht in diesem maße sichtbar und erkennbar. sie sind viel zusehr mit der bewältigung des alltags (und seiner gewaltig steigenden kosten) beschäftigt. auch die medien sind im prinzip gleich drauf wie in deutschland.
    ich denke dort wird irgendwann in naher zukunft eine so geladene situation entstehen das ein kleines ereigniss als funke reicht um eine gewaltige explosion zu erzeugen.
    was ich eigentlich schon lange nicht mehr gelesen habe sind neue entwicklungen in sachen milliardenkredit. eigentlich hätte die fälligkeit ja die staatsfinanzen gesprengt und den staatsbankrott ausgelöst, aber irgendwie scheint es als wäre die sache irgendwie im sande verlaufen . . . .
    weis da zufällig jemand aktuelle infos dazu ?

    1. @ Heimatloser

      Die kleineren Ereignisse im Inneren zeigen nur die Schwäche und Dekadenz der vorhandenen politischen Organisation an, ohne dass daraus ein Umschlag in eine neue „Qualität“ oder Struktur entstehen muss.

      Aber ein Stoß von außen bringt die fragile Situation zum Einsturz. Das hat es geschichtlich Hunderte Male gegeben.
      Zum Beispiel die drei Feldzüge Timur Lenks (Tamerlan) gegen die Goldene Horde, die zum Zerfall der Horde in drei Nachfolgestaaten (Khanat Krim, Khanat Astrachan und Khanat Kasan) führte und die spätere Befreiung der russischen Fürstentümer von der Tributpflicht ermöglichte.
      Oder Timur Lenks Feldzug nach Kleinasien mit der Schlacht von Angora 1402, in der er den Osmanen Bayazid (Blitzstrahl) für seine Missetaten gegen die ostanatolischen Beys strafte, besiegte und tötete, was zum vorübergehenden Zerfall des „werdenden Osmanischen Reiches“ führte.
      Oder 1916 der Aufstand der Yünnan-Armee in China gegen die monarchistischen Absichten von Präsident Yuan Shikai, der zum Zerfall Chinas in eine Vielzahl von Militär-Herrschaftsbereichen führte (das sogenannte „Militär-Diktatorentum“). Anmerkung: Der spätere Verteidigungsminister der VR China, Tschu Teh, diente damals in der Yünnan-Armee als Brigade-General und ging nach dem Aufstand ein eine Zeit lang auch fast im „Sumpf des Militär-Diktatorentums“ unter!

      Also: Ohne einen Stoß von außen mögen die innerer Krisen- und Zerfallsprozesse in der Ukraine noch eine ganze Weile so weiter gehen. Erst die äußere Kraftprobe wird der Agonie ein Ende setzen, Die Logik lässt vermuten, dass zu gegebener Zeit ein relativ kleiner „Anlass“ die beiden Volksrepubliken dazu motivieren, diesen Stoß zu führen.

      1. @ HPB
        das was sie beschreiben ist natürlich denkbar. ich würde es einfach erweitern um solche dinge wie einen neuen „maidan“ oder ein neues „odessa“ was in meinen augen genauso gut als auslöser funktionieren kann.

  7. Syrien – der Bürgerkrieg in den Händen der Großmächte

    Es schleudert einen hin und her. Aus Sonnenschein wird plötzlich Regen. Der Sieg wir ganz ruckartig zur Niederlage. Auf der Treppe des Tages fehlt der Handlauf – man weiß nicht, woran man sich eigentlich festhalten soll. Kriegsbeobachter, die einem seit langer Zeit als Orientierung dienten, fangen auf einmal an, sich für Falschinformationen zu entschuldigen. Es ist Krieg. Und natürlich gerade auch auf dem Informationssektor. Wie entscheidend wichtig das für den Sieg im Krieg ist …. zwei Bemerkungen dazu:

    1. Ich bin mir sicher, dass von 100% täglichen Informationen 99% nicht der reinen Wahrheit entsprechen, sondern einen Zweck verfolgen. Wenn man siegen will, dann muß man für den Angriff eine Übermacht organisieren. Man braucht dafür eine 3-5fache Überlegenheit, die man durch Nachschub oder Umgruppierungen erreicht. Dem wird mit Fehlinformationen nachgeholfen.

    2. Zurück bis in den WK-2. In der entscheidenden Phase des Krieges fand die Operation Bagration statt. In der wurden in der Vorbereitungsphase ganze Armeen hin und her geschoben. Wochenlang – sozusagen – fuhren die Armeen vom linken zum rechten Frontabschnitt und wieder zurück – bis die deutsche Führung die Übersicht verloren hatte. Dann folgte der sowjetische Angriff aus völlig unerwarteter Richtung ….

    Ähnliches könnte in Syrien auch stattfinden.
    Selbst wenn die Verlegung der Kämpfer in der Nacht erfolgt, ist die russische Aufklärung wahrscheinlich über Jeden, der da von Mossul nach Palmira fährt, im Bilde. Tagsüber Satelliten, 24/7 abhören der Telefone und sozialen Netzwerke (ohne die kann man 4000 Mann nicht über solche Entfernungen verlegen, bis hin zu Speznas-Patrouillen (die nachts genauso aussehen wie Jihadisten) beobachten alles. Und solche Erklärungen wie „der IS wurde aus dem Irak verdrängt und konnte deshalb …“ sind geschenkt. Ausreden. Oder ist das neu und unerwartet? Sicher nicht. Ich vermute z.B., dass der massive Angriff der Luftstreitkräfte den Zweck hatte, den IS-Vormarsch zu verlangsamen, weil man in Palmira noch nicht mit allem fertig war. Vermutlich vermochten die syrischen Einheiten (immerhin 1000 Mann) nicht schnell genug abzuziehen. Zuerst konnten sie wahrscheinlich nicht glauben, wie viele Bärte da anrückten, dann hatten sie es begriffen und gerieten in Panik – und genau wie früher – ließen sie ihre Kampftechnik einfach stehen und rannten, dass die Röcke flogen. Diese Soldaten wollten nicht kämpfen. 1000 Mann rannten. Sollen doch Russen und Iraner für uns sterben. Haben die denn Immer noch nichts gelernt?

    3. Warum war eigentlich Palmira immer noch nicht befestigt? Der Ort hat keinen natürlichen Schutz, das heißt, er liegt auf platter Erde. Da hätte z.B. das kleinste Minenfeld geholfen. Die Zugänge zur Stadt zuverlässig zu sichern dauert einige Tage. Warum ist da überhaupt nichts geschehen?

    Einschub:
    Früher war das ganze Offizierskorps der SAA russisch orientiert und ausgebildet. Ich erinnere mich aus meiner Studienzeit an die Wüstensöhne (Syrer, Iraker und Afghanen unterschieden sich nur wenig). Männer, die einen sehr guten Eindruck hinterließen. Dann kam Freund Assad auf die Idee, seine Leute von den Türken ausbilden zu lassen. Ich kenne keine türkischen Militärs. Außer in der Geschichte, da standen sie mal vor Wien und erfanden den Bagel. Ich weiß also auch nicht, ob sie bessere oder schlechtere Ausbilder als die Russen sind. Ich weiß aber eins ganz genau: sie arbeiten anders. Demzufolge sind natürlich auch die Arbeitsweisen nicht kompatibel. Ich könnte mir vorstellen, dass es zwischen den Stäben immer noch nicht bis zum Ende geklärt ist. Abschließende Frage: Ist es denkbar, dass ein auf einer türkischen Offiziersschule ausgebildeter Syrer einem ehemaligen Studienkollegen Informationen weitergibt? Apropos Assad.
    Hier auf der Seite gibt es genügend Leute, die ihn mit dem zweiten Sohn Gottes vergleichen. Das tue ich nicht – aber bitte, ich lasse Euch gern Euren Glauben.
    Die Russen benehmen sich in Syrien ziemlich seltsam – es gibt absolut keine Strategie, nicht einmal Handlungsrichtlinien. Richtig ist, dass Baschar al-Assad – der legitime Präsident ist, die Russen das internationale Recht auf ihrer Seite haben und in diesem Fall ihre Verbündeten schützen. Jedoch verstehen alle, dass das Regime ganz und gar nichts kann und (natürlich) durch und durch korrupt ist, sehr hart mit seinen Bürgern umgeht, was einer der Gründe der Entwicklung der bürgerlichen Opposition ist. In Syrien wissen alle, dass die Generäle und die Beamten an dem Schmuggel, dem Handel mit den Waffen (einschließlich den modernen russischen) mit den Terroristen, sehr gut verdienen. Und die Zusammenarbeit mit ihnen ist schlecht. Meiner Meinung nach gehört dem guten Mann die Pistole auf die Brust gesetzt, der syrische Generalstab unter Androhung der Todesstrafe entmachtet und hinter den Truppen Sicherungskompanien aufgestellt.

    Außerdem ist Damaskus in letzter Zeit mehr Verbündeter Teherans, als Moskaus. Und das deshalb – weil Assad ein vollkommen selbständiger Führer sein will und nicht bereit ist, sich Jemandem zu unterwerfen. Und das ist unvorteilhaft. Wenn man seine Interessen, die Interessen seines Volkes und die russischen Interessen betrachtet, dann ging es bisher ausschließlich um seine Interessen. Sein Volk und auch die Russen haben bisher gar nichts von den Kämpfen.

    Also im Allgemeinen, als einen tollen vorteilhaften Verbündeten würde ich Baschar al-Assad nicht bezeichnen. Außer Tartus und Hmeimim haben die Russen nichts von ihm. Doch, 22 Tote. Versorgen müssen sie sich auch selbst. Es stellt sich natürlich die Frage, was die Russen da wollen, wenn Assad nicht ihr Verbündeter ist? Die Russen müssen für sich selbst entscheiden, was sie eigentlich in Syrien wollen, und dann die selbst gestellten Ziele erfüllen, Bedingungen stellen, befehlen, die lokalen Beamten und die Militärs unter Druck setzen. Russland sollte sich benehmen wie eine starke Besatzungsmacht, die die lokalen Probleme löst. Und man glaubt es nicht, die Syrer warten gerade darauf: es werden die Russen kommen, werden die korrumpierten Generäle erschießen, werden sie mit ihren ersetzen, werden die neue syrische Armee nach den russischen Mustern schaffen (wie das die Amerikaner mit den Kurden gemacht haben), werden die bewaffneten Gruppierungen zwingen, sich untereinander zu versöhnen. Man hört auch oft die Bitte: schließen Sie uns an, wie die Krim. Aber die Zusammenarbeit ist immer noch sehr holprig. Und wie weiter oben schon erwähnt: mit Aufklärungsdaten muß man sehr vorsichtig umgehen.

    Weiter in Palmira:
    Der syrische Generalstab rief um Hilfe (ihre Flugzeuge haben keine modernen Nachtzielgeräte), die Russen kamen mit allem was Flügel hat
    (einschließlich Tu-22M und Kaliber) und flogen 64 Angriffe. Außerdem brachten sie noch 200 Mann von den Speznas nach Palmira. Jeder kann selbst den Aufwand mit dem Ergebnis vergleichen und dann für sich ableiten, was für eine spontane Panikhilfe das war. 300 tote Kämpfer, darunter sollen rund 100 Selbstmordattentäter gewesen sein, eine Kompanie Panzer und vielleicht drei Dutzend Trucks mit schweren Maschinengewehren. Was für ein Aufwand. Die Russen hatten schon in den Tagen davor mit dem IS gekämpft. Aber das geschah rund 10 km vor der Stadt. Blieb aber nicht so. Hat nur keiner gedacht.
    Und der Gouverneur von Hama, Bassari, gibt aus der Ferne ganz munter den Reporter – alles wird gut, die Gegenoffensive wird schon geplant. Ich vermute, dass der IS die syrische und russische Führungstechnik nicht stehen läßt?

    Wenn ich da zynisch werde dann hat das zwei Gründe:
    1. Die Syrer lernen wirklich langsam. Und außer der Brigade von Oberst Hassan und der 10.PD scheint es kaum weitere brauchbare Truppen zu geben. Demzufolge sollte Jedem ganz deutlich sein, dass Syrien ohne die Russen schon lange verloren wäre. Und wenn nicht langsam was grundsätzlich verändert wird dann kommt es auch genau so. Ich erinnere daran, dass nach 6 Monaten Putin die Militärhilfe halbierte. Eine Woche lang. Noch eine Woche später wäre es schon zu spät gewesen. Der beleidigte Syrer – jetzt lassen uns die Russen auch noch im Stich – ging nicht mal mehr zu den Mahlzeiten.
    2. Wir alle brauchen gute Nachrichten wie die Luft zum Atmen. Und der Verlust von Palmira ist ein Schlag in die Magengrube. Nur HPB, mein Lieber, das ist kein Grund zur Panik. Das ist unangenehm, gerade auch weil die Russen bei der Befreiung von Palmira so ein Theater gemacht haben. Aber der IS kann heute in Palmira kaum Schaden anrichten und wenn es nur deshalb ist, weil sie keinen Platz für Sprengstoff mehr hatten und weil sowieso schon alles nur Ruinen sind. Die Bärtigen werden jetzt eingekesselt und dann vernichtet. (Oder sie besteigen grüne Busse …) Da werden an allen Seiten TOS-1 aufgestellt, den Rest erledigen die thermobaren Geschosse. Dafür ist gerade da jetzt freie Bahn.
    Der IS – geführt von den Amerikanern, den unfähigsten Strategen der Welt – hätten nur dann gefährlich werden können, wenn er die 210 km nach Damaskus durchgefahren wäre. In dem Zentrum hätten sie richtig Schaden machen können. Aber …
    Aber heute ist ein anderes Problem entstanden: man merkt immer mehr, dass die syrische Elite den Krieg veranstaltet, an dem sie richtig gut verdient. Deshalb ist Palmira eben verloren worden – die Armee des Regimes wünscht nicht, aktiv zu kämpfen. Die Russen müssen diese Situation sofort verändern. Und sie zu verändern ist nötig von der Position der Kraft aus. So kann man sich deutlich ein wünschenswertes Endergebnis vorstellen.

    Gehen wir zurück nach Aleppo:
    Am 12.12.2016 um 19:35 Uhr ertönen Salven von Schüssen. Da war wohl der Kampf um Aleppo beendet. Die RT-Reporterin, Lizzie Phelan, teilte dann wenig später mit, dass der Vorsitzende der Baath-Partei in Aleppo erklärt hat, dass die Schlacht um Aleppo gewonnen und Aleppo vollständig vom Terrorismus befreit ist. Die Leute in Aleppo feiern den historischen Tag auf den Straßen. Ob es da noch irgendwo Terroristennester gibt … who knows. Der Kampf ist gewonnen. Ich werde in den nächsten Tagen aufmerksam auf Trophäenlisten achten. Die Leute, die in den vergangenen Tagen kapitulierten, brachten außer Schützenwaffen nichts Brauchbares mit. Eine Schilka und eine Handvoll Granatwerfer. Also war die Versorgung konsequent unterbrochen und die Terroristen waren ausgebrannt. Toll, Aleppo ist abgehakt. Minen räumen, Wiederaufbau und Reorganisation des Lebens. Mal sehen wer alles kommt, sich vor Ort feiern zu lassen … Am nächsten Morgen – heute ist Dienstag – stellt sich die Situation leicht anders dar. Ob ich nun die Meldung des russischen Führungsstabes aufgreife: Die SAA hat 98% von Aleppo besetzt oder auf andere Quellen zugreife: 07:30h: Ibrahim Joudeh meldete, dass die Armee in Aleppo in die von Terroristen verlassenen Gegenden Bustan al Qasr, Kalaseh, Bab Antakia, Jaloum und Aqabeh reingegangen ist. The Inside Source meldet, dass die syrische Armee in Sukkari mit einem Hinterhalt von Terroristen rechnet und da deshalb langsamer agiert. Sukkari und Umgebung bilden den Kern dessen, was bei Wikimapia noch als Süd-Aleppo-Tasche ausgewiesen wird. In Sukkari befindet sich laut Wikimapia auch das von dem unter dem Pseudonym Hamza al Khateeb agierenden Terroristenführer geleitete Quds-Krankenhaus, was auch erklären dürfte, warum die Terroristen ihre Hochburgen wie Kallaseh aufgegeben haben, um sich nach Sukkari zurückzuziehen.
    09:30h: Das russische Zentrum für Versöhnung in Latakia teilte mit, dass in den letzten Stunden in Aleppo 375 Bewaffnete kapituliert hätten und aus den Terroristengebieten in die Regierungsgebiete gegangen sind. (Quelle PB)
    Die Zerschlagung des Brückenkopfs der Terroristen in Aleppo sollte den Kampfgeist der Kämpfer vollkommen vernichten, deshalb ist die Neutralisation des negativen Effektes auf den anderen Frontabschnitten so wichtig. Man wird im Gebiet um Damaskus und in Palmira (diese Abschnitte stechen heraus) schnelle Erfolge anstreben, um nicht die Bedeutung des Sieges in Aleppo zu schmälern.

    Abschließend ein letzter Gedanke:
    Noch bevor Russland in den Krieg in Syrien einstieg hieß es schon, dass man si