Es lebe die Pressefreiheit!

Wie blind müssen sie eigentlich sein, die wohlbestallten Beschäftigten der Konzernmedien, wenn selbst beim Mord an Busina bei ihnen kein Groschen fällt, nicht einmal ein Pfennig… und sie nach wie vor daran festhalten, in der Ukraine würden westliche Werte verteidigt…

Es ist beschämend, zu lesen, wie im Handumdrehen das Thema schlicht durch das Etikett „pro-russisch“ erledigt wird. Damit scheint alles gesagt zu sein. So, wie im Falle von Ruslan Kotsaba damit alles gesagt war, dem „nur“ acht Jahre Haft drohen. Wie denunziatorisch die Reaktion der deutschen Medien war, habe ich damals unter „Der Fall Großmann“ dargestellt. Und nun wird ein Mord auf offener Strasse beiläufig und subtil entschuldigt.

Aber bildet Euch doch selbst ein Urteil über Busina in dem folgenden Video, seinem letzten Interview vor seiner Ermordung. Beim Anfertigen der Untertitel hat mich dieses Gespräch, insbesondere die Passage mit einem der Chefredakteure des Senders, an die Dialoge in „Inglorious Basterds“ erinnert, für die Christoph Waltz den Oskar erhalten hat.. Tarantino scheint die Wirklichkeit auf den Punkt getroffen zu haben. Der Chefredakteur legt Busina nahe, sich nicht mehr zu politischen Themen zu äussern, und beginnt einen abgebrochenen Satz mit „Ich sähe es ungern, wenn…“. Sagen wir einmal, es handelte sich um einen angekündigten Mord.
Hier das erste Video:

Erinnert Ihr Euch noch an die Erzählung, die um die Ermordung von Boris Nemzow gesponnen wurde? Bei Busina ist die Sache viel offensichtlicher; man muss sich nicht allzu sehr in Vermutungen ergehen. Anatolij Scharij hat einige Dokumente dazu in seinem Kommentar zum Mord an seinem Kollegen zusammengefasst:

Und es ist nicht der einzige Fall. Seit einigen Wochen häufen sich zweifelhafte Suizide und offene Morde. Dieser Bericht des russischen Fernsehens stammt von Mitte März, das war erst der Anfang der Serie:

Die ukrainische Junta beschränkt das Blutvergiessen also längst nicht mehr auf den Donbass. Irrwitzige Haftstraden für lächerliche Vergehen und die Einführung von Folter als übliches Verfahren reicht ihr nicht mehr. Man muss schon sehr zur anderen Seite blicken, oder, besser, den Kopf so völlig abwenden können wie Linda Blair im Exorzisten, um die Fratze des Faschismus nicht zu erkennen.

Aber kein Kunststück ist der deutschen Presse zu schwer. Sie schaffen es sogar, wie der Focus, die „Geschichte von der Hand Moskaus“, die Scharij in seinem Kommentar gleich befürchtete, frisch aus dem Mund des Schokokönigs auf deutschen Tischen zu servieren, wie ntv:

„Nach den Morden liefern sich Kiew und Moskau nun einen Kampf um die Deutungshoheit. Ukraine-Präsident Petro Poroschenko gab ganz offen Russland die Schuld. Er sprach von einer Serie politischer Verbrechen. “Das ist eine bewusste Provokation, die Wasser auf die Mühlen unserer Feinde gießt.” Die Taten sollten die innenpolitische Lage in der Ukraine destabilisieren.“

Der Reporter Dirk Emmerich, der es besser wissen müsste, weil er am 9.Mai vergangenen Jahres in Mariupol persönlich gesehen hat, wie die Nationalgarde wehrlose Bürger auf der Strasse niederschoss, orakelt mit leisen Zweifeln:

„n-tv-Reporter Dirk Emmerich sagt: “Auch wenn belastbare Beweise fehlen, ist nicht auszuschließen, dass Russland dahintersteckt, um die Lage in der Ukraine auch jenseits des Donbass weiter zu destabilisieren. Genauso wenig wie die Variante, dass hier ukrainische ultra-nationalistische Kräfte am Werk sind. Poroschenko muss alles tun, um diese Morde schnellstmöglich aufzuklären.”“

Lieber Herr Emmerich, Poroschenko wird nichts dergleichen tun. So wie er nichts dergleichen in Bezug auf die Scharfschützen auf dem Maidan tat, und nichts dergleichen in Bezug auf das Massaker von Odessa. Er ist viel zu beschäftigt mit den Planungen für Artillerieangriffe auf Städte im Donbass und weiteren Morden. Wenn er nicht gerade wieder einmal hier empfangen und für seine „Leistungen“ gelobt wird, wie jüngst sein Spießgeselle Jazenjuk.

Aber die Fälle sind ja jetzt geklärt. Schliesslich hat sich eine Gruppe namens „Ukrainische Aufstandsarmee“ zu den Taten bekannt… Und was schreibt die Süddeutsche zu diesem historisch vertrauten Namen?

„Der Name Ukrainische Aufständische Armee spielt auf eine nationalistische westukrainische Partisanenorganisation während und nach dem Zweiten Weltkrieg an. Die Mitglieder waren für Massaker an Polen und Juden 1943 in Wolhynien verantwortlich.“

Ach ja. Nur, dass genau diese UPA gerade erst von Poroschenko & Co. in Gänze zu heldenhaften Freiheitskämpfern erklärt wurde, gleich wie viele Polen, Juden und sonstwen sie ermordet haben. Das muss der Süddeutschen entweder entgangen sein, oder sie hatte in diesem Moment wieder einen Anfall von Linda Blair.

Immerhin entbehrt diese Wendung nicht einer gewissen Logik – angesichts der in der Ukraine herrschenden Ideologie kann diese Bezeichnung durchaus als Selbstbenennung der ukrainischen Staatsorgane durchgehen, als zweite Identität der SBU etwa.

Anatolij Scharij übrigens lebt seit Jahren im westeuropäischen Exil. Er musste nach einem Bericht über Korruption das Land verlassen und erhielt in Litauen Asyl. Inzwischen sind den Litauern aber seine Enthüllungen über die ukrainischen Lügen sauer aufgestossen, und die Behörden dieses EU-Landes prüfen mittlerweile, ihm den Status als politischer Flüchtling wieder abzuerkennen und ihn in die Ukraine abzuschieben. Was das bedeuten würde, kann man unschwer vermuten, irgendwo auf der Skala zwischen Kotsaba und Busina.

Werte Mitarbeiter der bürgerlichen Presse, ehe ihr mit dem billigen Etikett „pro-russisch“ jedes Nachdenken umgeht, solltet ihr wahrnehmen, dass Leute wie Busina und Scharij nur das tun, was auch ihr tun solltet. Ihr lasst schon Menschen im Stich, die nichts Anderes tun, als den Regeln zu folgen, denen euer Gewerbe angeblich unterliegt. Es handelt sich weder um Linke noch um „Separatisten“, sie sind Fleisch von eurem Fleisch, Blut von eurem Blut, und ihr habt nichts Besseres zu tun, als ihren Verfolgern Loblieder zu singen. Ihr solltet vor Scham im Boden versinken, sobald ihr die Bezeichnung „Journalist“ auch nur in den Mund nehmt.

Als Beleg dafür noch ein viertes, letztes Video – ein längeres Interview, das ein baltischer Sender mit Anatolij Scharij führte:

In Deutschland scheint ein solches Interview bereits unvorstellbar. Das feindselige und manipulative Verhalten der Mitarbeiter von Radio Vesti gegenüber Busina aus dem ersten Video kann man dafür im Fernsehen erleben, sobald man Jauch oder die Tagesschau anschaltet. Bis zu den Drohungen des Chefredakteurs sind wir noch nicht vorgedrungen. Aber es drängt sich die Frage auf, wie lang die Entfernung ist, die bis dorthin noch zurückzulegen wäre, und ihr, werte Mitarbeiter der bürgerlichen Presse, solltet die dafür erforderliche Zeit nutzen, um in euch zu gehen und darüber nachzudenken, ob ihr nicht gerade die Grube grabt, in die ihr fallen werdet.