Vom Reden und Denken

Vorab eine kurze Darstellung der jüngsten Ereignisse: es gab Angriffe gegen mich, bis hin zu einem Parteitagsantrag auf Ausschluss, mit der Begründung, ich habe rassistische Kommentare geduldet und das schade der Partei…

Nun war dieser Blog aber kein Parteiblog und wird auch keiner werden. Ich habe Texte zu verschiedenen Themen verfasst, die meine Meinung wiedergeben, habe Videos untertitelt, andere Texte übersetzt. Die einzige Verbindung zwischen meiner Tätigkeit auf diesem Blog und meiner Tätigkeit in der Partei besteht in mir selbst und meinen Überzeugungen.

Dieser Blog hat eine Kommentarfunktion. Rechtlich gesehen bin ich zwar für die Kommentare verantwortlich, aber nur insoweit, dass keine strafrechtlich relevanten Dinge geäußert werden.

Nun, was sind Kommentare? Sie sind eine geäußerte Meinung. Wenn jemand schreiben sollte, „ich würde meine Nachbarin am liebsten erwürgen“, so ist das eine Meinung. Das besagt nicht, dass genau das auch getan wird. Natürlich gibt es Kommentare, die mir die Zehennägel hochrollen. Ich gehe auch nicht davon aus, dass meine Texte jedem gefallen. Aber wir bewegen uns im Reich der Worte, und zwar nur der Worte, nicht im Reich des Handelns. Wer Worte wie Taten behandelt, etabliert die Kategorie des „Gedankenverbrechens“.

Ich kann keinen Vorwurf daraus machen, wenn jemand etwas schreibt, was ich für falsch halte. Ich halte das Konkurrenzdenken, das diese Gesellschaft prägt, für falsch. Aber es ist ein Denken, das durch diese Gesellschaft erzeugt wird. Dieser Tatsache muss ich mich stellen. Eine Welt, in der einige wenige Länder den Rest des Planeten unterwerfen und ausbeuten, erzeugt zwangsläufig ein Denken, das die Menschen in wertvollere und weniger wertvolle unterteilt. Ganz zu schweigen davon, dass eine solche Weltsicht noch auf vielfältigste Art und Weise in den Medien serviert wird. Soll ich dann jemanden als Schuldigen behandeln, weil er das wiedergibt, was diese Gesellschaft durchdringt und als gültige Wahrheit in Schulen vermittelt wird? Die Regierung dieses Landes arbeitet mit großer Energie daran, die Deutschen und die Flüchtlinge aufeinander zu hetzen. Ein neueres Beispiel war erst diese Schmierenkomödie zwischen Gabriel und Merkel, die mit Merkels Antwort endete, man könne leider die soziale Lage hier nicht verbessern, der Haushalt müsse ausgeglichen bleiben… Wenn diese zynische Strategie bei jemand verfängt, auf wen sollte ich dann meinen Zorn richten? Auf diese Person oder auf diese hetzerische Politik?

Ich finde es albern, so zu tun, als würden Sprechverbote irgend etwas verändern. Das Erfolgreichste, was von der Frauenbewegung der 70er übrig blieb, waren Sprechverbote. Es gibt jetzt ganz viele Texte, die weibliche Formen gebrauchen; aber daran, dass Frauen nach wie vor deutlich weniger verdienen als Männer, hat sich nicht ein Jota geändert. Es gibt weniger sexistische Witze (oder sie werden weniger in Gegenwart von Frauen erzählt), aber Alleinerziehende sind heute ärmer, als sie es vor zwanzig Jahren waren. Wie sieht sie also aus, die Bilanz? Nüchtern gesagt, beschissen.

Wenn ich eingreifen würde und alles löschen, was nicht „passt“, dann könnte ich mir nicht nur den Kommentarbereich schenken; dann wäre rein gar nichts an Erkenntnis gewonnen. Ich hätte ein Häkeldeckchen über die Wirklichkeit gelegt. Da stellt sich die simple Frage – wem nützt das? Rosa Luxemburg zitierte oft einen Satz von Lasalle: „Die revolutionäre Tat ist stets, auszusprechen, was ist.“ Das ist für mich die Maßgabe für das, was ich schreibe. Dann sollte das auch die Maßgabe für den Umgang mit dem Kommentarbereich sein.

Es gab den Vorwurf, ich würde rechten Positionen „ein Forum bieten“. Als wäre das dafür irgendwie erforderlich. Dafür gibt es die BILD und hunderte anderer Massenmedien. Menschen, die diesen Blog lesen und auf ihm kommentieren, sind zumindest einen nicht ganz unerheblichen Schritt weiter. Sie stehen nicht hinter der Kriegspolitik. Das sollte man als Erkenntnis respektieren. Und mit Anstand miteinander umgehen, auch wenn man völlig unterschiedlicher Meinung ist. Die Reaktion vieler Linker gleicht leider oft der berühmten Szene aus dem „Leben des Brian“ – „Er hat Jehova gesagt, er hat Jehova gesagt!“ Und dann erfolgt die pfeilschnelle Flucht in die Kuschelecke.

Wie soll man also mit Menschen umgehen, die auf der Suche nach Erkenntnis sind (und nichts Anderes kann ein Blog im besten Falle sein, als ein Werkzeug der Erkenntnis) – sie vorsortieren in genehme und weniger genehme, und einige davon von vorneherein zurückweisen?

Nein, es gibt keinen anderen Weg als zuzuhören und miteinander zu sprechen. Und vorschnelle Verurteilungen zu lassen. So wurde das im Kommentarbereich dieses Blogs praktiziert, und so wird das auch bleiben. Übrigens bleibt die Moderation in der Verantwortung des bewährten Russophilus.