In eigener Sache

Auch wenn einige von uns das optimistischer sehen, die Gefahr eines großen Krieges ist noch nicht vorüber. Die Debatten über einen „Plan B“ seitens der USA und die Einsatzregeln der NATO-Marine im Mittelmeer belegen das ebenso wie der erneut zunehmende Beschuss im Donbass. Und auch die Propaganda in den hiesigen Massenmedien legt eher noch einen Gang zu.

Dieser Blog ist in den letzten anderthalb Jahren für viele Menschen zu einer wichtigen Informationsquelle geworden. Wir bemühen uns, Dokumente, Reden, Videos zugänglich zu machen, die eine andere Sicht ermöglichen und die hiesige Propaganda durchschaubar zu machen. Die meisten von Euch sind wie ich selbst über den Krieg im Donbass dazu gebracht worden, sich genauer mit der aktuellen Kriegspolitik auseinanderzusetzen.

Wir sind uns alle einig in der Ablehnung der ukrainischen Faschisten. Aber ich denke, es gibt noch mehr Punkte, die wir miteinander gemein haben – eine tiefe Abscheu vor einem Zustand, in dem das Verhältnis der Nationen zueinander von Unterwerfung, Ausplünderung und Zerstörung beherrscht wird. Es ist mir auch niemand aufgefallen, der es begrüßen würde, wenn die USA als die augenblicklich dominante Macht von einer anderen abgelöst würden, die sich genauso verhält. Internationale Beziehungen, die von Respekt und Gleichheit geprägt sind und die Möglichkeit für alle Menschen, über ihr Leben selbst zu bestimmen und nicht den Interessen von Banken und Konzernen ausgeliefert zu sein, auch das teilen zumindest die Meisten von uns, gleich, wie sich das als politische Überzeugung manifestiert. Und den Wunsch, der finsteren Entwicklung zu widerstehen.

Es ist nicht überraschend, dass es Angriffe gibt. Seit dem Maidan wird hier bei uns kontinuierlich versucht, alles, was der Kriegspolitik widersteht, in die rechte Ecke zu stellen. Das begann mit der Denunziation des Widerstands im Donbass als „russische Faschisten“ und setzte sich weiter fort in den Debatten um die Friedensbewegung und die sogenannte „Querfront“. Von der kontinuierlichen Abqualifizierung jeder von der Regierungslinie abweichenden Information als „russische Propaganda“ und der Menschen, die sie verbreiten, als „Putintrolle“ nicht zu reden.

Jüngst wurde mir gar unterstellt, ich würde Ansichten von Pegida und AfD teilen oder gar fördern – nur, weil ich nicht jeden, der Sympathien in diese Richtung äußert, gleich mit dem Etikett „Faschist“ versehe und in den Keller schleife. Aber für die Debatte auf diesem Blog sollte es nicht mehr Anforderungen geben als eine Einhaltung der Regeln. Der Mensch ist ein Wesen, das lernen und sich entwickeln kann, nach diesem Grundsatz möchte ich mit anderen umgehen. Dass dieser Grundsatz wichtig und richtig ist, lässt sich auch mit Lesern dieses Blogs bekannten Beispielen belegen. Ruslan Kotsaba, der ukrainische Journalist, der mittlerweile seit über einem Jahr in Haft ist, weil er gegen die Einberufung für den Bürgerkrieg gesprochen hatte (und über den damals die Tagesschau aufs Übelste herfiel), war ursprünglich ein Anhänger des Maidan. Vor wenigen Tagen hatten wir das Video über Tschetschenien auf der Seite, das von ehemaligen Daesh-Anhängern berichtet, die dort in den Schulen Aufklärungsarbeit machen.

Natürlich will ich keinen Kommentarbereich, der von Werbung für die oben genannten Organisationen dominiert wird. Aber die Bereitschaft, miteinander zu sprechen, ist nicht mehr als die Anerkennung der Qualität, Mensch zu sein, und wenn dies allein schon zu Angriffen führt (und bei einem großen Teil der „Querfront“-Debatte ging es nicht um mehr als das), zeigt das nur, wie dehumanisiert unsere politische Landschaft bereits ist.

Wie jede Form von Propaganda arbeiten auch diese Angriffe mit massiven Verzerrungen. Ein kleines Beispiel (es ist nicht wichtig, woher es stammt) – auf diesem Blog gab es, zu meinem Artikel „Aus der Mädelsecke“, folgenden Kommentar:

„Es ist so furchtbar, dass ich Schmerzen im Kopf bekomme.
Aufgrund meiner ganzen Lebensgeschichte war/bin ich ein Freund von Migranten, da ich weiss, was es bedeuten muss, seine Heimat aufzugeben. Was mich schmerzt ist, dass ich damit aufhören muss und dass man die Dinge beim Namen nennen muss. Gerade, wenn es von ‘Oben” gedeckelt wird. Die Bevölkerung ist SEHR empört, nicht nur wegen Lisa. Sie ist unruhig und sie sieht, was vorgeht. In unserem Dorf wurden über Nacht 500 Schwarze angesiedelt. Aus Somalia, Eritrea und Maghreb, soweit ich das beurteilen kann. Magere Gestalten. Magere Menschen, die einsam, arm sind. Alles soweit klar. Sie treten nur in Gruppen auf. Auch das verständlich.
Sie stehen an den Einkaufsmaerkten herum, denn sie dürfen tagsüber nicht im Zimmer bleiben. Sie werden ganz verrückt, wenn sie sehen, was die Deutschen da alles aus dem Markt raustragen. Nicht für sie. Sie können sich pro Nase höchstens 6 Bier leisten. Und nun kippt die Geschichte. Sie lachen über die Deutschen. Sie machen sich lustig und … werden frech. Sie fragen, ob sie die Hälfte des Einkaufswagens haben koennten, sie seien ja 20 Leute. Natuerlich fragen sie das nicht einen unserer stämmigen Bauern. Nein, sie fragen das Frauen, die allein am Parkplatz ihr Auto beladen wollen.
Was tut die Frau? Wird sie gross diskutieren und denen sagen, was Sache ist? Mitnichten. Sie wird verängstigt sein und sich im Auto verbarrikadieren. Sie wird es zuhause erzählen und die Stimmung gegenüber Migranten wird sich verdunkeln..Da brauchts noch nichtmal eine Vergewaltigung, oder sexuelle Anmache.
Es ist nur so, dass die Stimmung inzwischen soweit ist, dass, wenn etwas passiert sich sehr wohl einige Männer zusammentun und etwas ungnädig reagieren. Wohlwissend, dass dann sie der Mob sind und sie Nazis genannt werden. Keiner von denen ist übrigens Nazi. Ist aufgrund der Vorfälle mehr Polizei präsent ? Nein! Man wolle nicht ‘durch Präsenz provozieren’ und ‘im Vorfeld unbewiesene Schuldzuweisungen aussprechen’. So der OTon der Polizei, die nicht in unserer Gemeinde stationiert ist, denn wir haben keine Polizei. Die Gemeinde, die auch polizeilich für uns verantwortlich wäre, ‘habe erheblich grössere Probleme’ …
Ich kann momentan nicht stringent beweisen, dass das Alles gewollt ist, von Oben, von Eliten, von wem auch immer.
Viele von Euch glauben das zu wissen. Mir fehlt das Argument, der Beweis. Aber, dass es einem zunehmend unwohler wird. Das seh ich nicht nur an mir sondern Vielen.
Es läuft etwas total falsch. Wieder werden Kleine gegen die (noch) Kleineren gehetzt.“

Die hervorgehobenen Teile lassen schon erkennen, was daraus gemacht wurde – dieses Zitat:

„”In unserem Dorf wurden über Nacht 500 Schwarze angesiedelt. Aus Somalia, Eritrea und Maghreb, soweit ich das beurteilen kann. (…) Sie machen sich lustig und … werden frech. (..) einige Männer zusammentun und etwas ungnädig reagieren. Wohlwissend, dass dann sie der Mob sind und sie Nazis genannt werden. Keiner von denen ist übrigens Nazi.”

Diese Aussage hat mit dem ursprünglichen Text nichts mehr zu tun. Aber mit solcher Demagogie muss man mittlerweile rechnen.

Schwierig wird das, weil natürlich das, was im Donbass, aber auch, was bei uns geschieht, Zorn, Wut und Empörung auslöst. Mit gutem Recht. Niemand, der etwa die Bilder aus dem Gewerkschaftshaus von Odessa gesehen hat, bleibt frei von Zorn. Die Lügen, die tagtäglich serviert werden, sind ekelerregend. Die Art und Weise, wie auch hier inzwischen Menschen aufeinander gehetzt werden, als müsste man ihnen jeden friedlichen Gedanken austreiben, schafft ebensoviel Verwirrung wie Wut. Und dennoch ist es nötig, diese Gefühle zu zügeln. Nicht nur, weil es ein Risiko für dieses Informationsmedium darstellt. Sondern auch, weil genau das ein wichtiger Akt des Widerstehens ist.

In meinem Text „Die dunkle Seite“ habe ich beschrieben, dass der Kampf gegen Faschismus immer auch ein Ringen um die eigene Humanität ist. Weil sie diesen Kampf ebenso führen wie jenen im Schützengraben, haben die beiden Volksrepubliken und ihre Truppen unsere Hochachtung. Die Auseinandersetzung, die wir hier führen müssen, die eigene Menschlichkeit zu behalten, ist (zumindest vorerst) nur ein schwacher Schatten dessen, was sie dort zu bewältigen haben. Denoch ist es nötig, dieser Frage Aufmerksamkeit zu schenken und sich nicht von den eigenen Gefühlen verleiten zu lassen, selbst wenn sie legitim sind. Wirklicher Widerstand erfordert innere Disziplin. Wenn die Herrschenden daran arbeiten, Haß zu säen, muss man zurücktreten und sich an das eigene Mitgefühl erinnern.

Im Augenblick geht es dabei hier vor allem um Worte. Dieser Blog war immer ein Ort für eine offene Diskussion, und das soll er auch bleiben. Und es geht nicht um „political correctness“ – die nur darauf abzielt, bestimmte Aussagen zu tabuisieren, gleich, ob Gedanken und Handlungen im Mindesten human sind. Es geht um Menschlichkeit. Es geht nicht darum, ob Fantasien über den Gebrauch der Laternen oder die Verwendung von Worten wie „Dreckskanaken“ böse sind; es geht darum, dass sie schwächen. Sie schwächen nicht nur die Sicherheit dieses Blogs, sie schwächen die Kraft jedes und jeder Einzelnen, zu widerstehen. Das ist der innere Zwilling des Krieges, der im Äußeren tobt, die zweite Front, und wenn es gelingen soll, nicht in der Barbarei zu versinken, dann muss er geführt werden. Bei den Milizen im Donbass wird selbst der Gebrauch von Schimpfworten sanktioniert. Genau aus diesem Grund.

Es ist gelungen, auch dank der Moderation durch Russophilus, diesen Blog weitgehend frei zu halten von wechselseitigen Beschimpfungen und Angriffen. Wer sich viel im Internet bewegt, weiß, wie schwierig die Bewältigung allein dieser Aufgabe ist. Virtuelle Kommunikation entgleitet viel leichter als ein Gespräch, bei dem man sich in die Augen blickt. Das ist nicht geschehen, und viele Menschen mit unterschiedlichen Ausgangspositionen gehen hier einigermaßen zivilisiert miteinander um.

Dennoch sind in letzter Zeit Aussagen gefallen, die den nötigen Humanismus vermissen lassen und beispielsweise Flüchtlinge in Summe als Kriminelle darstellen. Das ist genauso wenig wahr wie das Gegenteil; sie sind Getriebene, nicht Treibende, und der Gegner dieses Blogs sind jene, die Menschen als Manövriermasse missbrauchen, um daraus Profit zu saugen, nicht jene, die zu Objekten dieses Handelns werden. Es war Grundlage des Kommentarbereichs, keine rassistischen oder gar faschistischen Aussagen zuzulassen.

Nun zeigt die Beobachtung, dass Regeln, die für solche Bereiche gesetzt werden, immer wieder einmal im Laufe der Zeit aufgeweicht werden; das geschieht auf allen Blogs, die ich kenne. Wenn das geschieht, muss man eine Bremse ziehen und danach die Debatte eine Zeit lang genauer kontrollieren. Üblicherweise hat sich das Problem dann zumindest für die nächsten Monate erledigt.

Doch während um uns herum die Krisen immer weiter eskalieren und auf unterschiedlichste Weise Gräben gezogen und falsche Fronten eröffnet werden, zwischen Ost und West oder zwischen den Armen und den noch Ärmeren, ist es nötig, dass wir uns darauf einstellen, dass dieser innere Kampf schwerer wird. Vielleicht ist es ja möglich, sich wechselseitig zu stützen. Einander ohne Vorwürfe oder Etikettierungen daran zu gemahnen, wenn die Grenzen der Humanität überschritten werden. Denn es ist nicht einfach, wenn um einen herum täglich die Kriegstrommeln gerührt werden. Und diese Auseinandersetzung kann keine Moderation stellvertretend führen, das geht nur miteinander, wenn keiner mit seiner Schwäche allein ist.

Das war es, worum ich Euch bitten wollte. Und es wäre schön und äusserst nützlich, wenn wir noch in anderer Hinsicht „aufrüsten“ könnten, sprich, wenn sich weitere Freiwillige fänden, sowohl für Übersetzungen als auch für die Moderation. Sollte sich bestätigen, was sich augenblicklich abzeichnet, und beispielsweise die Lage im Donbass wieder brenzlig werden, wird das nötig sein.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, mich aus den Diskussionen weitgehend rauszuhalten, wäre ich bei dieser gerne dabei, von Anfang an. Weil ich aber am Wochenende unterwegs bin, und weil eine solche Nachdenkpause sinnvoll ist, halte ich die Kommentarfunktion vorübergehend an. Dann wird es ab Sonntag Abend eine Zeit lang etwas langsamer, weil ich selbst freischalte, bis ein Moderatoren-Team steht. Und ich bin jetzt schon neugierig auf den Verlauf der Diskussion.