Dies und Das – Grislow Perimeter

Russland hat dieser Tage usa und nato konkret, unumwunden und namentlich als Sicherheitsbedrohung benannt. Dieser Artikel wird sich thematisch mit etwas befassen, das damit in engem Zusammenhang steht und inhaltlich noch bei weitem mehr an Einsicht bietet. Nicht zuletzt werden auch per se wesentliche Fragen berührt wie z.B. die nach dem “warum jetzt?” einer ganzen Reihe von Vorfällen und Vorgängen.

Die oberflächliche Kurzversion ist knapp und knackig folgende: Russland baute auf Betreiben der usa in den 90er Jahren sein System zur besicherten gegenseitigen Zerstörung (“mutually assured destruction”, MAD) mit dem Namen “Perimeter” ab. Weniger fein ausgedrückt haben die amis das auf dem Boden liegende Russland dazu erpresst.
Was Russland damals und lange Jahre rettete, waren zum einen nach wie vor vorhandene Atomwaffen, vor allem aber die grenzenlose Arroganz der usa.

Nun ist bekannt geworden (zweifellos nicht gegen den Willen des Kreml), dass Russland 2009 wieder ein Perimeter System aufgebaut hatte und 2011 Modernisierungen, Erweiterungen und weitergehende Verzahnungen vorgenommen hat. Perimeter ist nun der ultimative und ziemlich intelligente Totmannschalter, der die garantierte Zerstörung der usa (und vermutlich der wichtigeren nato Länder) herbeiführen würde, selbst wenn kein einziger russischer Soldat mehr leben würde.

Das ist ganz wunderbar und eigentlich könnte dieser Artikel nun zuende sein.

Allerdings verbirgt sich dahinter so einiges, das sich ohne (teilweise recht spezielle) Kenntnisse nicht erschließt. Nicht zuletzt taucht auch der überaus geschätzte Hr. Grislow wieder einmal auf. Nun ja, belegen kann das naturgemäß niemand, aber eine andere Annahme erschiene mir geradezu absurd. Übrigens, das nur als Details am Rande, die Mercouris nicht erwähnt, tritt Grislow justamente gegen Ende 2011 aus dem nationalen Sicherheitsrat aus, nur um nicht ganz ein halbes Jahr später wieder als ständiges Mitglied teilzunehmen; bemerkenswert auch, dass alle anderen Mitglieder über die Funktion definiert sind. Nur Grislow ist einfach so ständiges Mitglied. Dass Grislow seit der technischen Oberschule mit Patruschew befreundet ist, scheint einiges nahezulegen – ziemlich sicher falsch; richtig dürfte sein, dass es nur insofern maßgeblich war, als so etwas für eine Position höchsten Vertrauens unterstützend hilft. Kurz danach wird Grislow von Putin als Aufsichtsratschef bei Rosatom eingesetzt.

Was uns zum nächsten Puzzlestein führt. Damit meine ich nicht so sehr, dass Rosatom eine auch strategisch höchst bedeutsame Perle und sehr wichtige Einkommensquelle und obendrein ein Hort diverser Hochtechnologien ist. Nein, ich meine Grislows Ausbildungshintergrund. Nachdem der damals junge Mann Elektronik, Fachbereich Funktechnik studiert und, das nur am Rande erwähnt, seine Diplomarbeit zur Funktechnik für Sputnik geschrieben und mit Auszeichnung abgeschlossen hat, arbeitet er in einem Leningrader Elektronikwerk und steigt schnell auf; Nach Leningrad gekommen ist er übrigens, weil sein Vater, ein Militärpilot, dorthin verlegt wurde. Über einen eventuellen Aufenthalt Grislows selbst beim Militär ist mir übrigens nichts bekannt, aber er heiratet eine, wie man sagte, nicht sehr hübsche aber sehr intelligente Frau, auch Ingenieurin und Tochter eines angesehenen Admirals. Später, Grislow ist schon seit Jahren in der Politik (übrigens von Anfang an im Umfeld Putins) legt er eine weitere wissenschaftliche Arbeit vor und promoviert, diesmal im Fachbereich Politologie.
Verkürzt kann man wohl ohne Übertreibung sagen, dass der Mann ausgesprochen intelligent, unbedingt vertrauenswürdig und nahezu sicher lange Jahre in unmittelbarer Anbindung an den (vermutlich Militär-)Geheimdienst angebunden war.

Warum spreche ich so viel über Grislow im Zusammenhang mit Perimeter? Weil Grislow nahezu sicher der “Surkow”, das Hirn, im Bereich Militär und Militärtechnologie war. Und weil ein System wie Perimeter sehr stark von Funktechnologie abhängig ist. Vor allem aber, weil Putin für den Wiederaufbau sowohl des Militärs als auch des militärtechnischen Komplexes (u.a. Industrie), aber auch für Perimeter einen unbedingt vertrauenswürdigen und hochkompetenten Mann brauchte, der auch ohne Reibungen sowohl von Militärs als auch von Ingenieuren anerkannt wurde.
Es geht dabei nicht um die Frage, ob Grislow Perimeter entwickelt hat; nein, hochwahrscheinlich nicht. Es geht vielmehr darum, dass diese gesamten riesigen Projekte einen Manager und ein Hirn an der Spitze brauchten, der auch fachlich zumindest solide einschätzen und die Bemühungen kompetent und intelligent dirigieren konnte.

Eines der Ergebnisse sind die russischen Militärtechnologien, von denen wir seit der donald cook im Schwarzen Meer hören; jene Technologien, die durch die Bank mit Elektronik zu tun haben. Aber das geht noch weiter. Wenn z.B. von Modernisierung von Flugzeugen die Rede ist, so liegt der Schwerpunkt dabei stets bei Elektronik, also Leitsysteme, Waffensteuerungen, usw.
Zu meinen, das sei so, weil Grislow nunmal Funkelektroniker ist und wäre er Schuster, dann hätten Suchois eine Lederverkleidung, wäre ein großer Irrtum. Man muss dazu wissen, dass Russland (ich erwähnte das gelegentlich) den amis im Bereich Analogelektronik und insbesondere Funk (und erweitert auf elektromagnetische Effekte bezogene) Technik weit voraus ist. Und man muss bedenken, in welcher Situation Putin und seine Leute standen. Verarmt, mit weitgehend zerschlagener Industrie, ausgehöhlter Akademia, usw. Kurz, man konnte keine Experimente machen; was immer man tat musste klappen; einen zweiten Versuch würde es lange Zeit nicht mehr geben. Und es musste eine Militär und eine Militärtechnologie werden, die mit geringsten Mitteln maximale Wirkung erzeugte.

Ein anderes und hier ebenfalls relevantes Beispiel ist der heilige Gral der Computertechnik, ein verifizierbar zuverlässiges und sicheres und dazu dennoch einfaches (im Sinne vor allem von preiswertes) System.
Die Ausgangsbasis waren zwei Prozessortechnologien; zum einen die von der ami Firma sun freigegebenen “Sparc” Prozessoren und zum anderen die sehr interessante aber veraltete “Elbrus” Architektur. Ein Kernproblem dabei war, dass sowohl Entwicklung als auch Produktion in diesem Bereich extrem teuer sind, zu teuer für Russland um das Jahr 2000. Also musste man mit Prozessoren auskommen, die, um es für Laien verständlich auszudrücken, ungefähr 10 mal weniger leistungsfähig waren als moderne westliche Prozessoren. Aber das lässt sich durch intelligentes Systemdesign recht weitgehend ausgleichen.

Allerdings gibt es noch die zweite Hälfte des heiligen Grals, die Software. Auch hier agierten die Russen überaus intelligent und spielten ihre Stärke in einem Bereich aus, in dem Geld und bestehende Industrie nicht nur nachrangig sind, sondern indem auch primär exzellente Kenntnisse, solide mathematische Grundlagen und rigoroses Arbeiten wesentlich sind.
Und noch etwas muss man wissen: Die amis haben z.B. Raketensteuerungssysteme, von denen unter Fachleuten völlig klar ist, dass sie sehr fehlerhaft und teilweise sogar unkontrollierbar sind. Warum? Zum einen, weil die amis all das, was ich eben als wesentlich aufführte, nicht haben und zum anderen, weil dort alles von Ultra-Kapitalismus diktiert ist. Beides zusammen führt zu völlig unbrauchbarer und vor allem akut unzuverlässiger software. Und, schlimmer noch, es kann von den amis gar nicht behoben werden. Sie haben’s ziemlich ernsthaft versucht und sogar eine eigene Sprache in Auftrag gegeben (“Ada”), die übrigens ein brillanter Franzose entwickelte (J. Ichbiah. Die amis versauten sie seither bis in die Sinnlosigkeit).

An diesem Punkt haben die Russen angesetzt. Als ersten klugen Schachzug haben sie nicht einfach eine neue Sprache entwickelt, sondern eine exzellent geeignete, aber “eingeschlafene” und in Vergessenheit geratene aufgegriffen und lediglich etwas modernisiert. Lustigerweise war diese Sprache den amis prinzipiell durchaus bekannt, aber aus deren Perspektive des schnellen Rausches und der “featuritis” (der sinnfreien Überfrachtung von Software mit Mist, der sich aber an Blöde verkaufen lässt) haben sie sie nie beachtet.
(Nein, ich werde keine Fragen zu der Sprache beantworten. Wer von mir auch nur den leisesten Mucks zu Russlands Geheimnissen erwartet, der wird hungrig gehen).

Erinnern wir uns: Es geht um Militär und innerhalb dieses weitläufigen, äusserst sicherheitssensiblen Komplexes um die “Weltenzerstörungsmaschine” Perimeter. Ehe man unwideruflich die Welt zerstört, möchte man absolut sicher sein, dass diese Maschine perfekt zuverlässig arbeitet. Womit wir auch bei meiner dringenden Annahme wären, dass die amis nichts vergleichbares haben. Nicht weil sie Probleme damit hätten, Russland oder China aus Versehen auszulöschen, sondern weil “unzuverlässig” bei so einer Maschinerie auch bedeuten kann, sich selbst auszulöschen.

Wer a) einen einfachen, ausgiebig erprobten, zuverlässigen (und dennoch ausreichend leistungsfähigen) Prozessor, b) eine Sprache, mit der sich verifizierbarer, absolut zuverlässiger Code entwickeln lässt und c) die intelligenten, rigoroses technisches Arbeiten gewöhnten und ausgezeichnet ausgebildeten Entwickler hat, der kann ein System wie Perimeter entwickeln.

Und natürlich braucht man dazu einen Grislow als Hirn an der Spitze, der das alles auswertet, analysiert, Strategien entwickelt, die Leitlinien konzipiert, technische Weichen stellt, die Durchführung kontrolliert und steuert.

Dann allerdings kann man auch “mal eben” mit einem neuen Steuerungssystem seine cruise missiles ganz erheblich aufwerten, seine Bomber und Kampfjets erheblich aufwerten, störungssichere und zielsichere S-400 entwickeln, usw. (Kleiner Scherz am Rande: Auch da sind alle drauf reingefallen. Die S-400 waren so ungefähr die letzten Systeme in der Schlange. Entscheidender bei der Entwicklung waren die Buks und Pantsirs).

Die “Hochzeit”, das noch als Anmerkung für technisch Interessierte, war SDR (“software defined radio” – schon wieder Radio/Funk…). Hierbei kamen die zuverlässige und mittlerweile sehr moderne russische Digitalseite und die schon sehr lange führende russische Analog-, insb. Funkelektronik zusammen und brachten lauter wunderbare Kinder hervor, die unbeeindruckt von westlichen Störversuchen sind, ihrerseits aber komplette “hightech” Schiffe der amis lahmlegen, ami “high-tech” Jets vom Himmel holen und auch unter der Wasseroberfläche erstaunliche Dinge tun können. Betonung auf Können, anders als bei den amis, wo die Betonung auf Lärm liegt.

Das zu sehen und zu verstehen und viele wesentliche Zusammenhänge zu erkennen, war mein schönstes Weihnachtsgeschenk. Wieder einmal habe ich Russland zu danken. Ich tue es mit Freude und wünsche allen Russen ein gutes Jahr.