Wie befürchtet…

Es wäre wirklich nett, wenn einmal das überraschende Körnchen Wahrheit nicht in eine neue Erzählung der Lüge eingesponnen wäre. Aber es hat sich wieder einmal erwiesen – diese plötzliche, erstaunliche Offenheit, als in Donezk ein Bus beschossen wurde (nicht der erste) war wieder mal nur der Eröffnungszug für die nächste Aktion unter falscher Flagge, den nächsten propagandistischen Kreuzzug.

Es ist schon verblüffend; schließlich muss man sich fragen, ob die ukrainische Junta jedesmal ein Warnzeichen erhält, wenn hier die Presse in die falsche Richung schreibt, und darauf sofort mit einem frischen Verbrechen antwortet. Oder ob jede einzelne dieser Nummern so breit vorbereitet ist, dass die hiesige Presse schlicht Teil der Inszenierung ist.

Denn war es nicht erstaunlich – über Wochen hinweg wurden im Sommer Orte aus der Luft attackiert, mit Hubschraubern und Kampfflugzeugen, und nichts, rein gar nichts fand sich darüber in der Presse. Auch nichts über abgeschossene ukrainische Flieger. Und dann, ganz plötzlich, am 15. Juli Berichte über einen Luftangriff auf Schneznoje.

Technisch betrachtet macht das ja Sinn. Schliesslich fällt es schwer, ein abgeschossenes Passagierflugzeug zu verkaufen, wenn die Idee von Flugzeugen und Luftabwehr gar nicht Teil der Erzählung dieses Krieges ist, weil man bisher schlicht darüber geschwiegen hat. Gut, es war ein wenig dick aufgetragen, genau aus der Gegend von einem Luftangriff zu berichten, über der dann zwei Tage später MH17 vom Himmel geholt wurde… so dass man sich wundert, ob hier wirklich blinder Zufall im Spiel war, oder Hellseherei, oder ob die Einbettung unserer Nichtlügenpresse tatsächlich so tief gehen kann, dass sie die ukrainischen Manöver schon mitspielt, ehe sie beginnen…

Aber gut, nehmen wir im Juli mal an, es habe sich um Zufall gehandelt. Und jetzt? Die ganze Periode des “Waffenstillstands” hindurch wurden die Städte des Donbass beschossen und es wurde nicht berichtet (von jenem einen Mal abgesehen, als ein Büro des Roten Kreuzes in Donezk getroffen wurde). Gleich, ob die Granaten oder Raketen in einem Bus, einem Krankenhaus oder einer Schule einschlugen. Nicht einmal der Beschuss mit Totschka-U-Raketen war eine Erwähnung wert.

Dann gab es die Geschichte mit Wolnowacha, den Versuch, einen Bus, der von einer Anti-Personen-Mine der Junta getroffen wurde, als Opfer der “pro-russischen Separatisten” zu verkaufen, bis hin zu Poroschenkos Schmierentheater in Davos. Ja, plötzlich wurden Busse getroffen. Mit Zivilisten. Nachdem im Sommer, als die Autobahnstrecken Richtung Russland noch unter Beschuss durch die ukrainische Armee lagen und diese mit solcher Begeisterung auf die Flüchtenden hielt, dass manche davon nur noch Strassen des Todes genannt wurden, kein Ton in die hiesigen Meldungen drang.

Donnerstag dann die Meldung aus Donezk. Überraschend. Mich hat sie in der U-Bahn erwischt, eine plötzliche Meldung an einer Werbeleinwand, auf der immer nur die ganz besonders wichtigen Nachrichten auftauchen. Diese Bilder müssen für die Meisten wie erste Informationen aus einem neuen Krieg gewirkt haben, einem eben erst begonnenen. Als wäre all die Monate Ruhe und Frieden gewesen, und dann ein plötzlicher, unvermittelter Ausbruch. Ich hoffte nur darauf, erleichtert sein zu können, und fürchtete den Anlauf auf die nächste Inszenierung.

Vorgestern hatte ich das auf facebook so kommentiert:

“Gestern war es für einen Moment so, dass ich wirklich glaubte, es könne so etwas wie Vernunft eingekehrt sein. Als ich in der U-Bahn die Meldung von dem Donezker Bus sah, der von einer Mörsergranate getroffen wurde. Auch wenn ich zugebe, dass ich mich erst nach einer Woche realer Berichterstattung entspannen würde; zu tief sitzt die Erinnerung an das Vorspiel von MH17 in den Knochen, als ganz unvermittelt von Luftangriffen der ukrainischen Armee berichtet wurde, nachdem man sie wochenlang völlig ignoriert hatte – und zwei Tage später wurde MH17 abgeschossen, und die Handlungen der ukrainischen Armee verschwanden wieder hinter dem üblichen Mantel des Schweigens.
Insofern könnte man fast sagen, es ist ein gutes Zeichen, wenn die vorübergehende mediale Lücke wieder fest in die Erzählung eingesponnen wird, weil dann zumindest keine schlimmere Provokation unterwegs ist.”

Und gestern kam die Provokation.

Wieder mit einem kurzen Vorlauf, der ein wenig der militärischen Begriffe im Gedächtnis der Leser lancierte, die für die Erzählung gebraucht werden. Denn für sie ist ein Grad-Raketenwerfer noch etwas Neues, Fremdes. Jetzt, acht Monate nach ihrem ersten Einsatz durch Kiew zum Beschuss der Wohnviertel in Slawjansk, nach der Wahl Poroschenkos am 25. Mai vergangenen Jahres. Jetzt, nachdem Dutzende Orte in Ruinenlandschaften verwandelt wurden und während die Stadt Gorlowka täglich einem Feuer ausgesetzt ist, das mit einem Fliegerbombenabwurf des zweiten Weltkriegs mühelos mithalten kann.

Am Donnerstag wurde also die Idee in den Köpfen verankert, dass auf die Städte im Donbass geschossen wird. Und es wurde sogar ein Motiv geliefert, warum die “Separatisten” auf die vermeintlich feindliche Stadt Mariupol schiessen könnten. Gewissermassen als Rache für den Bus. Sonst war ja nichts, oder?

So fasste die “ZEIT” die letzten Tage zusammen:
“Am Donnerstag nahmen dann die Separatisten während der schwersten Kämpfe seit August den Flughafen von Donezk ein. Ein Bus mit Zivilisten geriet unter Granatenbeschuss. Am Freitag kündigte der Anführer der Separatisten Alexander Sachartschenko eine weitere Offensive an. Und am Samstag rückte die Artillerie der prorussischen Truppen so weit vor, dass in einem Wohngebiet der 500.000-Einwohnerstadt Mariupol mehrere Grad-Raketen explodieren, 27 Menschen sterben, darunter zwei Kinder.”

Das klingt dann so, als hätten die Milizen bei den Kämpfen um den Flughafen versehentlich den Bus in Donezk getroffen. Stimmt zwar nicht, aber wenn interessiert das noch. Es lässt sich jedenfalls bestens mit der Geschichte zu Mariupol zusammenfügen.

Der ganze Ablauf gestern war schon reichlich unheimlich, wenn man betrachtet, wie rasch alle Puzzleteile zusammengefügt wurden. Nach MH17 wollte man wohl kein Risiko mehr eingehen. Die OSZE, die sich zu dem Splitterbombenbeschuss auf das Büro des Roten Kreuzes in Donezk erst nach Tagen äusserte, stand diesmal wohl schon Gewehr bei Fuss und benötigte nur Stunden, um die ukrainische Version zu bestätigen. Das passt zusammen mit der Information, dass Strom, Gas und Wasser im östlichen Teil Mariupols kurz vor dem Beschuss abgestellt wurden. Es passt zusammen mit der schon am selben Tag (!) durchgeführten Gedenkveranstaltung in Kiew.

Aber wirklich unheimlich wird die Geschichte erst, wenn man den medialen Vorlauf mit in den Blick nimmt.

Und wozu das Ganze? Eine konzertierte Aktion aus Blutvergiessen und Medienshow? Um die Reihen des Westens wieder zu schliessen?

Nein, man sollte sich nicht täuschen lassen. Die selbe OSZE, die gestern dienstfertig die laufende Propaganda unterfütterte, verbringt ansonsten ihre Tage damit, im Geheimen die westlichen Regierungen über die tatsächlichen Ereignisse zu informieren. Die Zeitungsleser und Fernsehzuschauer wissen es vielleicht nicht, was Gorlowka die letzten Tage über angetan wurde – die europäischen Regierungen wissen es. Steinmeier weiss es, der vermeintlich friedfertige, der gleich wieder die Schuldzuweisungen der Ukrainer wiederholte, papageienhaft; Steinmeier weiss, dass der Waffenstillstand nie wirklich bestand, und er weiss, dass er durch den massiven Artilleriebeschuss der Städte durch die Kiewer Seite gebrochen wurde. Er dürfte es bis ins Detail wissen. Er sagt, was er sagt, nicht, weil es wahr ist, und auch nicht, weil er es nicht besser weiss. Sondern weil es seinen Absichten entspricht.

Vielleicht müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass hier Drehbücher verwirklicht werden, die in Zeitablauf und Zielrichtung von vorneherein mehrere Länder umfassen. Die ein sichtbares, propagandistisch verwertbares Ereignis einbetten in eine Erzählung davor und eine Erzählung danach, eine Vor- und eine Nachbereitung. Bei denen unsere Nichtlügenpresse noch etwas ganz anderes sein könnte als schlicht eine Einrichtung zur Verfälschung von Nachrichten. Nämlich der Komplize bei einem Verbrechen (gut, ja, in Summe ist sie das ohnehin).

Ich fürchte allerdings, dass mit diesem dramaturgischen Schub die Zeit für eine vernünftige Information über den ukrainischen Krieg sich dem Ende nähert. Und dieses Mal tatsächlich die Listung erfolgt.

Übrigens, sämtliche Vorwürfe in Richtung der Volksrepubliken sind unnötig. Gegen eine solche Vorgehensweise gibt es kein medial richtiges Verhalten. Keine Aussagen, die vorsichtig genug wären, ausser dem absoluten Schweigen, und kein Verhalten, das nicht missgedeutet würde, ausser der völligen Unterwerfung (was auch für Russland zutrifft, übrigens). Selbst wenn Sachartschenko sich schweigend in einem Kloster vergraben hätte, wäre das noch als Bestätigung seiner Schuld verwertet worden.

Wir hier bleiben weiter die Geiseln einer unheiligen Kooperation, die uns den kommenden Krieg Inszenierung um Inszenierung weiter schmackhaft machen will und erst ein Ende finden wird, wenn das auch die Junta in Kiew tut.

Oder wenn auch nur ein Volk in diesem heuchlerischen Europa das Rückgrat findet, seiner kriegslüsternen herrschenden Klasse in den Arm zu fallen.

Man darf ja noch träumen.