Waffenstillstand in Neurussland. Bewertung durch Experten

Übersetzung dreier Analysen zum Waffenstillstand, die unter dem Titel Прекращение огня в Новороссии veröffentlicht wurden.

Alexei Anpilogow:

Der Waffenstillstand ist jetzt für Kiew nützlicher. Vom Standpunkt aus gesehen, dass Kiew jetzt die notwendige kritische Zeit bekommt für die Umgruppierung der eigenen Kräfte und das Heranführen von Reserven, weil die bisherigen drei Mobilisierungswellen einfach in den “Kesseln” auf dem Territorium von DVR und LVR verheizt worden sind. Und die einheitliche Front völlig zerfallen ist.

Für Neurussland, in der Situation eines fortgesetzten Angriffs, ist die Pause weniger komfortabel. Obwohl man sagen muss, dass Neurussland ähnliche Probleme hat, die damit verbunden sind, dass der Angriff auf die eigenen Grenzen einer operativen Ausbreitung gestoßen ist. Das heißt, auf der einen Seite hat sich Neurussland eine operative Weite eröffnet. Auf der anderen Seite kann es sie nicht voll nutzen, weil eigene ausgebildete und in den Kampf eingeführte Reserven fehlen.

Von meinem Standpunkt aus wird dies kein Frieden, kein neues Chasawjurt, sondern nur eine kurze Feuerpause (die nicht mal von allen eingehalten wird), nach der, leider, die Seiten wieder zu Kriegshandlungen übergehen werden. Weil die entscheidenden Ziele mit diesem Resultat, diesem Waffenstillstand, für beide Seiten nicht erreicht werden.

Witalij Tretjakow

Warum ich nicht glaube, dass Kiew den “Friedensplan Putins” einhält.

1. Weil die Amerikaner das nicht erlauben.

2. Weil dies ein “Friedensplan” gerade von Putin ist.

3. Weil nicht alle bewaffneten Formationen, die Krieg von Kiewer Seite mit Neurussland führen, Poroschenkos Kommando unterstehen.

4. Weil, ungeachtet seltsamer Behauptungen des Gegenteils, der Waffenstillstand und alles andere, was in Putins Plan vorgesehen ist, Poroschenko nichts nützt:

– bei der augenblicklichen militärischen Niederlage von Kiew wird eine Einstellung der militärischen Handlungen durch Kiew als völlige militärische Niederlage des Regimes und von Poroschenko persönlich empfunden: Solange noch gekämpft wird, kann man propagandistisch über den “künftigen Sieg” sprechen.

– Das Oligarchat der Ukraine und die politischen Konkurrenten von Poroschenko in Kiew werden sofort alle ihre Sünden und Verbrechen auf den Kapitulanten Poroschenko abschieben.

– Der Block Poroschenko, der einen Sieg bei den Wahlen in die Rada braucht, wird in einem “Block der Kapitulanten” verwandelt und kriegt bei den Wahlen nicht das, worauf Poroschenko hofft.

– Es ist nicht ausgeschlossen, dass Poroschenko noch vor den Wahlen gestürzt wird.

5. Wenn Frieden (hier – Waffenstillstand) eintritt, treten alle anderen Probleme, die augenblicklich vom Krieg verdeckt werden, an die fordere Front: Der ökonomische und finanzielle Zusammenbruch, die rechtliche Willkür, die katastrophale Verschlechterung des Lebensniveaus, die kommende Kälte, die ungerechte Umverteilung des Eigentums und so weiter. In dieser Hinsicht sichert ein Krieg (sogar ein erfolgloser) Poroschenko die Erhaltung der Macht, und, möglicherweise, den Sieg bei den Wahlen in die Rada.

6. Und wo sollen die bewaffneten Leute hin, die (wenn überhaupt) den Befehl von Poroschenko erfüllen? Natürlich nach Kiew. Oder sogar gegen Kiew. Der eine wird Geld fordern, der andere Machtwechsel.

7. Die Waffenruhe wird automatisch an die fordere Front ein paar vergessene Fragen holen: Wer hat die “Himmlische Hundertschaft” getötet, wer hat die Leute in Odessa verbrannt, wer hat die malaysische Boening abgeschossen, wer hat Städte und Dörfer in Neurussland zerstört?

8. Mit der Einstellung der militärischen Handlungen muss Kiew, der den Donbass ja als eigenes Territorium betrachtet, zum Wiederaufbau dieses Territoriums übergehen. Wie? Mit welchem Geld? Die ukrainischen Oligarchen wollen kein Geld dafür ausgeben.

9. Poroschenko als Präsident, der keinen Krieg “gegen Russland” führt, stellt für viele einflussreiche Kräfte im Westen keinerlei Interesse dar.

Schon die Kombination von zwei-drei Gründen ist ausreichend, um eine reale Waffenruhe durch Kiew als utopisch einzustufen. Dabei wirken aber alle neun genannten Gründe.

Anatolij El-Mjurid:

Sowohl Kiew als auch Moskau sind extrem interessiert an einer zumindest zeitweisen Feuereinstellung. Jeder aus eigenen Gründen. Kiew steht am Rande einer militärischen Katastrophe, die in eine politische Katastrophe mündet. Poroschenko konnte in erheblichem Maße die Reserven an Abschaum halbieren, aber deren Menge ist immer noch ziemlich groß. Und jetzt haben sie nicht Baseballschläger und Pflastersteine, sondern Maschinengewehre, die man ihnen noch irgendwie wegnehmen muss.

Die Aufgabe von Kiew ist es, die territorialen Banden zum Gehorsam zu zwingen. Der Großteil der territorialen Bataillone hat, so komisch das ist, an der ATO nicht teilgenommen, ihre Aufgabe war die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Territorien anstelle des zusammenbrechenden Systems der Polizei. Daher nahmen an den Kämpfen im wesentlichen Terbate, die auf dem Territorium des Donbass formiert wurden, und Spezbataillone der Oligarchen teil. Gerade in sie wurden der fanatischste Abschaum eingezogen, und gerde sie wurden größtenteils zerschlagen. Die jetzt in Mariupol sitzenden “Winniza” und “Chortiza” wurden zur Verstärkung geholt, und haben sich in Kämpfen nicht besonders hervorgetan, im Unterschied beispielsweise zu “Asow”.

In dieser Hinsicht sieht Poroschenkos Aufgabe lösbar aus.

Die zweite Aufgabe Kiews ist die Wiederherstellung der Armee. Nach den Erklärungen zu urteilen, wird man auf eine mobile und kompakte Armee setzen. Gerade die Luftlandeabteilungen haben sich als am meisten ernstzunehmende Teile der Strafoperation herausgestellt – ihre Handlungen waren am sinnvollsten, gerade sie erreichten vergleichsweise akzeptable Ergebnisse. Die Angriffe mit Hineinschmeißen von Kanonenfutter passierten aus Ausweglosigkeit – in den Kampf wurde das geschmissen was sich fand.

Jetzt haben die zerschlagenen Teile der Armee Erfahrung, Hass, und stellen in erfahrenen Händen durchaus geeignetes Material für eine Umformatierung dar. Nach allem zu urteilen beschäftigen sich damit die Profis und Instrukteure der NATO.

Unter Beachtung dessen, dass die Technik der ukrainischen Armee größtenteils auf den Feldern des Donbass geblieben ist, kriegen die USA hier ein kleines Geschäft, indem sie die Armee auf NATO-Standard umstellen. Das wird kein schneller Prozess, aber wichtig ist, dass er begonnen wird.

Moskau ist auch daran interessiert, jetzt eine Feuerpause einzulegen. So kann man die Frage nach den “Urlaubern” endgültig schließen, das bleibt dann ein kleines Geheimnis. Zweitens eröffnet sich die Möglichkeit, Gespräche über Gas wieder aufzunehmen, weil die leeren Gaslager in der Ukraine eine ernsthafte Bedrohung für die Gaslieferungen über den Winter nach Europa darstellen. Gasprom hat schon außerordentliche Maßnahmen durchgeführt, aber es ist ihm, nach den Worten des Ministers für Kraftstoffe Russlands, nur für die Hälfte des entstehenden Defizits zukünftiger Lieferungen gelungen, eine Lösung zu finden. Wenn der Herbst nicht kalt wird, ist noch Zeit, und man kann sich auf den Winter vorbereiten.

Das Interesse Europas an der Feuereinstellung ist augenblicklich rein utilitär, aber bis zum Frühjahr braucht es ganz sicher keinen Krieg. Und die USA sind mit dem schon erreichten Ergebnis ganz zufrieden – Russland und Ukraine sind jetzt Feinde für immer, NATO-Basen bei Charkow werden Realität. Nicht gleich, ein bisschen später. Washington kann sich dort, wo man warten kann, Zeit lassen.

Donezk und Lugansk bleiben in einer Rolle, die, sagen wir, nicht besonders schön ist, aber sie kriegen einen Knochen vorgeworfen – faktische Unabhängigkeit, aber im Bestand der Ukraine, das Recht der Durchführung eigener Wahlen (unter der Bedingung der Durchführung von Wahlen in die Rada), eingeschränkte Souveränität im Budge – die früher nach Kiew abgeführten Steuern bleiben im Gebiet. Nicht alle, selbstverständlich.

In Minsk wurde auf dem fünfseitigen Treffen schon die Schaffung eines Fonds zur Wiederherstellung des Donbass beschlossen. Wahrscheinlich wird er formell in Belorussland basieren, aber sein Hauptinhalt wird aus Moskau kommen, und, entsprechend, wird die Verteilung der Mittel von Moskau vorgenommen. Die Arbeit wird einträglich, weil alles gleich wiederherzustellen unmöglich ist, weshalb die Möglichkeit zum Regulieren der Reihenfolge und des Ausmaßes der Wiederherstellung dieser oder jener Objekte entsteht. Natürlich auf völlig unbezahlter Grundlage. Daher werden die, die auf den Plätzen in Donezk und Lugansk sitzen, in die Liste der Verteiler einbezogen – was ihre Loyalität sichert.

Die Milizen werden in den Rechten mit den Territorialbataillonen gleichgestellt, und formal dem Innenministerium unterstellt – und anfangs wird man seine Selbständigkeit großzügig übersehen. In Donezk ist die Phase des Krieges zwischen den Feldkommandeuren schon in der Endphase, in Lugansk ist sie im vollen Gange. Daher wird die Loyalität der Milizen dadurch reguliert, dass man den gehorsamsten Feldkommandeuren im Kampf mit weniger gehorsamen Konkurrenten hilft.

Die Idee Neurusslands wird in diesem Format in der Luft hängenbleiben – ihr wird das Wichtigste fehlen, die Leute. Die Idee wird dasein, aber die, die sie durchsetzen, werden weniger. Man wird ein paar Mediensymbole dalassen, wie Pawel Gubarew, damit sie den Sieg des Donbass symbolisieren, aber nicht mehr.

Womit der Erste Donbass-Krieg im Wesentlichen beendet wäre. Dass ein Zweiter unvermeidlich ist, ist Fakt. Die Ukraine geht weiterhin auf den Zerfall zu, und dieser Prozess ist unaufhaltsam. Russland hat in der analogen Situation nur gerettet, das Putin gefunden wurde, der das unlösbare Problem des unabhängigen Tschetscheniens zur Liquidierung der oligarchisch-urgesellschaftlichen Herrschaft benutzte und über den Zweiten Tschetschenienkrieg das zerfallende Russland vereinigen konnte.

Die Frage ist, ob sich in der Ukraine ein eigener Putin findet. Findet er sich, ist der Zweite Donbasskrieg unausweichlich. Findet er sich nicht, zerfällt die Ukraine von alleine. Die Art ihres Zerfalls vorrauszuerraten ist augenblicklich unmöglich, weswegen es sinnlos ist, das zu diskutieren.

Das sind alles nur Hypothesen. Nicht mehr. Um so interessanter wird es, zu beobachten, was sich davon als richtig herausstellt.