Russlands oberster Nachrichtendienstanalyst tritt aus dem Schatten

Alexander Mercouris

Russia’s Chief Intelligence Analyst Comes Out of the Shadows auf Russia Insider

Vorbemerkung: ein Video mit Reschetnikow hatten wir jüngst in dem Artikel Von Odessa nach Transnistrien.

Generalleutnant Reschetnikow vom Russischen Institut für Strategische Forschung gibt ein viel Themen streifendes Interview zu den Bedrohungen, denen sich Russland aus dem Westen gegenüber sieht, zu militanten islamischen Gruppen bis zum Konflikt in der Ukraine

Letztes Jahr war das Jahr, in dem Russlands Chefspione aus dem Schatten traten.

Im vergangenen Jahr haben wir Auszüge eines Interviews veröffentlicht, das Nikolai Patruschew gegeben hat, der der oberste Kopf des ganzen nachrichtendienstlichen Apparates ist.

Vor einigen Wochen hat Generaloberst Igor Sergun, der Chef des Hauptdirektorats des militärischen Nachrichtendienstes (GRU) des Generalstabs der russischen Streitkräfte ein kurzes Interview gegeben, in dem er die USA öffentlich mit dem Jihadismus verknüpfte.

Jetzt ist Generalleutnant Leonid Retschnikow an der Reihe, Direktor des Russischen Instituts für Strategische Forschung (RISR), dem wichtigsten Zentrum der russischen Regierung für die aussenpolitische Analyse.

Dass Russland ein solches Zentrum besitzt, das die aussenpolitische Analyse für die russische Regierung vornimmt, und dass dieses mit dem wichtigsten Auslandsnachrichtendienst des Landes, dem SWR, verbunden ist, wird niemanden überraschen.

Sowohl die USA als auch Großbritannien haben solche Zentren. In den USA ist es die RAND Corporation. In Großbritannien ist es das Königliche Institut für Internationale Angelegenheiten („Chatham House“). (AdÜ: In Deutschland ist es die Stiftung für Wissenschaft und Politik)

Das RISR scheint eine analoge Funktion zu erfüllen. Selbst seine Existenz wurde jedoch bis vor kurzem geheim gehalten. Im Ergebnis wissen wir sehr wenig darüber obwohl es scheint, dass es erst jüngst, 1992, gegründet wurde, und einen Stab von 200 Analysten beschäftigt.

Interessanterweise ist die Person in der russischen Machtstruktur, an die Reschetnikow berichtet, Sergej Iwanow, Putins Stabschef, der ebenfalls eine Hintergrund als nachrichtendienstlicher Analyst hat, und dessen Hintergrund und Rolle wir jüngst diskutiert haben.

Was der genaue Auslöser dafür war, dass Reschnetnikow jetzt beschloss, an die Öffentlichkeit zu treten wissen wir nicht. Ein nicht unvorstellbarer Auslöser könnte ein Artikel sein, den die Neocon- Institution Jamestown Foundation im Januar 2015 veröffentlichte. Dieser behauptete, das RISR habe bereits vor dem Putsch des Maidan auf einen russischen Einmarsch in die Ukraine gedrängt, und würde nun Russland aufrufen, den Sturz des belorussischen Präsidenten Lukaschenko vorzubereiten.

In seinem Interview geht Reschetnikow nicht gesondert auf den Artikel der Jamestown Foundation ein.

Er weist ihn jedoch indirekt zurück, indem er deutlich macht, dass er gegen ein russisches militärisches Eingreifen in der Südostukraine steht, um dort den Milizen zu helfen.

Er sagt, das RISR habe vor dem Maidan-Putsch dazu aufgerufen, pro-russische NGOs aufzubauen, um der Verbreitung russophober Einstellungen in der Ukraine entgegenzutreten.

Das ist ein klassischer „Soft Power“-Ansatz, offen von der US-Praxis kopiert, und etwas ziemlich Anderes als ein Einmarsch.

Während Reschetnikow nicht spezifisch auf die Behauptungen eingeht, das RISR strebe den Sturz Lukaschenkos an, sagt er sehr pointiert, dass die russischen Nachrichtendienste, anders als die CIA, klassische Nachrichtendienste seien, die sich nicht mit Subversion oder außergerichtlichen Morden befassen.

Der interessanteste Teil seines Interviews sind jedoch seine Bemerkungen zur Ukraine.

Reschetnikow gab klar zu verstehen, dass er den Maidan-Putsch für ein geopolitisches Spiel der USA hält, dessen Ziel Russland ist.

Er glaubt, es gäbe keine Möglichkeit, wie die zwei Volksrepubliken friedlich in die Ukraine reintegriert werden könnten. Der Vorschlag der Föderalisierung sei, zumindest in der Form, wie er im Frühjahr 2014 in Blick genommen wurde, unerreichbar. Selbst die Lösung einer Konföderation, wie sie gegenwärtig vorgeschlagen wird, könne nur eine vorübergehende sein, da die Menschen der zwei Volksrepubliken „nicht länger Ukrainer sein wollen.“

Reschetniko zieht hier den selben Schluss, den Russia Insider wiederholt zog: Kiew widersteht erbittert einer föderalen Lösung und ist nur an einem einheitlichen Staat interessiert, der der einzige Weg ist, auf dem es seine ideologischen Ziele erreichen kann.

Reschetnikow sagt, dies sei ebenfalls das Ziel der Hardliner in Washington. Er malt in grellen Farben das Bild von gegen Russland gerichteten US Militärstützpunkten an Orten wie Kharkow und Lugansk, sollten die Washingtoner Hardliner ihre Ziele erreichen.

Seine interessanteste Bemerkung ist seine Vorhersage zur Zukunft der Ukraine.

Er sagt ein Ansteigen des Widerstands gegen die jetzige Regierung im ganzen Land vorher – weit über den Donbass hinaus – und den womöglichen teilweisen oder vollständigen Zerfall des Landes.

Ein ehemaliger Nachrichtendienstler sagte mir einma, es brauche mindestens ein Jahr, ehe sich gegen einen Besatzer oder eine autoritäre Regierung Widerstand organisiert. Die Überraschung bestand darin, dass sich der Widerstand in der Ostukraine so schnell entwickelte.

Die Berichte aus der Ukraine könnten das bekräftigen und die Wahrheit dessen bestätigen, was Reschetnikow sagt.

Es gibt Berichte über anwachsende Widerstandsaktivitäten an Orten wie Odessa und Kharkow. Die Information ist jedoch bruchstückhaft und das Niveau des Widerstands scheint im Augenblick niedrig zu sein.

Reschetnikow hat jedoch Zugang zu den Informationen der russischen Nachrichtendienste, die extrem gut über die Lage in der Ukraine unterrichtet sind. Seine Vorhersage sollte daher nicht beiseite geschoben werden.

Reschetnikow hat auch zu anderen Themen als der Ukraine viel Interessantes zu sagen.

Er gibt eine sehr alarmierende Beschreibung der US-Methoden, um Westeuropa im Griff zu halten – einschließlich der Ermordung abweichender politischer Führer, auch wenn er kein Beispiel nennt. Er stellt klar, dass er keine Erwartungen hegt, Westeuropa könne sich in näherer Zukunft von den USA lösen.

Er teilt ebenfalls die in Russland verbreitete Sicht, die USA seien der Hauptförderer des militanten jihadistischen Terrorismus.

Er ist offensichtlich sehr besorgt über das Wachstum militanten Jihadismus im nördlichen Kaukausus und in Zentralasien.

Er hat jedoch eine optimistische Sicht auf Russlands Zukunft, erwartet, dass das Land in den nächsten fünf bis sechs Jahren endlich aus dem post-sowjetischen Übergang hervortreten wird. Er sagt vorher, die neue Identität würde das Beste aus der zaristischen und der sowjetischen Vergangenheit entleihen.

Er sieht Russland auf der richtigen Seite der Geschichte, es bilde einen Teil des wachsenden internationalen Widerstands gegen die westlichen Versuche, ein unipolares System rund um die USA zu errichten.

Er vermittelt den Eindruck eines Landes, das schwer angegriffen wird, aber die Schläge abwehrt, dabei stärker und selbstbewusster wird und im Stande ist, für sich selbst zu sorgen und seinen Freunden vertraut.

Generalleutnant a.D. Leonid Reschetnikow – Direktor des Russischen Instituts für Strategische Forschungen

 

Diese Übersetzung des Interviews mit Generalleutnant Reschetnikow wurde erstmalig auf dem Blog Colonel Cassad veröffentlicht.

Sie waren unter einem ganz anderen Dach – dem SWR. Warum sollten sie Sie plötzlich aus der Geheimhaltung entlassen?

Wir waren tatsächlich ein geschlossenes Institut des Auslandsnachrichtendienstes, das vor allem auf die Analyse der verfügbaren Informationen aus dem fernen und nahen Ausland spezialisiert war. Das heisst, der Informationen, die nicht nur vom Nachrichtendienst gebraucht werden, sondern auch von den Strukturen, die die Aussenpolitik des Landes bestimmen. Eigenartigerweise gab es keine entsprechenden analytischen Zentren in der Verwaltung des russischen Präsidenten. Obwohl es eine Menge solcher „Institutionen“ gab, in denen nur der Direktor, die Sekretärin und die Ehefrau des Direktors sind, die als Analystin arbeitet. Der Präsidialverwaltung fehlten wirkliche Spezialisten, also musste der Nachrichtendienst teilen.

Heute ist unser Gründer der Präsident von Russland, und alle Regierungsanfragen nach Untersuchungen werden vom Stabschef Sergej Iwanow gezeichnet.

Welche Nachfrage gibt es dort draussen für Ihre Analysen? Denn wir sind ein Land des Papiers: jeder schreibt, schreibt eine Menge – aber beeinflusst das am Ende die Ergebnisse?

Manchmal sehen wir die Handlungen, die unsere analytischen Papiere widerspiegeln. Manchmal ist es beeindruckend, wenn man eine bestimmte Idee artikuliert und sie ein Trend in der öffentlichen Meinung Russlands wird. Es ist klar, dass viele Anweisungen reif sind, umgesetzt zu werden.

In den USA wird etwas ähnliches durch das Analysezentrum Stratfor gemacht, und durch das strategische Forschungszentrum RAND Corporation. Welches von Euch ist „cooler“?

Als wir, nach dem Übergang der Präsidialverwaltung im April 2009, die neue Satzung des Instituts machten, wurde uns der Vorschlag gemacht, sie zum Vorbild zu nehmen. Damals dachte ich, „wenn ihr uns finanziert, wie Stratfor oder die RAND Corporation finanziert werden dann werden wir all diese ausländischen Analysegesellschaften schlagen.“ Denn die russischen Analysten sind die stärksten der Welt. Noch viel mehr die regionalen Spezialisten die „frischere“, weniger verdorbene Gehirne. Ich kann zuversichtlich davon sprechen, insgesamt habe ich 33 Jahre Erfahrung in der analytischen Arbeit. Zuerst im ersten Hauptdirektorat des KGB der UdSSR, und dann im Auslandsnachrichtendienst.

Es ist weithin bekannt, dass die RAND Corporation den Plan für die ATO im Südosten der Ukraine entwickelt hat. Hat Ihr Institut Informationen über die Ukraine geliefert – insbesondere über die Krim?

Natürlich. Im Grundsatz waren nur zwei Institute mit der Ukraine befasst: das RISR und das Institut der CIS-Länder von Konstantin Satulin. Seit Anfang unserer Tätigkeit haben wir analytische Papiere geschrieben über das Wachstum antirussischer Einstellungen in der Ukraine und über die Stärkung der pro-russischen Einstellungen auf der Krim. Wir haben die Handlungen der ukrainischen Regierungen analysiert. Aber wir haben keine alarmistischen Daten geliefert – wie, alles ist verloren – wir haben vielmehr die Aufmerksamkeit auf ein wachsendes Problem gelenkt.

Wir haben vorgeschlagen, die Tätigkeit der pro-russischen Nichtregierungsorganisationen deutlich zu verstärken, den Druck der, wie man heute sagt „Soft Power“-Politk zu erhöhen.

Mit einem Botschafter wie Surabow brauchen wir keine Feinde mehr!

Die Arbeit jeder Botschaft und jedes Botschafters ist Gegenstand einer Reihe von Einschränkungen. Ein Tritt daneben – und es gibt einen Skandal. Ausserdem gibt es ein enormes Problem mit professionellem Personal in dem Land. Und nicht nur auf dem Feld der Diplomatie. Irgendwie haben wir das Angebot erschöpft – sehr wenige starke Leute mit guten Grundlagen verbleiben im Dienst der Regierung.

Es ist schwer, die Rolle von NGOs zu überschätzen. Die Farbrevolutionen sind ein deutliches Beispiel, die vor allem von den amerikanischen NGOs vorgewärmt werden. Das ist auch in der Ukraine passiert. Unglücklicherweise wurde der Schaffung und Unterstützung von entsprechenden Organisationen, die in unserem Interesse handeln würden, nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Und wenn sie arbeiten würden, könnten sie zehn Botschaften und zehn Botschafter ersetzten, selbst sehr kluge. Jetzt fängt die Lage an, sich zu ändern, auf einen direkten Befehl des Präsidenten hin. Es bleibt zu hoffen, dass die zweite Reihe diese Entwicklung nicht verwässert.

Wie, glauben Sie, werden sich die Ereignisse in Noworossija im Früjahr und Sommer entwickeln? Wird es einen neuen Feldzug geben?

Unglücklicherweise ist die Wahrscheinlichkeit dafür sehr hoch. Noch vor einem Jahr war die Idee einer föderalisierten Ukraine realisierbar. Aber jetzt braucht Kiew nur den Krieg. Nur einen einigen Staat. Aus mehreren Gründen. Der Hauptgrund ist, dass das Land jetzt von ideologisch anti-russischen Leuten geführt wird, die nicht nur Washington unterstellt sind, sondern tatsächlich von den Kräften gekauft und bezahlt werden, die hinter der US-Regierung stehen.

Und was braucht diese berüchtigte „Weltregierung“?

Es ist einfacher, zu sagen, was sie nicht braucht: sie braucht keine föderale Ukraine, ein solches Gebiet wäre schwer zu kontrollieren. Es wäre unmöglich, ihre Militärstützpunkte dorthin zu verlagern, eine neue Staffelung eines Antiraketenschirms. Und es gibt solche Pläne. Aus Lugansk und Kharkow können taktische Cruise Missiles bis hinter den Ural reichen, wo sich der Hauptteil unserer nuklearen Abschreckungskräfte befindet. Und sie können silogestützte und mobile ballistische Raketen auf der aufsteigenden Flugbahn mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit trefffen. Augenblicklich kann diese Region nicht erreicht werden, weder aus Polen noch aus der Türkei noch aus Südostasien. Das ist das Hauptziel. Also werden die USA bis zum letzten Ukrainer um den Donbass kämpfen.

Also geht es nicht um die Schiefergasvorkommen, die in diesem Gebiet entdeckt wurden?

Ihr strategisches Hauptziel ist eine einheitliche Ukraine unter ihrer vollen Kontrolle, um gegen Russland zu kämpfen. Und das Schiefergas oder das Ackerland – das ist nur ein angenehmer Bonus. Ein Kollateralgewinn. Und ein ernsthafter Schlag gegen unseren militärisch-industriellen Komplex, durch die Durchtrennung der Verbindungen zwischen jenem in der Ukraine und jenem in Russland. Das wurde bereits erreicht.

Wir wurden übertrumpft: „Schweinehund“ Janukowitsch muste mit Hilfe der Setsnaz gerettet werden, und Washington hat seine eigenen „Schweinehunde“ platziert?

Aus militärstrategischer Sicht wurden wir sicher übertrumpft. Russland erhielt eine „Kompensation“ – die Krim. Es gibt eine „Kompensation“ – den Widerstand der Einwohner des ukrainischen Südostens. Aber der Feind hat bereits enorme Gebiete gewonnen, die Teil der Sowjetunion und des russischen Reiches waren.

Was werden wir dieses Jahr in der Ukraine sehen?

Den Prozess eines halben oder gar eines völligen Zerfalls. Viele sind angesichts des wirklichen Nazismus noch still. Aber die Leute, die verstehen, dass die Ukraine und Russland stark miteinander verbunden sind, haben noch nicht ihr letztes Wort gesprochen. Weder in Odessa, noch in Kharkow, noch in Saporoschje noch in Tschernigow. Dieses Schweigen wird nicht ewig dauern. Und der Deckel auf diesem Kessel wird unvermeidlich weggeblasen werden.

Und wie werden sich die Beziehungen zwischen Noworossija und dem Rest der Ukraine entwickeln?

Es gibt eine geringe Wahrscheinlichkeit für ein transnistrisches Szenario. Aber ich glaube nicht daran – das Gebiet der DNR und LNR ist viel größer, Millionen Menschen wurden schon in diesen Krieg hineingezogen. Bisher kann Russland die militärische Führung noch davon überzeugen, eine vorübergehende Atempause und einen Waffenstillstand zu stützen. Aber genau das – eine vorübergehende. Es ist nicht länger die Rede von einer Rückkehr Noworossijas in die Ukraine. Die Leute des Südostens wollen keine Ukrainer sein.

Also wenn unser Land wegen der Wiedervereinigung mit der Krim global isoliert wurde, warum steigen wir nicht ganz ein im Südosten? Wieviel Heuchelei ist möglich?

Ich denke, es ist noch zu früh, ganz einzusteigen. Wir unterschätzen den Grad der Aufmerksamkeit unseres Präsidenten, der von bestimmten Prozessen in Europa weiss, die für aussenstehende Beobachter nicht deutlich erkennbar sind. Diese Prozesse geben Grund zur Hoffnung, dass wir unsere Interessen mit anderen Methoden und Mitteln schützen können.

Über dem Informationsfluss, der aus der Ukraine strömt, vergessen wir das explosive Wachstum religiösen Extremismus´in Zentralasien…

Das ist ein Trend, der für unser Land extrem gefährlich ist. Die Lage in Tadschikistan ist sehr schwierig. Die Lage in Kirgistan ist instabil. Aber Turkmenistan könnte die Richtung sein, aus der der erste Schlag kommt, genau wie „AN“ geschrieben hat. Irgendwie vergessen wir es ein wenig, weil Aschkhabad irgendwie allein steht. Aber dieses „Haus“ könnte das erste sein, das fällt. Werden sie stark genug sein, das zurückzuschlagen? Oder werden wir in einem Land eingreifen, das so lange so große Distanz zu uns gehalten hat? Also, diese Richtung ist schwierig.

Und nicht nur durch den „Islamischen Staat“ sickern Militante in die Region. Nach den letzten Informationen werden die USA und die NATO Afghanistan nicht verlassen und ihre Stützpunkte dort behalten. Aus militärischer Sicht können die fünf- oder zehntausend Soldaten, die dort bleiben, innerhalb eines Monats auf eine Gruppe von 50-100 Tausend verstärkt werden.

Das ist ein Teil des Gesamtplans, um Russland einzukreisen und unter Druck zu setzen, der von den USA mit dem Ziel verfolgt wird, Präsident Wladimir Putin loszuwerden und das Land zu zerteilen. Ein typischer Laie mag das natürlich nicht glauben, aber Leute, die Zugang zu einer großen Menge an Information haben, wissen das ziemlich gut.

Entlang welcher Grenzen wird die Spaltung verlaufen?

Zuerst planen sie schlicht, das abzuschneiden was „einfach“ ist. Gleich, was davon abfällt: Kaliningrad, der Nordkaukasus oder der Ferne Osten. Das dient dann als Zünder eines sich intensivierenden Prozesses. Das ist kein Propagandaphantom – das ist eine echte Idee. Diese Art des Drucks aus dem Westen (Ukraine) und dem Süden (Zentralasien) wird weiter ansteigen. Sie versuchen, durch die westlichen Tore zu sickern, aber sie werden auch die südlichen austesten.

Was ist für uns die gefährlichste strategische Richtung?

Die südliche Richtung ist sehr gefährlich. Aber bisher funktionieren die Pufferstaaten – die früheren zentralasiatischen Sowjetrepubliken – noch. Und der Krieg im Westen findet bereits an der Grenze statt. Tatsächlich auf unserem Gebiet.

Augenblicklich ist es dort kein Blutbad zwischen Ukrainern und Russen, sondern eher ein Krieg globaler Systeme. Manche denken, sie „seien Europa“, andere – sie seien Russland. Denn unser Land ist nicht nur ein Gebiet. Es ist eine getrennte, riesige Zivilisation, die der ganzen Welt ihre eigene Sicht der globalen Ordnung gebracht hat. Zuerst ist das natürlich das russische Reich als Beispiel der östlichen, orthodoxen Zivilisation. Die Bolschewiki haben sie zerstört, aber sie haben eine neue zivilisatorische Idee errichtet. Eine dritte nähert sich. Und wir werden sie innerhalb von fünf, sechs Jahren sehen.

Was wird das sein?

Ich denke, es wird eine annehmbare Symbiose der vorhergenden sein. Und unsere „geschworenen Kollegen“ verstehen das perfekt. Darum begann der Angriff von allen Seiten.

Das heisst, der gemeinsame russisch-amerikanische Kampf gegen den Terror, insbesondere gegen ISIS – ist eine Fiktion?

Natürlich. Amerika schafft Terroristen, nährt sie, bildet sie aus und erteilt dem ganzen Rudel dann den Befehl: „Fasst!“ Vielleicht erschiessen sie mal einen „tollwütigen Hund“ aus dem Rudel, aber die anderen Hunde werden dann noch aktiver eingesetzt.

Leonid Petrowitsch, Sie denken, dass die USA und die amerikanischen Präsidenten nur Werkzeuge sind. Wer, glauben Sie, entscheidet über ihre Politik?


Es gibt Gruppen von Leuten, die der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind, die nicht nur über die amerikanischen Präsidenten bestimmen, sondern ebenso über die Regeln des ganzen „großen Spiels“. Das sind insbesondere die transnationalen Finanzgesellschaften. Aber nicht nur sie.

Augenblicklich findet ein Prozess statt, in dem das finanzielle und wirtschaftliche System der Welt neu aufgesetzt werden soll. Es gibt erkennbar einen Versuch, die ganze Struktur des Kapitalismus neu zu denken, ohne ihn abzulehnen. Die Aussenpolitik ist Gegenstand rascher Veränderung. Die USA haben plötzlich Israel im Stich gelassen – ihren Hauptverbündeten im Nahen Osten – im Interesse besserer Beziehungen mit dem Iran. Ist das, weil Teheran jetzt wichtiger und bedeutender ist als Tel Aviv? Weil es eines der Länder um Russland herum ist. Diese verdeckten Kräfte setzen das Ziel, unser Land als ernsten Mitspieler auf der globalen Bühne zu liquidieren. Weil Russland eine zivilisatorische Alternative zum ganzen vereinten Westen darstellt.

Mehr noch, es gibt ein sprunghaftes Wachstum anti-amerikanischer Einstellungen weltweit. Ungarn, wo konservative Kräfte der Rechten an der Macht sind, und die Linken Griechenlands – diametral entgegengesetzte Kräfte – haben sich faktisch vereint und versuchen, das US-Diktat über Europa „abzuwerfen“. Auch in Italien, Österreich, in Frankreich und so weiter gibt es solche, die es versuchen könnten. Wenn Russland jetzt seine Stellung hält, werden die Prozesse, die für jene Kräften, die versuchen, die globale Herrschaft zu beanspruchen, nicht günstig sind, in Europa beginnen. Und diese Kräfte verstehen das genau.

Einige europäische Führer klagen bereits, die USA habe ihnen die Sanktionen förmlich aufgezwungen. Könnte Europa aus der „freundlichen“ amerikanischen Umarmung ausbrechen?

Nie. Amerika hält es an zwei Ketten: den Druckmaschinen der Federal Reserve, der Drohung mit Farbrevolutionen und der mit der physischen Eliminierung unerwünschter Politiker.

Übertreiben Sie nicht mit der physischen Eliminierung?

Ganz und gar nicht. Die Central Intelligence Agency der USA ist nicht einmal ein Nachrichten dienst, wenn man die Art der Aufgaben ansieht, die sie erfüllt. Die Auslandsabteilung des KGB oder der SWR der russischen Föderation sind klassische Nachrichtendienste: sie sammeln Informationen und berichten der Führung des Landes. In der CIA stehen diese traditionellen Merkmale eines Nachrichtendienstes am unteren Ende ihrer Aufgabenliste. Ihre Hauptziele sind: Eliminierung, einschließlich physischer der Politiker und die Organisation von Putschen.

Und das tun sie in Echtzeit.

Nach dem Verlust des U-Boots „Kursk“ besuchte uns der CIA-Direktor George Tenet. Ich wurde gebeten, ihn am Flughafen zu treffen. Tenet brauchte lang, um aus dem Flugzeug zu kommen, aber die Tür stand offen, also konnte ich ein Blick in seine „Hercules“ werfen. Das war ein fliegendes Hauptquartier, eine computerisierte Kommandozentrale, voller Ausrüstung und Kommunikationssysteme, die die Lage auf der ganzen Welt verfolgen und darstellen können. Die begleitende Delegation bestand aus zwanzig Leuten. Und wir – wir flogen und fliegen mit Linienflügen, in Gruppen von zwei bis fünf Personen. Man kann den Unterschied sozusagen fühlen.

Nebenbei, was Nachrichtendienste angeht. Es gibt wieder einmal Gerede um die Idee, durch eine Vereinigung von SWR und FSB wieder einen einheitlichen russischen Nachrichtendienst herzustellen. Wie denken sie darüber?

Ich sehe das sehr negativ. Wenn wir die zwei besonderen Dienste – den Auslandsnachrichtendienst und die Gegenspionage – zusammenbringen, schaffen wir eine einzige Informationsquelle für die höchste Führung des Landes anstatt zweien. Dann wird die Person, die an diesem „Quell der Information“ sitzt, zum Monopolisten. Und sei kann das zur Erreichung irgendeines Ziels manipulieren. Im KGB waren solche Manipulationen der Information selbst für den Hauptmann Reschetnikow erkennbar. Für einen Präsidenten, einen Zaren, einen Premierminister – gleich, wie der oberste Regierungschef genannt wird – ist es vorteilhalft mehrere unterschiedliche, unabhängige geheimdienstliche Quellen zu haben. Im andern Fall wird er zur Geisel eines bestimmten Führers der Struktur oder der Struktur selbst. Das ist sehr gefährlich.

Die Autoren dieser Idee denken, eine solche Vereinigung würde uns stärken. Statt dessen schüfen wir eine Bedrohung für uns selbst.

Und jetzt gehen wir von globalen Verschwörungstheorien zu unseren örtlichen Problemen. Wie können sie einen Amtsträger, der nicht weiss, was er tut, von einem einflussreichen Agenten, der weiss, was er tut, unterscheiden?

Es gibt nicht so viele einflussreiche Agenten auf ernstzunehmendem Niveau in der Welt wie viele denken. Ernste strategische Entscheidungen gegen die Interessen des eigenen Landes zu treffen oder nicht zu treffen, wird üblicherweise von, so könnte man sagen, ideologischen Agenten initiiert. Das sind jene unter unseren Funktionären, die auf eine hochrangige Stellung im Inland geraten sind, deren Seele aber im Westen lebt. Es ist nicht nötig, sie anzuwerben oder ihnen Befehle zu erteilen. Für diese Leute ist alles, was „dort“ getan wird, die höchste Errungenschaft der Zivilisation. Und hier ist – das „ungewaschene“ Russland. Sie verbinden die Zukunft ihrer Kinder, die sie ins Ausland geschickt haben, nicht mit dem Land. Und das ist ein weit deutlicherer Hinweis als Konten bei ausländischen Banken. Solche „Kameraden“ mögen Russland zutiefst nicht, dessen „Entwicklung“ sie überwachen.

Sie haben gerade ein ziemlich gutes Portrait einiger unserer Minister gezeichnet. Wie werden wir es mit ihnen durch das Jahr 2015 schaffen?

Dieses Jahr wird schwierig, mit ihnen oder ohne sie. Nächstes Jahr dürfte vermutlich auch nicht leichter werden. Aber danach ist das neue Russland zuversichtlich auf dem Weg.