Neurussland: Unabhängig, assoziiert oder (kon)föderiert?

Übersetzung von Novorussia: independent, associated or (con)federated? vom Saker


Ein wichtiger Disclaimer, eine Warnung und eine Klarstellung

Erstens, ich beginne mit einem klaren Disclaimer, und bitte Euch alle diesen genau zu lesen und im Hinterkopf zu behalten: Ich persönlich plädiere nicht für irgendeine Option für den endgültigen Status von Neurussland. Es ist an den Bewohnern von Neurussland zu entscheiden und jede Option die sie wählen werde ich unterstützen. Weiterhin bin ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal persönlich sicher welche Option ich empfehlen würde wenn man mich fragen würde, einfach weil der Teufel im Detail steckt und nicht in den großen Worten. Was ich unten vorschlage ist, sich eine Anzahl von Fragen anzusehen die mit dieser Frage verbunden sind, aber diese Analyse soll nicht interpretiert werden als persönliche Unterstützung einer dieser Lösungen.

Zweitens habe ich sorgfältig die Neuigkeiten aus Minsk, Neurussland und Russland gelesen und habe das starke Gefühl, dass nichts wirklich entschieden worden ist, daher das scheinbare Hin- und Her und die wechselnden Interpretationen der Vorschläge, die die neurussische Delegation gemacht hat.

Drittens, ich empfehle jedem extrem vorsichtig zu sein mit russischen Nachrichtenquellen, einschließlich russischer TV-Kanäle und RT. Warum? Weil Russland einen Einsatz in diesem Kampf hat und ich absolut sicher bin, dass die russischen Eliten gespalten sind was die beste Lösung für Russland wäre. Es gibt hier informelle, sagen wir “Gruppen Gleichgesinnter” innerhalb der russischen Medien die versuchen, die Interessen ihrer Patrone und Unterstützer zu promoten. Und während es eine zu grobe Vereinfachung wäre, zu sagen, dass beispielsweise NTV für “Position A” stände während RT für “Position B” steht, weiß ich sicher dass innerhalb von RT, NTV, Rossia, REN-TV und dem Rest von verschiedenen Gruppen mit verschiedenen Agendas: Das eine Redaktionskollegium kann eine deutlich andere Position als ein anderes haben, sogar innerhalb derselben Mediengruppe.

Viertens, das russische Interesse sollte man nicht automatisch mit dem Interesse Neurusslands verwechseln, genauso wenig wie man die Interessen der russischen und neurussischen Eliten mit den Interessen des russischen und neurussischen Volkes verwechseln sollte. Scheint trivial, aber ich habe das Gefühl dass eine Einigung über den endgültigen Status von Neurussland ein resultierender Vektor aus den Zielen vieler verschiedener Interessengruppen sein wird und mit großer Sicherheit ein Kompromiss bei dem niemand alles kriegt was er gerne möchte.

Nachdem das gesagt ist, lasst uns ansehen wie all das begonnen hat.

Wie sind wir hier hergekommen?

Vor sechs Monaten war alles was die Ostukrainer wollten a) eine Garantie für die russische Sprache und b) fiskale Autonomie. Das wars. Nicht mehr. Was Russland betrifft, war seine Position genauso klar: Eine neutrale und vereinigte Ukraine, die respektvoll mit den Bürgerrechten all ihrer Bürger umgeht. Hört sich problemlos an, richtig?

Was die ukrainische Opposition betraf, so wollte sie offiziell die oligarchen-kontrollierte Regierung weghaben und ein Assoziierungsabkommen mit der EU. Auch recht unkompliziert.

Nun, man bedenke, ein Kompromiss war ziemlich offensichtlich: Wahlen einer neuen, nicht von Oligarchen kontrollierten Regierung, welche ein Assoziationsabkommen mit der EU unterschreibt und die Bürgerrechte aller Ukrainer respektiert, einschließlich der kulturellen und sprachlichen Rechte der Ostukrainer. Janukowitsch ging sogar so weit, Jatsenjuk den Posten des Premierministers anzubieten. Warum passierte das nicht?

Weil die Protestbewegung völlig vereinnahmt, gekapert, manipuliert, kontrolliert, finanziert, organisiert und geführt wurde von den USA, die die politischen Eliten der EU und eine Gruppe von gutgläubigen Nazis benutzten, um einen Regimewechsel zu erreichen und die Ukraine in die anglozionistische Einflusssphäre zu ziehen. Was sie wollten, war eine Ukraine, die ökonomisch von der EU ausgebeutet wird und militärisch von den US über die NATO kontrolliert. Dieser Plan war konzentriert nicht nur auf das Abtrennen der Ukraine von Russland und seiner ökonomischen Union mit Belorussland, Kasachstan, Armenien und anderen, sondern auch auf die Abtrennung der ökonomischen Verbindungen zwischen Russland und Europa (ein altes US-Ziel noch aus dem Kalten Krieg als die USA alles tat was die UdSSR daran hindern konnte Gas nach Westeuropa zu verkaufen).

Sie können sich die Nazi Freaks als Ukie-Äquivalent von Al Qaede oder ISIS vorstellen: fanatische hasserfüllte mörderische Zombies die ihren Hass und Lust auf Unterdrückung und Mord nicht beherrschen können. Natürlich versuchten sie unter US-Druck sehr, wie normale und zivilisierte Menschen auszusehen, aber immer wieder ging das daneben, und so gab es Bezeichnungen Russischsprechender als Untermenschen oder Unmenschen, Timoschenkos Wunsch die “verfluchten Moskals” auszurotten, das scheinbar verrückte Bestehen darauf dass nur Ukrainisch Amtssprache sein darf und die genauso idiotische kategorische Ablehnung jeder Form von Föderalisierung. Unnötig zu sagen, dass diese Verrückten, sobald sie die Macht errungen hatten, sofort eine Serie von erstaunlich dummen und provokativen Gesetzen wie die Wiederzulassung von Nazipropaganda oder die Abschaffung des offiziellen Status der russischen Sprache annahmen. Nicht verwunderlich, dass die Leute im Osten ausflippten und richtigerweise daraus schlossen, dass “die Nazis zurückgekommen sind”.

Das Ergebnis war die Schaffung einer doppelten Dynamik: Die Verrückten in den USA (die Neocons) bedrohten direkt die vitalen, existentiellen Interessen Russlands, während die Verrückten in Kiew (die Nazis) die vitalen, existentiellen Interessen der Bevölkerung der Ost- und Südukraine direkt bedrohten. Damit ließen sie dem Donbass und Russland keine andere Option als zu reagieren und direkt auf diese Gefahr zu antworten.

Das ist wichtig, weil das, was passiert ist, nicht einfach wieder weggewünscht und ungetan werden kann. Sowohl Russland als auch Neurussland sind im “Überlebensmodus”, in dem nichts anderes als die volle Beseitigung dieser vitalen, existenzitellen Bedrohungen akzeptabel ist. Mit anderen Worten, das anglozionistische Projekt der US-Empire UND das ukrainische Nazi-Experiment müssen absolut und definitiv besiegt werden und Bedingungen geschaffen werden, die für immer eine Wiederholung verhindern.

Wo stehen wir jetzt?

Erstens würde ich argumentieren, dass die Repressionskräfte der Junta (RJ) besiegt wurden. Nicht strategisch (wenn auch nur weil sie eine immense strategische Tiefe haben und immer noch riesige humane und materielle Ressourcen), aber operational. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass die Neurussische Armee (NA) darauf achtet, ihre Möglichkeiten nicht zu überschätzen und zu weit nach Westen zu gehen, weswegen die Situation für Neurussland augenblicklich recht gut aussieht. Zweitens wurde die Junta auch politisch besiegt: Wenn das ukrainische Volk früher eine oligarchen-kontrollierte Regierung hatte, hat es nun eine Regierung von Oligarchen. Und das weiß es. Weiterhin haben die Nazis ihr wahres Gesicht gezeigt (Odessa, Mariupol, MH17, MLRS und ballistische Raketen gegen Zivilisten mit weißem Phosphor und Clustermunition usw.). Drittens ist, voraussagbar, die Ukie-Ökonomie im freien Fall und für alle praktischen Fragen ist die Ukie-Industrie tot. Ich würde das ein vollständiges Versagen der Junta nennen.

Onkel Sam macht es nicht viel besser: Die Krim ist für immer verloren, der Donbass ist auch verloren für alle praktischen Fragen, Putin ist populärer als er je war, die Spannungen zwischen EU und USA sind angestiegen (die Tschechen und Slowaken haben erklärt, dass sie ein Veto gegen weitere Sanktionen gegen Russland einlegen werden), und die US-Marionettenjunta in Kiew hat die Kontrolle über die Situation komplett verloren.

art by Josetxo Ezcurra

Was die EU betrifft, ist es echt neurotisch geworden. Die neueste Wahl von Donald Tusk und Federica Mogherini ist definitiv eine gute Nachricht, aber kommt auch ein bisschen zu spät. Der Schrotthaufen den Catherine Ashton und Herman Van Rompuy produziert haben braucht Jahre schmerzhafter Bemühungen um gereinigt zu werden. Nebenbei, ein anderer Verrückter, Anders Fogh Rasmussen, ist immer noch da, immer noch genauso verrückt und pathetische wie immer. Aber, bei aller heißer Luft, die Rasmussen und einige andere EU-Politiker von sich geben, hat die EU kein Rückgrat für weitere Sanktionen, und noch weniger für einen hässlichen Sanktionskrieg mit Russland. Die Russen wissen das, und so ist alles was sie zu tun haben zu warten, bis die Frucht reif (oder wirklich verrottet) ist um ihr in den Schoß zu fallen.

Es wird nächte Woche ein NATO-Summit in Wales geben, wo Obama und seine Neocon-Seilschaft von außenpolitischen Beratern definitiv auf eine Serie antirussischer Maßnahmen drängen wird, unterstützt von sehr lautem Macho-Gehabe dass Russland gestoppt, Europa verteidigt und die NATO als absolut notwendig akzeptiert werden müsse. Mehr Leute, mehr Waffen, mehr Drohungen, und, nicht zuletzt, mehr Dollar für den amerikanischen militärisch-industriellen Komplex. Russland wird jedoch unbeeindruckt bleiben, aus einem einfachen Grund: Die USA und die EU sind auf maximalem anti-russischen Kurs schon seit mehreren Jahren. Faktisch sind die einzigen anti-russischen Maßnahmen die das anglozionistische Imperium noch nicht angewendet hat die, die es selbst härter treffen würde als sie Russland schaden würden. Anders gesagt, von jetzt an ist jede anti-russische Sanktion, die angenommen wird, nach Definition eine, die den Anglozionisten mehr schaden wird als Russland (was sie natürlich trotzdem tun werden). Die Schlussfolgerung ist offensichtlich: Der Westen kann sich einen anhaltenden Sanktionskrieg gegen Russland nicht leisten.

Es gibt noch eine reale Gefahr

Das Problem mit den Anglozionisten ist, dass die arrogant und dumm genug sind um in eine Variante der israelischen “Samson Option” hineinzustolpern: den Gegner anzugreifen auch wenn dies dazu führt, dass das ganze Gebäude über einem selbst zusammenstürzt. Anders als viele Analytiker glaube ich nicht, dass die Amerikaner augenblicklich dumm genug sind, bewusst einen Krieg gegen Russland zu beginnen, noch weniger einen nuklearen, aber sie sind arrogant genug sich selbst in eine Ecke zu stellen, in der die einzige Möglichkeit, das Gesicht zu wahren, der Einsatz des Militärs ist. Sie sind auch fähig, eine extrem gefährliche militärische Situation zu schaffen, in der schon ein Feuerwerkskörper einen Krieg hervorrufen kann (erinnern Sie sich an die verrückte US-Navy die in der Straße von Hormuz oder der Taiwan-Straße herumfährt?). Die Russen müssen absolut auf diese Gefahr achten und dürfen niemals annehmen, dass die Amerikaner rational oder vernünftig wären. Die Geschichte zeigt, dass sie leichtsinnig sind und lüstern darauf, eine Situation zu schaffen, die zu einem Krieg führt (die US-Politik gegenüber Japan vor dem 2. Weltkrieg ist eine perfektes Beispiel).

Sehen wir uns die Optionen für Neurussland an

Wie ich schon sagte, steckt der Teufel im Detail, aber es gibt im Grunde zwei Hauptoptionen für Neurussland. 1) volle (de facto und de jure) Unabhängigkeit, 2) praktische (de facto aber nicht de jure) Unabhängigkeit. Ich glaube ehrlich dass jede andere Option ohne eine de facto Unabhängigkeit einfach unmöglich durchzusetzen ist. Die Neurussen werden unter Kiews Polizei oder Militär nicht leben, sie werden Kiew nicht mehr als rein symbolische Steuern zahlen und werden definitiv keine Einschränkungen ihrer kulturellen, sprachlichen und ökonomischen Rechte akzeptieren, einschließlich des Rechtes, direkt mit Russland Handel zu treiben. Ich betrachte diese Option als so unwahrscheinlich, nur durch ein massives und andauerndes Blutbad aufrechtzuerhalten, dass ich sie nicht weiter betrachten werde. Also betrachten wir die beiden anderen Optionen.

a) Volle (de facto und de jure) Unabhängigkeit: Neurussland

Vorteile: Sicherheit: Die Möglichkeit, sich entweder Russland anzuschließen oder Verträge gegenseitigen Beistandes zu schließen, welche russische Stützpunkte in Neurussland einschließen könnten. Dies würde ideale und maximale Sicherheit vor jeder zukünftigen Attacke durch die Ukies bieten.
Ökonomie: Keine Steuern an Kiew, Assoziierung mit Russland, voller Zugriff auf den riesigen eurasischen Markt, Arbeit für die russische Industrie, soziale Rechte die von Russland bezahlt werden (als Teil eines Hilfspakets). Die Freude über den vollständigen Sieg, und nichts mehr mit den Verrückten aus der Westukraine zu tun zu haben. Volle, totale Entnazifizierung.

Nachteile: Maximalistische Position, die keinen gesichtswahrenden Weg für die Verrückten in Kiew und Washington bereitstellt, große Schwierigkeiten international anerkannt zu werden. Diese Option lässt den Rest der Ex-Ukraine in den Händen der Anglozionisten und Nazis, die andauernd das Leben in Neurussland sabotieren, stören und zerrütten werden. Es besteht die reale Gefahr dass dies bedeutet, Städte und Regionen wie Odessa, Dnjepropetrowsk, Charkow, Chernigov, Nikolajew und andere historisch russische Teile der Ex-Ukranie was auch immer für einem Regime in Kiew zu überlassen.

Konstante militärische Gefahr: Der augenblickliche Ukie-Minister für Verteidigung hat eine Siegesparade der Ukie-Kräfte in Sewastopol versprochen, ist kein Scherz. Sie können sich ausmalen was Typen wie er zu einem unabhängigen Neurussland sagen. Schlüsselproblem: Diese maximalistische Position lässt kein Interesse für Kiew an irgendwelchen Verhandlungen über was auch immer übrig.

b) Praktische (de facto aber nicht de jure) Unabhängigkeit: “Ukraine 2.0″

Vorteile: Neurussland bekommt deutlich mehr als was es vor sechs Monaten wollte (siehe oben). Indem die Fiktion eines einheitlichen Staates erhalten wird, lässt diese Lösung jedem einen Weg das Gesicht zu wahren und die Hauptakteure von außen (Russland, US, EU, UN, OSZE) können alle den Deal unterzeichnen und zu Garanten erklärt werden. Außerdem, wenn Neurussland nominell Teil der Ukraine 2.0 ist, gibt das dem Volk der Ostukraine (die reichste und am besten ausgebildete Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung) eine Chance die Naziherrschaft in Kiew zu bekämpfen, und als Basis zu dienen um das augenblickliche Banderastan zu stürzen und durch eine Ukraine 2.0 zu ersetzen. Weiterhin wäre eine vereinte Ukraine in einer deutlich besseren Position dringend benötigte internationale Hilfe und Geld zum Wiederaufbau zu bekommen. Wenn zumindest zu Anfang die Nazi-Freaks in Kiew an der Macht bleiben, können wir sicher sein, dass sie den Rest von Banderastan weiter zerstören werden und, früher oder später, ein Regimewechsel stattfinden wird. Wenn das neue Regime mehr oder weniger vernünftig ist, könnte Neurussland verlangen, dass die Verantwortlichen für die Verbrechen vor Gericht kommen und eine Art “Wahrheits- und Aussöhnungs”-Kommission gegründet wird.

Nachteile: Es besteht die reale Gefahr, dass das Poroschenko-Regime fällt und durch eine Jarosch-Diktatur ersetzt wird. Alternativ könnte Südbanderastan sich von Kiew abspalten und “Kolomoikistan” bilden. In beiden Fällen würde der Kollaps von Poroschenkos Regime den Donbass in eine zweite Phase des Bürgerkrieges hineinziehen ohne Option auf offene russische Hilfe (inoffizielle Hilfe würde, natürlich, geleistet). Schon die Idee, von Nazi-Freaks in Kiew repräsentiert zu werden oder eine Ukie-Flagge zu hissen wäre eine Kränkung für all die, die im Kampf für Neurussland gefallen sind. Weiterhin, wenn der Deal nicht stabil und sicher aussieht, würden, statt dass die meisten aus Russland wieder nach Hause kommen, eher noch mehr Leute “mit den Schuhen abstimmen” und nach Russland emigrieren. Heute sind sogar die Leute auf der Krim noch nervös, und russische Politiker, einschließlich Putin, müssen ihnen ständig sagen “nein, das ist diesmal für immer, wir werden euch nie verlassen, das ist nichts was zurückgenommen wird”. Wenn sogar das Volk der Krim besorgt über die Zukunft ist, obwohl sie nun legal Teil von Russland sind, können Sie sich vorstellen, wie verängstigt und unsicher die Bewohner von Neurussland wären in irgendeiner Art von “Assoziation” mit Kiew, auch wenn die rein formal ist.

Dies sind nur ein paar Beispiele, es gibt viele andere die aufgezählt werden könnten als Vor- und Nachteile beider Optionen – unabhängiges Neurussland wie Ukraine 2.0.

Mein persönlicher, höchst spekulativer Tipp

Russlands bevorzugte Option

Ich denke dass Russland die Ukraine 2.0 bevorzugt. Vom russischen Standpunkt hat dies eine Menge Vorteile (wie dass die Ukraine 2.0 gezwungen wäre, einen völlig neutralen, unabhängigen Status einzunehmen). Wie schon gesagt, Russland braucht oder benötigt die Ukraine nicht. Was es will, ist eine stabile, neutrale und aufblühende Ukraine, und das nicht weil Putin und der Rest der Typen im Kreml Heilige oder Ukrainophile wären, sondern weil dies im besten Interesse von Russland ist. Alles was Russland brauchte hat es schon bekommen: Die Krim.

Denen, die abgestoßen sind von der Vorstellung einem nicht völlig unabhängigen Neurussland oder einer “Ukraine 2.0″ will ich sagen, dass ich bezweifle, dass Russland solch ein Ergebnis dem Volk von Neurussland aufdrängen kann. Sicher, ich bin nicht naiv, Sachartschenko un die aktuellen neurussischen Führer haben ihre Macht in einem von Moskau unterstützten Machtwechsel erhalten, so dass ihre Verbindungen zu Moskau sehr eng sind, aber die reale Macht von Sachartschenko und Co ist, dass sie die Unterstützung und den Konsens der großen Mehrheit des neurussischen Volkes hinter sich haben, besonders derer die in der NA kämpfen. Ich habe nie an einen “Ausverkauf” von Neurussland geglaubt (auch wenn ich ihn immer befürchtet habe), und ich bin sicher, dass, wenn ein solcher “Ausverkauf” passieren würde, die einzige reale Kraft in Neurussland – die NA – dies nicht zulassen würde. Außerdem würde jeder solche “Ausverkauf” eine schwere innenpolitische Krise für Putin auslösen.

All das muss gesagt werden, um klarzustellen, dass ich glaube, dass, wenn sie die Wahl hätten, Putin und seine Ratgeber ein de-facto aber nicht voll de-jure-unabhängiges Neurussland innerhalb einer sehr losen “Ukraine 2.0″ vorziehen würden. Ich glaube nicht, dass ein “Ausverkauf” etwas wäre was sie wollen oder auch nur könnten: Der ultimative Garant der de-facto Unabhängigkeit von Neurussland ist nicht Putin oder Russland, sondern die bewaffneten Männer der NA.

Neurusslands bevorzugte Option

Was würde das Volk von Neurussland, und, insbesondere, die NA vorziehen?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber ich vermute, dass die volle Unabhängigkeit ihr bevorzugtes Ziel ist. Die Situation ist jedoch komplex, und es gibt solide Argumente, die gegen eine solche Option sprechen und für eine “Ukraine 2.0″ (genau wie umgekehrt).

Man kann auch argumentieren, dass es jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt ist, um diese Wahl zu treffen. Einerseits, niemand weiß, wer in Kiew in ein paar Monaten an der Macht ist. Der Winter kommt und die Gasverhandlungen werden gewaltig. In Abhängigkeit davon, was die NATO entscheidet oder nicht entscheidet, könnte die eine oder die andere Option zur eindeutig besseren Wahl werden (man stelle sich NATO-Truppen in Kiew vor!).

Wir müssen der Zeit Zeit geben (französischer Ausdruck)

Die Beispiele von Korea, Zypern, Kosovo, Transnistrien und viele andere zeigen, dass manchmal die einzige Lösung überhaupt keine Lösung ist. Die Beispiele von Irland und Tschetschenien zeigen, dass einige Lösungen überhaupt nicht die sind, die zu Beginn angestrebt wurden. Weiterhin würde ich ergänzen, dass das reale Endziel von Russland in der Ukraine nicht die Krim zu kriegen oder den Donbass zu retten ist, sondern ein wirklicher Regimewechsel in Kiew. Nur diese Option wäre ein Ergebnis, welches Russland wirklich freuen würde, und, wenn wir das im Hinterkopf behalten, ist es überhaupt nicht klar für mich, ob eine volle Unabhängigkeit von Neurussland der beste Weg ist, um dorthinzukommen. Und lasst uns auch nicht vergessen, diese Frage zu stellen: was ist besser für das Volk von Neurussland, volle Unabhängigkeit von der Ukraine oder ein wirklicher, dauerhafter, Regimewechsel in Kiew?

Genau wie im Schach sind die Zeit und die Zeitsteuerung entscheidende Teile des Spiels. Die, die über die letzten Monate hinweg hysterisch Putin beschuldigten, ein Verräter zu sein, der den Neurussen das Messer in den Rücken rammt, haben nicht verstanden, wie wichtig die Zeit und Zeiteinteilung in der Strategie sind. Ich muss es leider so sagen, nicht um jemand zu kränken, aber viele Menschen im Westen wuchsen auf, wurden erzogen und ausgebildet in einer Kultur von sofortiger Aktion-Reaktion, von sofortigen, fast schon Kurzschlussreaktionen. Sie sind es gewohnt, nur kurzfristige, schnell erreichbare Optionen zu betrachten. Russland, und noch mehr China, sind in dieser Hinsicht sehr verschieden. Diese beiden Nationen haben ihre riesigen Länder durch langsamen und allmählichen Fortschritt aufgebaut, nicht durch kurze Vorschübe. Und während die Russen von der Straße auch eine schnelle Lösung des Ukraineproblems vorziehen, wissen die Leute im Kreml, insbesondere frühere Geheimdienstoffiziere wie Putin, dass das “ukrainische Problem” 400 bis 800 Jahre alt ist, je nachdem wie man es definiert (lest hier oder hier wenn Ihr interessiert seid) und nicht in ein paar Monaten gelöst werden wird. Das ist insbesondere deshalb so weil in der augenblicklichen Situation der wirkliche Grund und die Kraft hinter der aktuellen Krise in der Ukraine das anglozionistische Imperium ist.

Das wirkliche, “wirkliche” Ziel von Putin (und Xi Jinping!)

Wie ich hier schon viele, viele Male gesagt habe, ist das echte, “wirkliche” Endziel von Russland nicht einmal der Regimewechsel in Kiew – es ist der Regimewechsel in der Welt. Es besteht kein Zweifel bei mir dass sowohl Russland wie auch China eine neue Weltordnung erschaffen wollen, aber eine, die von der von Bush, Fukuyama, Obama und dem Rest der anglozionistischen 1%-er angestrebten sehr verschieden ist. Russland und China wollen die komplette Zerstörung des anglozionistischen Imperiums, sie wollen die Weltwirtschaft entdollarisieren, wollen eine multipolare internationale Weltordnung in der die Herrschaft des Rechts respektiert wird weil man versteht dass dies der vorteilhafteste Weg ist, Probleme zu lösen. Russland sieht seine Zukunft im Norden und in Sibirien, China will seine Ökonomie globalisieren, einschließlich Fernostasien und Pazifik, Afrika und Lateinamerika. Russland will auch die Rolle Lateinamerikas und Zentralasiens vergrößern, weil es nur mit diesen Kontinenten und Gebieten eine wirklich multipolare Welt geben kann. Ich würde auch sagen dass Russland wie China das westliche Zivilisationsmodell und seine zentralen Dogmen ablehnen (ich werde sie hier nicht aufzählen, um neue Leser nicht zu beleidigen oder wütend zu machen, aber meine Leser über längere Zeit wissen genau was ich meine) und dass sie nicht nur eine andere Weltordnung wollen, sondern auch eine andere Zivilisation. All das ist viel, viel größer als der Donbass oder auch die ganze Ukraine. Ja, im Augenblick geht die Frontlinie des globalen Zivilisationskrieges direkt durch die Ukraine, aber das ist nur ein Kampf in einem viel größeren und weitergehenden Krieg.

Nach einigen sehr viel sagenden Erklärungen von Sachartschenko in seiner letzten Pressekonferenz bin ich sicher, dass er das sehr gut versteht. Ich habe keinen Zweifel daran dass Putin das tut.

Schlussfolgerungen

Die wichtigste Schlussfolgerung, die, hoffe ich, Ihr alle aus dem hier geschriebenen ziehen werdet, ist, dass wir nicht zu Schnellschüssen springen sollten und dramatische Urteile fällen sollten. Wenn ich Euch überzeugt habe, dass dies eine ziemlich verzwickte, komplexe und multidimensionale Frage ist, bin ich zufrieden. Wenn ich wieder von Ein-Satz-Slogans überschwemmt werde, bin ich gescheitert. Wie schon gesagt bin ich nicht sicher dass irgendjemand weiß wohin uns alle das bringt. Einerseits haben die Ukies und ihre westlichen Patrone jede einzelne Übereinkunft, die sie seit dem letzten Herbst unterzeichnet haben, gebrochen, und es gibt keinen rationalen Grund, zu erwarten, dass sie irgendwas einhalten würden, was sie diesmal unterzeichnen. Diese Verhandlungen können auch ins Nichts führen, und Chaos und “Somalisierung” der Ex-Ukraine würden sich fortsetzen. Einmal hat Putin folgendes gesagt: “es ist egal wo die USA involviert sind, sie erreichen überall dasselbe Ergebnis: Libyen”. Das ist sehr richtig, und möglicherweise ist eine Libyanisierung von Banderastan notwendig bevor jeder zu Verstand kommt. Oder, es ist schrecklich sowas zu sagen, die Situation könnte ähnlich der in Tschetschenien 1999 sein, wo eine Menge Leute einfach physisch eliminiert, getötet, werden mussten bevor eine Lösung gefunden werden konnte (so traurig es ist, aber Nazis und Wahabis haben gemeinsam, dass der einzige Weg, mit den meisten von ihnen umzugehen ist, sie zu töten). Ich weiß es nicht.

Also lasst uns diese unglaublich fließende, komplexe und gefährliche Situation weiter im Auge behalten, und nicht behaupten dass alles einfach wäre und die Lösung offensichtlich.

Bleiben Sie dran, wie immer, ich will mein Bestes tun um Sie zu informieren.

Grüße und viele Dank,

der Saker

PS: Das ist ein weiterer meiner “geschrieben in einem Schuss zwischen verschiedenen anderen Verpflichtungen” Posts, also verzeiht schlechte Grammatik, Rechtschreibung, Syntax und Stil. Ich habe rein physisch nicht die Zeit das zu korrigieren. Tut mir leid, muss los :-) Der Saker