Lauf, Walzmann, lauf

Übersetzung von Беги, Вальцман, беги (Autor Aleksander Jablokow)


In Kiew patrouillieren verstärkte Streifen der Polizei im Zentrum der Stadt zusammen mit der Nationalgarde. Polizeiwagen an jeder Kreuzung. Bei der Präsidentenadministration stehen Busse mit getönten Scheiben, voll vom Speznas der Polizei in voller Ausrüstung. Die Oberste Rada ist umzingelt von Ordnungskräften und Mitgliedern der Territorialbataillone “Kiew-1″ und “Kiew-2″. Regelmäßig tauchen Dientshunde auf und gucken freundlich in alle Richtungen. Gepanzerte “Kamas” stehen in der Nähe vom Mariinsker Palast. Ein Putsch? Nein.

Es ist lediglich gestern spät abends in die Hauptstadt der souveränen, unabhängigen Ukraine der Gouverneur des nicht weniger, wenn nicht mehr souveränen Gebiets Dnepropetrowsk, der Patriot und “Judenbanderowez” Igor Kolomoisky gekommen. Es ist klar, seine Ankunft konnte nicht unbemerkt bleiben. Insbesondere wo Benja, wie immer, beeindruckend auftrat und bei der Wortwahl nicht besonders wählerisch war.

Igor Walerewitsch musste persönlich eine Situation klären, welche der Oligarch kurz, aber deutlich charakterisierte: “Die sind ausgef..ckt”. In der Nacht vom 19. zum 20. März hat der langerwartete, schon lange prognostizierte Krieg der Oligarchen in der Ukraine begonnen. Da ist ein Bankrott nichts dagegen, das ist die volle F.tze.

Es bietet sich an, kurz an die Geschichte des Konflikts zu erinnern, der die Reste der Staatlichkeit des Landes zerstören könnte. Am 2. März 2014 wurde durch Befehl des Sprechers und Präsidenten Alexander Turtschinow Benja Kolomoisky zum Gouverneur des Gebiets Dnepropetrowsk ernannt. Die Idee, die Macht in den Regionen Oligarchen zu geben, stammt von Julia Timoschenko. Sie war gerade aus dem Knast gekommen und in dieser Zeit sehr aktiv. Sergej Taruta bekam den Posten des Chefs des Donezker Gebietssowjets, während alle anderen Oligarchen die vorgeschlagenen Sessel ablehnten. Insbesondere lehnte Wadim Nowinsky (“Smart-Gruppe”) die Krim ab. Ich kann das nachvollziehen. Alexander Jaroslawski lehnte höflich den Vorschlag, in Charkow Gouverneur zu spielen, ab. Wie auch Konstantin Grigoschin, dem das Gebiet Sumy angeboten wurde.

Was aus Taruta wurde, ist allen bekannt: Heute hängt er in der Obersten Rada rum, und man zählt ihn gar nicht mehr zu den Oligarchen. Also, reines Missverständnis. Aber Benja Kolomoisky drehte voll auf. Er kaufte den “Rechten Sektor” zusammen mit Dmitry Jarosch, Kind und Kegel. In Rekordzeit terrorisierte er das ganze Gebiet Dnepropetrowsk, wo sich niemand traut ihn auch nur schief anzusehen. Durch die Straßen von Dnepropetrowsk liefen die Schläger vom Rechten Sektor und verprügelten präventiv all die, die nach “Wata” aussahen. Das Team von Kolomoisky schuf mehrere Strafbataillone, am bekanntesten ist “Donbass” von Semen Sementschenko. Alle Strukturen im Gebiet – Polizei, Staatsanwaltschaft, örtliche Abteilung des Geheimdienstes SBU – kuschten vollständig vor Kolomoisky. Die zentralen Massenmedien kochten geradezu vor Begeisterung, während sie beschrieben, was für ein Prachtkerl und Patriot Benja ist. Na so was, er schrieb eine Prämie von 10 000 $ aus für jeden getöteten “Moskal”. Bravo, Benja! Wow, er hat Putin einen Schizophrenen genannt. Der gibts aber!! Das offizielle Sprachrohr des State Department im Internetraum der Ukraine, die “Ukrainische Prawda” rühmte über alle Maßen die Verdienste des Oligarch-Patrioten, der ganz allein die russische Aggression gestoppt und Dnepropetrowsk vor der Okkupation gerettet hat und persönlich “Freiwilligen-Bataillone” finanziert. Und noch Sprit für ukrainische Panzer kauft. In der “UP” arbeiteten damals als Journalisten Mustafa Naiom und Sergei Leschtschenko. Uber sie später mehr.

Unter den “Errungenschaften” von Igor Kolomoisky – das massenweise Verbrennen von Odessiten im Gewerkschaftshaus am 2. Mai. Er war es, der dem Sprecher-Präsidenten Turtschinow vorschlug, den Aufstand im Odessa “im Keim zu ersticken”. Und seine Truppen überfielen und verbrannten die Menschen. Und dies “lediglich” im Tausch für die Kontrolle über die Region Odessa. Gouverneur von Odessa wurde ein Mann von Kolomoisky – Igor Paliza. Benja wollte auch seine Leute in den Gebieten Nikolajewsk, Saporoshje und Cherson installieren, aber zum Präsidenten wurde Walzmann gewählt, der, zusammen mit der Gruppierung von Firtasch-Lewotschkin, Kolomoisky signalisierten, dass er mehr nicht kriegen wird. Das war keine Kriegserklärung, nur ein Vorspiel. Der Fernsehkanal “Inter”, der Lewotschkin gehört, zeigte die Serie “Chamäleon”, in der Kolomoisky auf nicht sehr attraktive Weise dargestellt wird. Benja gab das Kommando Oleg Ljaschko “bluten zu lassen”, der ein Projekt von Lewotschkin war. Dank des Fernsehkanals “1+1″, der Kolomoisky gehört, konnte das Rating des “Radikalen” um 5-8% verringert werden.

Nach den Präsidentenwahlen im Mai und den Parlamentswahlen im Oktober hatten die Gruppen Walzmann-Firtasch-Lewotschkin und Kolomoisky (Bogoljobow, Korban, Filatow) ein Patt in der Gegenüberstellung. Im Januar 2015 wurde klar, dass der Krieg unvermeidlich ist. Die Seiten sammelten Kräfte und Vorräte. Genauer, Benja sammelte, dem es gelang, über verschiedene Parteilisten und Mehrheitswahlkreise ca. 70 Deputierte in die Oberste Rada zu bekommen, und seine Leute an scheinbar zweitrangige aber genauer gesehen Schlüsselposten im Ministerrat zu bringen. Mehr noch, es gelang ihm, den Premier Arsenij Jatzenjuk zu “werben”, der mindestens versprochen hat, die Augen vor den üblichen Schemen der Gruppe “Privat” zu schließen.

Am 15. Januar nahm die Oberste Rada ein Gesetz an, welches darauf gerichtet war, die staatliche Aktiengesellschaft “Ukrnafta” aus der Kontrolle des Managements von Kolomoisky herauszulotsen. In der Rolle der Newsmaker, die das Gesetzesprojekt begleiteten, traten die schon erwähnten Mustafa Najom und Sergei Leschtschenko auf, die in der Liste von Petro Poroschenko Deputierte geworden waren. Und, natürlich, Oleg Ljaschko. Dank des gewöhnlichen juristischen Analphabetentums der Ausarbeiter des Gesetzesprojekts gelang es den Juristen von Kolomoisky leicht, den Effekt des Gesetzes auf nichts zu reduzieren. Es stellte sich heraus, dass es auf “Ukrnafta” nicht angewendet werden kann. Die Reaktion von Kolomoiskys Truppe war Angriff. Erstmal vergraulten sie den Chefredakteur der “UP” Alena Pritulu, deren Zeitung zu einer Informationsplattform für Angriffe auf Benjas Imperium geworden war. Keine Ahnung, was sie mit Alena gemacht haben, aber sie stellte sofort irgendeine Usbekin Sewgil Musajewa-Borowik auf den Posten des Chefredakteurs und verzog sich selbst in die USA. Die Leitung der Herausgabe führt sie aus der Distanz aus, Gott sei Dank erlauben dies moderne Technologien. Zweitens wurden persönliche Grüße an Najom, Leschtschenko und Ljaschko überbracht. Wenn sie kluge Leute wären, würden sie den Empfehlungen folgen. Drittens bereiteten die Truppen von Benja einen Militärputsch zum Jahrestag des Maidan vor. Um ein für alle mal alle Probleme zu lösen. Insbesondere wo für die Rolle der Militärjunta geplant war, von Kolomoisky geleitete Leute zu nehmen – der Dnepropetrowzer, Sekretär des SNBO Aleksander Turtschinow, den ersten Vizesprecher Andrej Parubij, den Minister des Innern Arsen Awakow und Premier Arsenij Jatzenjuck.

Die Putschgefahr war so groß, dass viele Deputierte einfach in Ausland fuhren, um die gefährliche Zeit weit weg vom Epizentrum zu überstehen. Sie siedelten gleich noch ihre Familien um.

Washington gab jedoch keine Zustimmung zum Umsturz. Ich weiß nicht, was für Argumente verwendet wurden, um Benja zu überzeugen, aber er änderte seine Taktik. “Meinetwegen, kaufe ich eben alle” hat er angeblich gesagt. Und, in der Tat, am vierten März, auf der Sitzung der zeitweiligen Spezialkommission der Obersten Rada, die Benjas Freund Filatow leitet, gab er den Beginn von Massenprivtisierungen bekannt. Seine Idee war einfach: Man muss den schlechten Oligarchen (Firtasch, Lewotschkin, Grigorschin, Nowinzky, Pintschuk) alles wegnehmen und dem guten Geschäftsmann und Patrioten Kolomoisky geben.

Wie es aussieht, hat Walzmann und Firtasch diese Fragestellung erschreckt. Sie führten im Verlauf mehrerer Monate zusammen mit dem SBU schwere Arbeit zur Diskreditierung und Neutralisierung der Truppen Kolomoiskys und der Freiwilligenbataillone. Sie konnten das Bataillon “Aidar” neutralisieren und zerschlagen, welches augenblicklich nicht von Benja, sondern vom Mini-Oligarchen Igor Jeremeew aus der Westukraine finanziert wird, der Besitzer des NPS “Galitschina” und des Tankstellennetzes “VOG” ist. Im Parlament kontrolliert er die Fraktion “Volkswille”. Mitglied dieser Fraktion wurde vor kurzem der Kommandeur von “Aidar” Sergei Melnitschuk, der mit Skandal beim “Radikalen” Ljaschko rausgegangen ist. Analoge Versuche wurden gegen “Donbass” von Semen Sementschenko und andere Bataillone unternommen, denen man folgende Alternativen ließ: Entweder ihr geht in die Armee, schlimmstenfalls in die Nationalgarde, oder ihr werdet als Marodeure oder wegen Arbeit für den FSB eingebuchtet.

Walzmann hat, nachdem der Krieg mit DVR und LVR in einen eingefrorenen Konflikt überging, beschlossen, dass er die Möglichkeit hat, Kolomoisky fertigzumachen. Erstens, die Staaten unterstützen ihn. Zweitens, man muss allen zeigen, der der Hausherr ist, und exemplarisch Kolomoisky verprügeln. Daraus wurde ein Doppelschlag. Am 19. März hat der Sprecher Grossman eine neue Redaktion des Gesetzes über staatliche Aktiengesellschaften buchstäblich durchgezogen, welches es theoretisch erlaubt, das Management von Kolomoisky aus Ukrnafta rauszuschmeißen. Benja war auf so eine Aktion vorbereitet, weil seine Juristen ein Schema des Bankrotts von Ukrnafta vorbereitet hatten mit Hilfe einer Gerichtsprozedur. Eine Klage wegen 5 Mrd. Hrywna war schon vor Gericht gebracht worden. Aber er war nicht darauf vorbereitet, dass die Zentrale einer anderen Firma, die auch formell staatlich war, aber vollständig von “Privat” kontrolliert wurde, mit Gewalt übernommen wurde. Damit ist die Firma “Ukrtransnafta” gemeint, die Benjas Mann Alexander Lasarko leitete. Kolomoisky hat die Firma 2009 “ehrlich erobert” in Absprache mit dem damaligen Premier Julia Timoschenko. Und plötzlich kommen bewaffnete Leute in die Zentrale von “Ukrtransnafta”, schmeißen Lasarko aus dem Kabinett und stellen den ehemaligen SBU-Mann Juri Miroschkin rein, der jetzt die Firma leiten soll. Das konnte Benja natürlich nicht hinnehmen und er reiste persönlich an um die Situation zu klären. Man muss die Logik dieses Manns verstehen. Er hält wirklich Ukrtransnafta für seine Firma und hat die Aktion des Ministerrats als “Überfall” empfunden. Zuerst “Ukrnafta”, dann “Ukrtransnafta”. Das ist die Grundlage der Grundlage von Benjas Ölimperium, Quelle von Milliardenprofiten. Kolomoisky schmiss Miroschkin raus, schickte den Energieminister Demtschina zum Teufel, und den Journalisten von “Radio Svoboda” Andruschko gleich mit. Es bringt nicht viel, den Inhalt des Videos “Benja rät Andruschko, seine Zunge in den A…. zu stecken” wiederzugeben. Einige meinen, Kolomoisky wäre hier ausgeflippt und wütend geworden. Jungs, das ist sein üblicher Gesprächststil. Er flucht nicht in Mutterflüchen, er unterhält sich in ihnen.

Aber nun kommt das Interessanteste. Was wird weiter? Ich kann die verschiedenen Posen, in denen Benja Walzmann und seine Truppe, genau wie seine Mediendiener, f.cken wird, nicht voraussagen. Ich kann nur sagen, dass dies eine Show wird, spannend und schmerzhaft. Benja setzte sich als Geschäftsmann in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch. Gemeinheit, Prinzipienlosigkeit, Zynismus und Raubrittertum waren die wichtigsten Arbeitsmethoden. Er wurde herausgefordert. Er hat die Herausforderung angenommen. Das erste, was er machen wird – mit aller Macht die Kontrolle über “Ukrnafta” und “Ukrtransnafta” halten. Mit aller – das bedeutet tatsächlich aller. Wenn dazu öffentlich auf dem zentralen Platz Mustafa Najom und Leschtschenko vergewaltigt werden müssen, hilft ihnen weder die Immunität als Deputierte noch das persönliche Eintreten von Jen Psaki. Kolomoisky vertritt das folgende Prinzip: Wenn jemand sich von ihm einen Teil abschneiden will, muss man diesen Schuft demonstrativ bestrafen, ohne auch nur auf irgendwelche Kosten zu achten. Eine Sache des Prinzips, denn, wenn man seine Schwäche spürt, zerreist man ihn in Stücke. Die Zeit für den Gegenschlag ist unwichtig. Vielleicht in zwei Stunden, vielleicht in einem Jahr, vielleicht in 15 Jahren. Viele Konflikte mit Kolomoisky dauern Jahrzehnte.

Heute besprechen die Politiker und Journalisten aktiv ein Thema: Wird Poroschenko Kolomoisky als Gouverneur von Dnepropetrowsk absetzen oder nicht? Für Benja bedeutet diese Position nichts. Für ihn ist Dnepropetrowsk seine Stadt, und wenn ein neuer Vertreter Walzmanns dorthin kommt, hat er nur ein Schicksal. Ein überhaupt nicht beneidenswertes. Dazu muss man wissen, welche Ressourcen Benja hat. Einmal eine echte private Armee aus Wachschutzstrukturen und “Freiwilligenbataillonen”, vollständig ausgerüstet, bewaffnet und 15 000 Mann zählend. Die zweitausend, von denen er sprach, das ist nur so, die Vorausabteilung. Zweitens, die Privatbank, ist ein staatsbildendes Finanzinstitut. Es ist die größte private Bank der Ukraine mit zig Millionen Kunden. Wenn Kolomoisky will, hat die Ukraine kein Banksystem mehr. Drittens, erinnert Ihr Euch an die Benzinkrise 2008? Das war ein Gruß von Benja Kolomoisky. Das Land kann in wenigen Stunden ohne Treibstoff dastehen. Viertens, ein großes Medienimperium. Und nicht zuletzt fünftens, Geld. In Krisensituationen ist Benja niemals geizig, kauft leicht Rechtsanwälte, Richter und Staatsanwälte. Ich denke, Walzmann hat keine Chance. Im Prinzip wäre ein “Frieden” möglich. Aber nur dann, wenn man Kolomoisky die Möglichkeit gibt, die Aktive von Grigorischin, Firtasch, Novinsky, kurz von allen, auf die er zeigt, zu bekommen. Als “moralische Kompensation”. Wenn nicht, bekommt Poroschenko eine zweite Front. Und alle Chancen, zu siegen, sind bei Benja. Selbst wenn Kolomoisky das Land verlassen muss, bedeutet das nichts.