Wer bist du, Schütze? Gespräch mit Igor Strelkow

Übersetzung von «Кто ты, «Стрелок»?» Александр Проханов, Игорь Стрелков.

Was die Süddeutsche Zeitung und von dort abschreibend T-Online daraus machen, ist einfach nur eine Schande.

Der Artikel auf Heise.de ist in dieser Hinsicht deutlich besser – obwohl der Autor auch ein ziemlich negatives Bild von Strelkow zeichnet, ist sein Bild nicht ganz so verzerrt (siehe allerdings diesen Kommentar dazu).


Ein Gespräch zwischen dem Chefredakteur der Zeitung “Sawtra” (Morgen) und dem ehemaligen Verteidigunsminister der Donezker Volksrepublik.

Alexander Prochanow: Igor Iwanowitsch, ich war gerade in Neurussland. Und bei der Rückkehr habe ich begonnen zu zählen, Zeuge von wie vielen Kriegen ich war. Ich kam auf sechzehn. Beginnend mit Damansk, Dshalanaschkol, Afghanistan … Donezk, Lugansk ist der sechzehnte. Und jeder dieser Kriege hat sein eigenes Gesicht (wie eine eigenen Charakter – jeder Krieg). Und das ist irgendeine Substanz, die ihre Subjektheit hat, ihr Schicksal, ihre Entwicklung, ihre Erinnerung. Fühlen Sie auch, dass der Krieg gewisse Züge hat, die über die Technologie des Krieges hinausgehen? Wie würden Sie den Donezker Krieg in seinen Phasen, Etappen, Emotionen beschreiben?

Igor Strelkow: Das ist mein fünfter Krieg. Es gab zwei tschetschenische, Pridnestrowje und Bosnien. Ich würde seine Ähnlichkeit – szenarische Ähnlichkeit – mit dem Bosnien-Krieg hervorheben. Als Jugoslawien zerfiel und die Parade der Souveränitäten der serbischen Republiken begann, wollten einige Regionen nicht in die moslemisch-kroatische Föderation und begannen einen Aufstand. Diese Republiken unterdrückten die bosnischen Muslime und Kroaten mit militärischer Gewalt. Und, als ihnen die jugoslawische Armee zu Hilfe kam, wurde sie vor Sarajewo, Vukovar und Dubrovnik angehalten. Sie hielt nicht deswegen an, weil sie auf ernsthaften Widerstand traf, sondern weil das das direkte Eingreifen der NATO hätte auslösen können. Die Armee wurde abgezogen, überließ aber ihre Waffen den Serben. Die Situation ist jetzt sehr ähnlich. Und möge Gott helfen dass sie nicht genauso endet. Weil, als die Armee abgezogen war, konnten sich die Serben nicht organisieren. Es folgte ein langer Abnutzungskrieg. Und dann ging er schnell zu Ende – die Kroaten zerschlugen alle der Reihe nach.

Alexander Prochanow: Aber da gab es den Faktor der Gewalt. NATO-Truppen und Kontingente, Bombardierungen … In welchen Phasen entwickelte sich der jetzige Krieg?

Igor Strelkow: Zuerst wollte niemand kämpfen. Die ersten zwei Wochen verliefen unter Versuchen beider Seiten, einander zu überzeugen. In den ersten Tagen in Slawjansk waren sowohl wir als auch sie extrem vorsichtig mit der Anwendung von Waffen. Die erste Auseinandersetzung gab es mit SBU-Leuten, die uns zu kriegen versuchten, aber in einen Hinterhalt gerieten. Nicht mal ein Hinterhalt, einfach nur Gegenwehr, auf die sie nicht gefasst waren. Sie erlitten Verluste und verschwanden. Danach war Ruhe. Die Ukrainer begannen, Kontrollposten zu errichten, in unserer Umgebung machte das die 25. Luftlandebrigade. Aber die waren auch nicht scharf darauf zu kämpfen. Wir konnten zuerst eine Aufklärungstruppe entwaffnen, dann eine Kolonne. Das war wirklich eine Entwaffnung. Unter der Bedrohung durch Maschinenpistolen, unter der Gefahr, dass die Technik abgefackelt wird, schreckten sie vor einem Kampf zurück und wurden von uns entwaffnet.

Trotzdem ließen wir lange ihre Kontrollposten in Ruhe, und sie zeigten keine Aggressionen. Das waren die ersten Schritte.

Dann begann der “Rechte Sektor” Diversantengruppen zu uns zu schicken – es begannen Schusswechsel. Die Nationalgarde gab es noch nicht – nur den “Rechten Sektor”. Die ukrainische Seite ging sehr vorsichtig vor, Schritt für Schritt tastete sie sich vor, und beobachtete wie sich Russland verhält. Im ersten Monat gab es keinen Beschuss von Städten. Der erste Beschuss von Slawjansk fand Ende Mai statt. Vorher beschossen sie nur Dörfer, ließen Slawjansk jedoch in Ruhe. Aber nachdem sie erkannten, dass Russland nichts tut, wurde der Beschuss stärker, die Aktionen von Panzertechnik und Luftwaffe immer massiver. Anfang Juni hatten sie sich davon überzeugt, dass sich Russland nicht direkt einmischen wird, und legten voll los. Die erste massive Attacke auf Slawjansk gab es am 2. Mai. Die nächste – mit Anwendung aller Kräfte und Waffen, Panzerfahrzeugen und Panzern – fand am 3. Juni statt. Zwischen diese Angriffen gab es kleinere lokale Auseinandersetzungen.

Juni und Juli waren am schwersten. Wenn im April-Mai alles aufwärts ging, also sich das Gebiet des Aufstands vergrößerte, wir allmählich die Ortschaften der Donezker Republik kontrollierten, und die Bewegung sich ausweitete, so begannen wir im Juni, uns zurückzuziehen. Man begann, uns von allen Seiten zu bedrängen, die Kräfte des Gegners überstiegen unsere in allem. Und beim Gegner begann eine Motivation für den Kampf zu entstehen. Die Propaganda begann zu wirken. Und je weiter, umso stärker wurde die Motivation. Die Bataillone der Nationalgarde trafen auf dem Kampffeld ein. Sie waren von vornherein motiviert: Sie betrachteten den Gegner, also uns, als Moskauer Söldner. Sie waren überzeugt, dass wir aus Russland geschickt worden sind. Und dass bei uns in Slawjansk 90% aus der Umgebung, aus dem Donbass kommen, wollten sie nicht einmal glauben.

Im Juni-Juli, als es nur extrem wenig Hilfe gab, hat der Gegner riesige Kräfte herangekarrt. Und auch der Zuwachs der Kräfte war unverhältnismäßig. Beispielsweise, wenn zu uns 40 Freiwillige kamen, kamen zum Gegner 80 Maschinen. Was da drin war, ist eine andere Frage. Aber in jeder Maschine war mindestens ein Mann.

Im August, auf dem Höhepunkt der Krise, kämpften wir fast unter Bedingungen der Agonie. Wir stopften dauernd Löcher, verschlossen irgendwelche Durchbrüche. Wir waren in völliger operativer Einkreisung und konnten sie nicht zerschlagen. Und man begann schon, wie im klassischen Kessel, uns in kleinere Kessel zu zerschneiden. Allmählich wurde Gorlowka eingekreist….

Alexander Prochanow: Sie sprechen über die Phase, als Sie aus Slawjansk nach Donezk kamen?

Igor Strelkow: Ja. In dieser Phase gab es auch zwei Teile. Als mir aus Slawjansk nach Donezk kamen, gab es eine Phase der völligen Verwirrung der ukrainischen Seite. Sie hatten ihr Szenario bis ins Detail ausgearbeitet, aber wir spielten nicht mit, brachten alles durcheinander. Und nach diesem Szenario passte alles verdächtig gut zusammen für sie. Sehr verdächtig.

Was die Situation in Slawjansk betrifft …. Nachdem die ukrainische Seite die Front bei Jampol durchbrochen hatte, hingen wir schon an einem Faden, das Loch zwischen uns und Mosgowoi zu stopfen war unmöglich, dazu reichten die Kräfte nicht – mindestens eine Brigade wäre nötig gewesen. Aber wir hatten keine Reserven.

Und als sie Nikolajewka einnahmen, hatten wir keine Chancen mehr. Wir hätten eine Chance gehabt, wenn man uns massenweise Technik bereitgestellt hätte, Bewaffnung. Ich hatte drei Panzer, einer war völlig kaputt und hat keinen einzigen Schuss gemacht, nur zwei Panzer waren kampffähig. Mit ihrer Hilfe zerstörten wir einen Kontrollposten. Aber gleich nach der Zerstörung dieses Postens hat der Gegner auf alle Kontrollposten vier Panzer hingestellt. In Slawjansk hatten die Ukies sieben Kontrollposten, auf jedem vier Panzer. Jeder Kontrollposten war nach der technischen Ausrüstung und der Besatzung stärker als die gesamte Slawjansker Garnison. Am Ende der Belagerung hatte ich 9 Panzerfahrzeuge, einschließlich dieser zwei Panzer, und der Gegner hatte auf jedem Posten 7-8 Stück, einschließlich 4 Panzer. Und ich hatte die Alternative: Entweder in einer völligen Belagerung ohne Versorgung sitzenbleiben, oder abziehen. Und als der Gegner Nikolajewka eingenommen hatte, blieb uns nur ein Feldweg, und auch der wurde abgeschnitten: Wenn wir nachts auf dem Weg durchbrachen, gab es am Tag schon Posten.

Also, die Varianten. In der Einkreisung sitzen. Munition für die Schusswaffen hatten wir für härtere Kämpfe für zwei Tage, bei mittlerer Intensität – für eine Woche. Und nach den Kämpfen vor Nikolajewka blieben mir für 8 Granatwerfer 57 Granaten – weniger als für zehn Minuten pro Granatwerfer. Auch alles andere reichte nicht: Für die schweren Waffen fehlte Munition, am schlimmsten war es mit den Panzerabwehrwaffen. Die Kämpfe waren hart, es wurde viel verbraucht, und es kam kein Ersatz. Das war am 5. Juli. Die “Urlauber” kamen 40 Tage später. Wir hätten es bis zu ihrem Eintreffen nicht ausgehalten. Nicht mal die Nahrung hätte ausgereicht. Und das Wichtigste: Die ukrainische Armee vermied Kontaktkämpfe. Wenn wir selbst ihnen einen Kontaktkampf aufdrängten, dann hatten sie Verluste. Sie hatten seit der Zeit von Jampol eine andere Taktik: Sie gingen Schritt für Schritt vor, und setzten nur Panzerfahrzeuge ohne Infantrie ein. Vor den Panzerfahrzeugen gab es einen Feuerwall. Wenn die Panzerfahrzeuge auf Widerstand trafen, zogen sie sich zurück. Wieder ein Feuerwall. Und wieder Panzerfahrzeuge. Wieder ein Feuerwall – und wieder Technik.

Im Ergebnis zerstörten sie Nikolajewka systematisch. Sie beschossen mit Uragans, mit Grads, mit schwerer Artillerie. Niemand hatte so einen massiven Beschuss erwartet. Einige Wohnblöcke in der Stadt fielen einfach in sich zusammen. Die wirklichen Verluste unter der Zivilbevölkerung kennen wir nicht einmal – sie sind gewaltig.

Danach umging der Gegner Nikolajewka einfach, und ich musste die Reste der Garnison abziehen. Es war klar, dass dasselbe in Slawjansk wiederholt werden würde – es wurde schon ohne jedes Mitleid beschossen. Und ich konnte ihnen nicht antworten, weil ich keine Munition hatte. Sie hätten uns mit Stacheldraht eingeschlossen, mit Bomben zugedeckt, wie sie es mit anderen gemacht haben, die sie eingekreist haben. Und würden warten, bis wir entweder verrecken oder auszubrechen versuchen. Und ein Ausbruch unter solchen Bedingungen ist mit riesigen Verlusten verbunden, und es ist unklar, ob er gelungen wäre oder nicht. Aber in Slawjansk war der Kern unserer Brigade – eineinhalb tausend Leute, von ihnen tausend Kämpfer. In Kramatorsk waren 400 Kämpfer, in Konstantinowka etwas mehr als hundert, in Drushkowka 50, woanders gab es kleine Garnisonen von 20-30-50 Leuten. Und ich wusste, dass sich von außen keiner zu mir durchschlägt. Weder Oplot noch Wostok unterstanden mir. Besler, der in Gorlowka basierte, hatte damals etwa 350-400 Leute. Wenn ich den Kessel mit meinen eineinhalb tausend nicht durchbrechen kann, konnte er es noch weniger. Es ergab sich daraus folgendes: Wenn ich unter der Belagerung bleibe, machen mich die Ukies nach einiger Zeit fertig, und dann nehmen sie einen Ort nach dem anderen ein. Was ja faktisch schon begonnen hatte: Ich war noch nicht draußen, als sie schon Artjomowsk eingenommen hatten, wo sie ihren Mann hatten. Und Artjomowsk haben sie an einem Tag völlig gesäubert.

Zum Zeitpunkt als wir aus Slawjansk rausgingen, deutete sich schon eine zweite Umzingelung mit dem völligen Abschneiden von Kramatorsk, Drushkowka und Konstatinowka an. Das dazu, warum ich, nachdem ich aus Slawjansk raus bin, nicht Kramatorsk verteidigt habe: Da gab es auch keine Munition. Mit Berücksichtigung des tiefen Durchbruchs des Gegners nach Artjomowsk (er kam praktisch schon an Gorlowka heran, in unserem tiefen Hinterland) hatte es keinen Sinn, sich an Kramatorsk zu klammern. Wir hätten noch drei bis vier Tage gewonnen, aber im Endergebnis trotzdem abziehen müssen. Jeder Ausbruch, umso mehr ein unorganisierter, ist mit Verlusten verbunden.

Obwohl wir aus Slawjansk sehr organisiert abzogen, ist unsere Panzergruppe gefallen. Ein tragischer Zufall. Sie sollten zusammen mit der Artillerie die Aufmerksamkeit auf sich lenken, vom Rand von Slawjansk. Und dann, nachdem alle Autokolonnen durch sind, als letzte abziehen, als Abschlusskolonne. Aber hier hat der menschliche Faktor versagt, und die Panzergruppe unternahm einen direkten Durchbruch.

Um keinen Stau zu verursachen, wurde alles auf sechs Kolonnen verteilt. Jede Kolonne sollte nach einer halben Stunde losziehen. Ich machte den schweren Fehler, dass ich mich der zweiten Kolonne mitfuhr, und nicht bis zum Ende blieb. Ich hatte meine Gründe: In Kramatorsk habe ich gleich den Stab organisiert. Aber ich hätte, natürlich, als Letzter gehen müssen.

Das wäre nicht passiert, wenn ich selbst vor Ort gewesen wäre. So kann man jetzt gegen mich sagen, er ist ausgebüchst, hat sich beeilt, rauszukommen.

Allerdings hätten unsere Verluste sehr viel größer sein können. Aber die ukrainische Seite hat es nie gemocht, nachts zu kämpfen, weswegen wir die Artillerie vollständig abziehen konnten, und auch 90% der Infanterie und sonstigen.

Wir hatten als Waffen 11 Granatwerfer und zwei Nonas. Die berühmte Nona mussten wir dalassen, weil sie, obwohl die Ukies sie nie getroffen haben, völlig von Splittern übersäht war. Durch die Dauerbelastung war ihr Fahrwerk kaputtgegangen. Sie wurde andauernd hin- und hergeschafft, und am Ende hat auch die Kanone versagt. Wie die ukrainischen Kämpfer, die zu uns übergelaufen waren, gescherzt haben, hat sie in ihrem ganzen Leben nicht so viel geschossen wie in Slawjansk.

Also, die Panzergruppe ging direkt los, und wurde völlig vernichtet. Der Weg war versperrt. Der erste Panzer fuhr auf eine Mine, der zweite versuchte ihn zu umfahren und stürzte in einen Graben. Der Rest wurde mit Granatwerfern abgeschossen. Ein paar Leute überlebten – sprangen raus und brachen durch. Wenn wenigstens die Technik durchgekommen wäre, hätte man noch irgendwas tun können, aber die gesamte Panzerkraft war verbrannt. In Kramatorsk hatte ich drei BMP und zwei BTR. Das ist zu wenig – gegen uns standen zwei mechanisierte taktische Bataillonsgruppen und ein Panzerbataillon. Und auch wenn wir im bebauten Gebiet hätten agieren können, konnten wir dem Gegner nicht auf offenem Feld gegenüberstehen.

In Jampol wurde unsere Befestigung an einem Tag durchbrochen, obwohl wir uns dort eingegraben hatten, Feuerpunkte hatten Unterstände. Wir hatten Mangel an Panzerabwehrwaffen – wir hatten keine einzige Panzerabwehrkanone. Hätten wir damals eine einzige Panzerabwehrkanone gehabt, wenigstens eine Rapira, hätten sie unsere Verteidigung nicht durchbrochen, trotz aller Artillerievorbereitung. Aber nur mit ein paar Panzerfäusten konnten wir nicht richtig kämpfen. Ich hab damals verstanden, dass den Kampf auf offenem Gelände aufzunehmen nur zum Verlust von Leuten führt.

Alexander Prochanow: Sie sagten, dass für den Gegner ihr Ausbruch aus Slawjansk völlig unerwartet war.

Igor Strelkow: Ja, das hat sie verwirrt. Schließlich hatte ich einen kategorischen Befehl – Slawjansk nicht aufzugeben. Und als ich mitteilte, dass ich plane, auszubrechen, hat man mir mehrfach den Befehl, nicht abzuziehen, und Slawjansk bis zum letzten Mann zu verteidigen, wiederholt. “Sie werden auf jeden Fall rausgehauen, verteidigen Sie Slawjansk”. Ich frage “Womit?” Schweigen. Und ich habe tausend Leute und tausend ihrer Familienangehörigen. Sie zu opfern hatte ich kein Recht. Darum hab ich mich für den Ausbruch entschieden.

Noch so ein Moment. Als ich auf der Krim war, während der Krimereignisse, besuchte ich die 35. Batterie. Hat einen gewaltigen Eindruck auf mich gemacht. Tschaly ist ein Klassemann, er hat faktisch alles mit seinen eigenen Kräften geschafft. Einen genauso starken Eindruck hat auf mich gemacht, dass alle Kommandeure der ukrainischen Verteidigung von Sewastopol abgehauen sind: Alle Admirale, Generale, Piloten sind abgehauen. Sie haben an ihrer Stelle die Kommandeure von Bataillonen dort gelassen, zum Sterben zusammen mit den Soldaten. Und als ich in Slawjansk war, hab ich mich entschieden: Entweder ich gehe gar nicht raus, oder zusammen mit der ganzen Garnison. Ich hab die Entscheidung getroffen, rauszugehen, und halte sie für richtig.

Ich bin fest überzeugt, wenn wir nicht aus Slawjansk rausgegangen wären, hätten wir Donezk nicht halten können. Als wir in Donezk eintrafen, war dort alles fantastisch. Dort saß ein Kiewer Bürgermeister, die Polizei gehorchte nach wie vor Kiew, eine klassische Doppelherrschaft. Die Stadt war völlig unvorbereitet auf eine Verteidigung. Die Kontrollposten schlecht ausgestattet, die Straßen nicht blockiert, man konnte reinkommen wo man wollte. Und Kräfte gab es dort wenig, sie waren zersplittert, verstreut, niemand hatte das Kommando: Es gab eine separate orthodoxe Armee, extra das Bataillon “Wostok”, extra “Oplot”. Jede Abteilung verteidigte ihr Gebiet, ein einheitliches Kommando gab es nicht.

Das Problem war nicht einmal, dass Donezk vom Süden her fast umzingelt war, und der Gegner Amwrosijewka eingenommen hatte. Er hatte uns im Prinzip schon von der Grenze abgeschnitten. Die DVR war völlig unter der Kontrolle des Gegners. Es gab nur einen Punkt, Iswarino, wo eine meiner Kompanien aus Kramatorsk hinging, und sie verstärkten die Verteidigung dort erheblich.

Und man hätte Donezk im Ergebnis einfach von Schachtjorsk abschneiden können, vom Gebiet Tarajewski-Schachtjorsk-Antrazit. Auf diesem Abschnitt gab es nur wenige nicht besonders starke Kontrollposten auf dem Weg nach Saur-Mogila. Und zwischen ihnen gab es riesige Lücken, wo man angreifen konnte. Ilowaisk war leer – es gab keine Garnison. In Ospino gab es weder eine Garnison noch Kontrollposten.

Als ich in Donezk ankam, ließ ich in der Stadt nur den Stab, die Kompanie des Kommandanten. Ein Bataillon verlegte ich in den Petrowski-Bezirk – das ist das südwestliche Ende, was leer war. Die restlichen Kräfte, aus Kramatorsk und Slawjansk, kamen in eine Brigade, unterteilt in drei Bataillone und eine Aufklärungsabteilung. Sie wurden sofort nach Ilowaisk und Ospino geschickt. Und ich schaffte eine Frontlinie.

Alexander Prochanow: Aus den eigenen Kräften?

Igor Strelkow: Ja, wirklich aus den eigenen Kräften. Weil sich “Wostok” mir nicht unterstellte. Auf persönlicher Ebene konnten wir mit ihnen eine Zusammenarbeit herstellen. Sie verteidigten das Gebiet Awdejewka, Peski, Karlowka. In Karlowka war ein buntes Gemisch: Zuerst waren da Beslers Leute, dann gingen sie weg und ich musste dort eigene Leute hinschicken. Dann befahl ich, von dort abzuziehen, von dort durchzubrechen, weil man sie von uns abgeschnitten hatte, es wäre sinnlos gewesen in der Umzingelung zwei Kompanien zu verlieren.

Wenn wir die Südflanke nicht formiert hätten, denke ich, dass alles sehr schnell zu Ende gegangen wäre. Wären wir in Slawjansk geblieben, wäre Donezk nach einer, maximal zwei Wochen gefallen. Dadurch, dass wir rausgingen, haben wir Donezk bis zum Eintreffen der “Urlauber” halten können. Obwohl die letzten Tage einfach nur verzweifelt waren. Als wir aus Donezk rausgingen, schufen wir uns Korridore nach Russland im Gebiet Marinka, Koshewino, Browki. Gleichzeitig schlugen wir Korridore für unsere Versorgung und schnitten in Jakowo die gesamte Gruppierung des Gegners ab.

Wir haben den Korridor unter großen Verlusten gehalten, die Elite des dritten Sturmbataillons fiel in diesen Kämpfen. Als wie den Korridor schufen, verloren wir in den Kämpfen vor Marinka 120 Leute an Toten und Verwundeten in zwei Tagen – im wesentlichen durch Artilleriebeschuss und Luftangriffe. Es gab mehr als 30 Tote. Für mich sind das gigantische Verluste.

Im Augenblick des Durchbruchs der “Urlauber” war mein Bataillon KEP in zwei Teile geteilt: Ein Teil verteidigte sich in Sneshny, und ein Teil war, zusammen mit der Aufklärungsabteilung, an der Grenze abgeschnitten.

Außerdem musste ich dauern Kompanien aus Donezk abziehen, sie an andere Abschnitte werfen. Beispielsweise musste ich zuerst eine Kompanie von Bergleuten und eine Panzerabwehrabteilung nach Debalzewo verlegen. Dann musste ich dasselbe mit Krasny Lutsch machen. Dann begannen die Kämpfe vor Ilowaisk. Zum Zeitpunkt des Durchbruchs waren wir so verbraucht, dass schon die Militärpolizei mitkämpfte – sie kämpfte in Schachtrjorsk. In Donezk war von unserer Slawjansker Brigade nur noch ein Bataillon aus zwei Kompanien, welches den Bezirk Petrowski abdeckte. Das Bataillon von Kamensk war schon fast völlig aus Donezk verschwunden. Und die Etappe – Versorgung, Kommandantenkompanie, die aus Alten und Unausgebildeten bestand, die nur in der Stadt in Straßenkämpfen eine Kampfkraft hätten, aber nicht bei aktiven Kampfhandlungen.

Ein paar Reserven hatte auch Oplot und Wostok, aber Oplot akzeptierte nur teilweise mein Kommando, Wostok überhaupt nicht. Man beschuldigt mich, dass ich dort keine Ordnung geschaffen hätte. Aber als ich aus Slawjansk kam, stand ich vor einer einfachen Alternative: Entweder eine Front gegen den Feind schaffen, oder einen Umsturz organisieren. Donezk war zu diesem Zeitpunkt eine völlig friedliche Stadt. Das Volk sonnte sich, badete, die Sportler trainierten, die Leute gingen ins Cafe zum Kaffeetrinken. Wie in Moskau im Sommer, so war es in Donezk. Und niemand hätte mich verstanden. Obwohl meine Soldaten darauf brannten, all diese Etappenhengste zu verhaften und zu verjagen. Aber mir war klar: Wenn man einen Bürgerkrieg beginnt, dann wird man uns sofort fertigmachen! Ich entschied mich, dass ein schlechter Frieden besser ist als ein guter Krieg, und nahm bewusst davon Abstand.

Alexander Prochanow: Gab es in dieser kritischen Situation die Absicht, aus Donezk abzuziehen – die Kräfte waren schließlich wieder ungleich?

Igor Strelkow: Man beschuldigt mich ja, dass ich Donezk aufgeben wollte. Ich werde ehrlich berichten: Es gab einen Moment, wo ich aufhörte zu glauben, dass Hilfe aus Moskau überhaupt kommt. Ich hörte einfach auf zu glauben! Und niemand konnte mir das garantieren.

Der kritische Moment für mich, als Kommandeur, passierte zur Zeit des Durchbruchs in Schachtjorsk. Als sie uns aus Debalzewo geworfen haben, und einfach die verstärkte Kolonne der 25. ukrainischen Brigade nach Schachtjorsk zog, in die Stadt eindrang. Als sie Debalzewo besetzten, war mir schon klar, dass der nächste Angriff auf Schachtjorsk geführt wird. Ich nahm von der Front, also trennte von anderern Bataillonen, zwei Kompanien ab. Sie standen schon zum Transport bereit. In dem Augenblick, wo der Gegner in Schachtjorsk eindrang, war eine Kompanie schon auf dem Weg dorthin, und die andere machte sich zum Transport fertig. Ich verlegte gleich darauf noch zwei Kompanien, dann noch eine, schickte die Panzergruppe von Oplot dorthin, schaffte also eine Gruppierung. Damit entblößte ich Donezk. Weil ich überzeugt war: Sollte der Gegner in Donezk eindringen, werden wir ihn auf den Straßen schon irgendwie aufhalten, aber wenn wir Schachtjorsk aufgeben, hieße das alles verlieren.

Weil wir eine mehr oder weniger eine Partisanenarmee waren, brauchten wir lange zur Verlegung. Und bewegten uns auch nur langsam. Alle Milizionäre hatten Familie, sie waren aus Slawjansk herausgebracht worden. Und wir schafften es nur teilweise, sie zu benachrichtigen. Eine Kompanie kam immerhin nach Schachtjorsk und verhinderte seine Einnahme. Aber die Ukies schnitten die Straße zwischen Schachtjorsk und Tores ab. Danach war es schwer, sie von dort wieder zu vertreiben.

Die Kämpfe dauerten eine ganze Woche, der Zar – Kononow – befehligte sie. Daher unterstützte ich seine Kandidatur für den Posten des Verteidigungsministers – als Bataillonskommandeur hat er sich gut bewährt. Er hatte ein verstärktes Bataillon. Vier Kompanien aus Slawjansk, meine Kompanie der Militärpolizei, die Panzergruppe von Oplot, die Batterien …. Mit all dem manovrierte er gut. Vertrieb die 25. Brigade, zerschlug sie mit einigermaßen geringen eigenen Verlusten. In dem Moment, als der Gegner die Straße zwischen Schachtjorsk und Tores abschnitt, hatte ich eine psychologische Krise, und ich begann nachzudenken, was zu tun sei, dachte darüber nach, den Stab nach Schachtjorsk oder Sneshnoje zu verlegen und die Evakuierung von Donezk vorzubereiten. Weil mir klar war: Wenn keine Hilfe kommt, muss man wenigstens die Leute retten.

Alexander Prochanow: Sie müssen diesen Moment nicht als psychologischen Bruch charakterisieren. Ich habe die Prozesse aufmerksam verfolgt, die Dynamik Ihrer Auftritte, und, vielleicht, auch die Dynamik ihres Schicksals. Und ich denke, Sie haben alles richtig gemacht. Sie haben alles richtig gemacht! Von den realen Kräfteverhältnissen ausgehend konnten Sie nicht anders handeln. Andererseits, alles was Sie getan haben, war eine messianische Heldentat.

Igor Strelkow: Warum ich sage, dass es ein Bruch war? Weil ich in diesem Moment den Befehl gab, den Stab zum Abrücken vorzubereiten, allen Stabsleuten die Sachen zu packen. Die Leute diskutierten meine Befehle nicht, weil sie mir vertrauten. Und ich fuhr selbst nach Schachtjorsk voraus. Aber in diesem Moment war die Straße abgeschnitten. Ich war den ganzen Tag da, sprach mit den Kämpfern, sah mir die Lage an. Im Verlaufe eines Tages habe ich faktisch nicht die Schachtrjorsker Brigade befehligt, ich sah, dass Zar gut zurechtkommt und wollte mich nicht in die Handlungen des Kommandeurs einmischen. Zum Abend, nach Gesprächen mit den Leuten, traf ich die Entscheidung, Donezk nicht aufzugeben, obwohl ich vorher plante, zwar nicht gleich Donezk aufzugeben, aber Gorlowka. Und mit der Garnison von Gorlowka die nördliche Flanke und die Linie nach Schachtjorsk zu sichern. Weil sich da eine riesige, durch nichts geschützte Lücke gebildet hatte. Aber hier spielte eine Rolle, dass in Gorlowka Botsmann stand, und Gorlowka hielt. Botsmann handelte absolut richtig: Er führte meinen Befehl, die Evakuierung vorzubereiten, nicht aus. Und am nächsten Tag hatte sich der Befehl von selbst erledigt. Mir war klargeworden, dass wir in dieser Situation die Truppen weder aus Donezk noch aus Gorlowka organisiert abziehen können. Die letzte Straße war abgeschnitten, und Feldwege sind sehr unbequem. Ich stellte mir im Geiste die Evakuierung von Donezk und Gorlowka vor – Kolonnen von Flüchtlingen, erschossen auf den Wegen von allen Seiten. Mir wurde klar, dass es besser ist, den Kampf in Donezk aufzunehmen, als all diese Durchbrüche. Abends kehrte ich nach Donezk zurück und plante, ungeachtet der Schwere der Situation, schon keinerlei Verlegung des Stabes mehr, nichts mehr.

Das ist meine Antwort auf die Frage, ob es einen Plan der Übergabe von Donezk gab. Es gab keinen Plan einer Übergabe von Donezk, aber als Variante die Aufgabe von Donezk mit dem Ziel der Rettung der Menschen, Kräfte und Mittel.

Alexander Prochanow: Die Frontbegradigung und der Durchbruch nach Mariupol – machten das nur die “Urlauber” oder machten die Milizen auch mit?

Igor Strelkow: Einige Abteilungen der Milizen waren ihnen unterstellt. Aber zumeist waren es die “Urlauber”, die in Richtung Mariupol angriffen. Als sie abzogen, blieb die Frontlinie unklar, und die Möglichkeiten.

Einmal, Mariupol war frei, zwei Tage gab es dort keine ukrainischen Truppen, man hätte es ohne Kampf einnehmen können. Aber es gab einen Befehl es nicht einzunehmen. Nicht einfach ein Befehl anzuhalten, sondern einer es auf keinen Fall einzunehmen. Wolnowacha hätte man auch einnehmen können.

Weswegen ich ja sage, dass die Ereignisse ähnlich wie in der Krajna verlaufen: Dort hat die jugoslawische Volksarmee buchstäblich vor dem entscheidenden Sieg angehalten.

Alexander Prochanow: Igor Iwanowitsch, wie hat es Sie überhaupt in diesen Krieg verschlagen?

Igor Strelkow: Ich war Berater von Axjonow auf der Krim. Er ist ein Mensch mit großem Charisma, klug, gebildet, talentiert und mit gesundem Verstand. Ich war Kommandeur der einzigen Abteilung der Milizen der Krim, die Kompanie des Speznas, die Kampfaufgaben erfüllte. Aber nach dem Kampf um die kartographische Abteilung, in der zwei Leute fielen (ich kommandierte diesen Kampf) wurde die Einheit aufgelöst, und die Leute kamen auseinander.

Als die Ereignisse auf der Krim stattfanden, war klar, dass es mit der Krim alleine nicht zu Ende geht. Die Krim als Teil von Neurussland – das ist eine kolossale Errungenschaft, ein Brilliant in der Krone des russischen Imperiums. Aber nur die Krim, abgeschnitten von einem feindlichen Staat – das ist nicht das Wahre.

Als die ukrainische Macht vor den Augen zerfiel, kamen ständig Delegierte aus den Gebieten Neurusslands zu uns, die bei sich wiederholen wollten, was auf der Krim stattgefunden hatte. Es gab den eindeutigen Wunsch bei allen, den Prozess fortzusetzen. Die Delegierten planten Aufstände bei sich und baten um Hilfe. Axjonow, der schon überlastet war, und 20 Stunden am Tag arbeitete, bat mich, mich mit den nördlichen Territorien zu beschäftigen. Und er machte mich zum Berater in diesen Fragen. Ich begann, mit allen Delegierten zu arbeiten: aus Odessa, aus Nikolajew, aus Charkow, Lugansk, Donezk. Alle waren völlig davon überzeugt, dass, wenn sich ein Aufstand entwickelt, Russland zu Hilfe kommt. Daher versammelte ich die nicht abgereisten Kämpfer der Kompanie und sammelte Freiwillige. Wir waren 52 Leute.

Dass wir nach Slawjansk gingen war reiner Zufall. Wir benötigten eine mittlere Stadt. 52 Leute – das ist ein einem kleineren Ort eine Macht. Und man sagte mir, dass das lokale Aktiv in Slawjansk das stärkste wäre. Diese Variante schätzten wir als optimal ein.

Alexander Prochanow: Wie wuchs Ihre Bewegung mit Leuten und Abteilungen?

Igor Strelkow: Als wir nach Slawjansk fuhren, trafen wir in der Basis 150-200 Leute. Und sie beteiligten sich bei uns beim Sturm des UWD. Im UWD gab es ziemlich viele Waffen – etwa hundert Maschinenpistolen und 100-150 Pistolen. Die Leute bewaffneten sich sofort. Ein Teil wurde allerdings geklaut. Am nächsten Tag nahmen wir Kramatorsk ein: Ich schickte die Kosakenabteilung dorthin. Und los ging es. Alles weitere hing nur vom Vorhandensein von Waffen ab. In den ersten Monaten gab es viele Freiwillige, aber wir hatten nichts, um sie zu bewaffnen. Als die Kampfhandlungen begannen, als reales Blut floss, nahm die Zahl der Freiwilligen ab.

Aber es waren trotzdem noch viele. Man hat mir die Zahlen vorgelegt: Ende Mai hatten sich in der Donezker Republik 28 000 Freiwillige eingeschrieben. 28 tausend warteten auf reale Waffen. Selbst wenn man die Hälfte abzieht: Kriminelle, Zufällige, sogar die Hälfte – das sind vierzehntausend Leute. Wenn wir Waffen gehabt hätten, hätte sich die Situation ganz anders entwickelt, als sie sich entwickelt hat. Als ich Donezk verließ hatten wir weniger als zehntausend unter Waffen. In der Slawjansker Brigade waren nach den Listen um die neuntausend, aber von ihnen Kombattanten, also direkte Kämpfer, um die fünftausend. Der Rest – Etappe, Köche, Versorgung, Volontäre.

Alexander Prochanow: Als Sie in Slawjansk kämpften, waren Sie nur Kämpfer oder fühlten Sie sich auch als Politiker? Wenn Leute sich an Sie wenden, fragen sie “Wer bist du, Schütze”?

Igor Strelkow: Ehrlich gesagt, ich hatte nicht nur überhaupt nicht vor, mich mit Politik zu befassen, ich wollte nicht mal enttarnt werden. Auf der Krim habe ich auch viel gemacht. Verhandlungen über die Übergabe des Stabs der Flotte habe ich begonnen, ich ging allein dort hin, hab mit dem gesamten Stab gesprochen. Aber ich wurde nicht enttarnt. Ja, irgendwo auf irgendwelchen Fotos irgendein Oberst. Ich sagte ja nicht, der Reserve oder im Ruhestand. Für die Lösung meiner taktischen Aufgaben war es nützlich, wenn man mich für im Dienst stehend hielt. Dafür habe ich aber nirgends rumgeschrien, ich sei im Dienst. Ich sagte einfach nur Oberst. Den Rest denken Sie sich. Und so haben sie halt gedacht: Irgendein Oberst. Dass ich im Ruhestand bin, wussten nur wenige Leute. Der Rest hat gedacht, was er wollte. Weder Vor- noch Nachnamen von mir kannten sie.

Genauso wollte ich es in Slawjansk auch halten. Ich wollte einen charismatischen Führer finden und ihm als Ratgeber helfen. In der ersten Zeit handelte ich auch so. Deswegen tauchte Ponomarjow dauernd auf. Er war der Bürgermeister des Volkes. War sehr aktiv. War einige Zeit nützlich. Dann kam alles anders. Und ich fand niemanden, den man als politischen Führer vorschicken konnte.

Und dann kam einfach das Kommando zur Enttarnung. Denis Puschilin kommt, er muss voll unterstützt werden. Obwohl ich auch so schon alle Brücken abgebrannt hatte, und ohne Papiere dort war, alle Kämpfer hatten ihre Papiere beim Übergang über die Grenze zurückgelassen, aber das schnitt die Möglichkeit des Rückzugs dann als solche völlig aus.

Gleich nachdem ich ohne Maske, ohne “Balaklawa” mit Puschilin im Fernsehen auftauchte, hatten erstens alle mitgekriegt wer Strelkow ist. Obwohl man schon wusste, dass ich das reale Kommando habe, das abgefangene Gespräch war schon veröffentlicht, es gab meinen Fotoroboter, aber nun sah man mich live. Und hatte sofort rausgekriegt wer ich war, samt Wohnung in Moskau. Dies hatte ich nicht beachtet: Ich hatte nicht mal die Verwandten vorgewarnt. Die Verwandtschaft habe ich sowieso nie informiert: was ich bin, wo und wie. Deswegen hatte ich ein paar persönliche Verluste durch die Enttarnung, weil ich nicht mehr bei mir wohnen kann, meine Bibliothek nicht benutzen kann. Ganz zu schweigen davon, was meine Verwandten durchmachen mussten, die von allem über den Fernseher erfuhren. Den ganzen Krieg in Slawjansk war bei mir Kriegsdiktatur. Und weiter bin ich nicht vorgedrungen.

Alexander Prochanow: Sie denken, dass Ihre Erfahrung – rein militärisch, nicht politisch ist. Sie waren Verteidigungsminister, Kommandeur einer Brigade?

Igor Strelkow: In Slawjansk war ein Bataillon, eine Brigade gab es nicht. Das erste Slawjansker Freiwilligenbataillon. Wir hatten eine Fahne, eine Standarte. Bis zum Verlassen von Slawjansk hatte ich faktisch keinen Einfluss auf Donezk als Verteidigungsminister. Ich baute allmählich eine Front auf. Real hat sich Mosgowoi mir unterstellt, ich habe ihm manchmal Aufträge gegeben. Im Unterstellungsverhältnis war er mir nicht unterstellt, aber im taktischen, operativen – hat er sich unterstellt. Ich betrachtete meine Frontlinie entlang der Linie Lisitschansk – Krasny Liman. Die Garnison von Slawjansk war mir unterstellt, Kramatorsk, Drushkowka-Konstantinowka. Eine gewisse Zeit war mir auch Gorlowka unterstellt, Besler, weil ich ihm geholfen habe – ich habe eine Abteilung geschickt zur Säuberung der Stadt, ohne meine Abteilung hätte er sie nicht unter Kontrolle bekommen.

Alexander Prochanow: Mir scheint, alles was damals in Slawjansk und Donezk mit Ihnen passierte, ist so oder so mit der Wiederherstellung des Staates verbunden. Und Sie nahmen nicht nur an der Wiederherstellung der Militärorganisation teil, sondern auch des Staates insgesamt. Also Sie spielten bewusst oder unbewusst eine politische Rolle, Sie stehen am Ursprung der Schaffung des Staates.

Igor Strelkow: In diesem Moment hatte ich gut verstanden, dass Donezk und Lugansk sich alleine nicht gegen die Ukies durchsetzen können. Insbesondere beim Fehlen einer eigenen Kriegsindustrie und einer handlungsfähigen Regierung vor Ort. Anfangs ging ich davon aus, dass sich die Variante Krim wiederholt und Russland einmarschiert. Das war die beste Variante. Und die Bevölkerung strebte danach. Niemand wollte irgendwelche Lugansker oder Donezker Republiken. Alle waren anfangs für Russland. Und das Referendum war für Russland, und man kämpfte für Russland. Die Leute wollten Russland beitreten. Russische Flaggen waren überall. Bei mir im Stab war eine russische Flagge und bei allen. Und die Bevölkerung hat uns mit russischen Flaggen empfangen. Wir dachten: die russische Administration kommt, das Hinterland wird von Russland organisiert, und es gibt eine weitere Republik im Bestand von Russland. Und über irgendeinen Staatsaufbau dachte ich überhaupt nicht nach. Und dann, als mir klar wurde, dass Russland uns nicht zu sich aufnimmt (ich assoziierte mich mit der Miliz) war es für uns ein Schock.

Alexander Prochanow: Das ist nicht endgültig.

Igor Strelkow: Wir haben nichts endgültiges, das ist ja das Problem. Der Krieg geht ein halbes Jahr, und wir wissen immer noch nicht, gibt es eine “oinige Ukroine” oder gibt es keine. Was ist für uns wichtiger: Gaslieferungen oder die russische Bevölkerung des Südostens?

Alexander Prochanow: Wäre ja schön wenn beides ginge. Nur klappt das nicht.

Igor Strelkow: Aber wenn es nicht klappt, was ist dann wichtiger? Man sagt mir, dass Donezk täglich bombardiert wird. Jeden Tag kriege ich die volle Liste der Treffer: Was wo einschlug, wo welches Geschoss. Und, gerade erst, von zwei Uhr nachts bis 5 Uhr früh wurde die Stadt plattgemacht. Plattgemacht! An einem Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend – plattgemacht. Noch ein bisschen und sie wird zu einem Stalingrad. Und wir verhandeln über Hunderter für Öl. Und es kommt heraus, dass wir ökonomisch mit der Ukraine zusammenarbeiten, ihr beim Überleben helfen, und an der Front kämpfen.

Überhaupt, wenn ich das Ziel gehabt hätte, die Macht in der DVR zu erobern, hätte ich das machen können, ohne Probleme. Als ich aus Slawjansk nach Donezk kam, haben alle darauf gewartet, dass ich die Macht übernehme. Aber ich hatte die Aufgabe, die Republiken zu verteidigen, nicht die Macht zu übernehmen. Ich würde mit Vergnügen dorthin zurückkehren. Und ich denke, ich habe alles richtig gemacht…

Alexander Prochanow: Das denke ich auch.

Igor Stelkow: Aber den Auslöser habe trotzdem ich gedrückt. Wenn unsere Truppe nicht die Grenze überschritten hätte, hätte alles geendet wie in Charkow, wie in Odessa. Man hätte ein paar Dutzend Leute an Ermordeten, Verbrannten, Eingesperrten. Und damit wäre alles zu Ende gewesen. Aber das Pendel des Krieges, das immer noch schwingt, hat unsere Abteilung angestoßen. Wir haben alle Karten auf dem Tisch neu gemischt. Punkt! Und wir haben von Anfang an begonnen, ernsthaft zu kämpfen: Diversantengruppen des Rechten Sektors vernichtet. Und ich trage persönlich Verantwortung dafür, was dort passiert. Dafür, dass Donezk immer noch beschossen wird, trage ich Verantwortung. Dafür, dass Slawjansk aufgegeben wurde, trage natürlich ich die Verantwortung. Und auch dafür, dass es nicht befreit wurde, trage ich Verantwortung.

Aber, “wegen des Fehlens von Stempeln schreiben wir mit Hand”, wir schaffen eine Bewegung, damit wengistens so, humanitär, Hilfe für die Miliz geleistet wird.

Zu sagen, dass wir sie versorgen, kann man nicht. Aber wir helfen real. Die Hälfte der Armee hat jetzt Winterkleidung, die wir geschickt haben. Unsere Hilfe geht an die Kämpfer. Aber die humanitäre Hilfe für die Bevölkerung kann nur der russische Staat liefern. Nur der Staat! Aus den Staatsreserven muss man was nehmen. Für das Geld, was wir sammeln, können wir der Miliz helfen, Familien, Verwundeten, aber nicht mal denen allen.

Alexander Prochanow: Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, scheint Ihnen dann, dass alle Brüche in Ihrem Leben, Sprünge, Kriege – das Resultate irgendeiner geheimnisvollen Logik sind, die nicht mal in Ihrer Natur liegt, sondern in Ihrem Schicksal?

Igor Strelkow: Ich bin gegen jede Mystik in dieser Hinsicht. Ich denke einfach, dass man in jeder Situation – was man leider nicht immer hinkriegt – einfach nur richtig handeln muss: “Tu, was du musst, und was passiert, passiert halt”.

Alexander Prochanow: Aber die Situationen selbst entstehen zufällig oder logisch?

Igor Strelkow: In dem Trümmerhaufen, der sich nach dem Zerfall der Sowjetunion bildete, kann alles mögliche vorkommen. Im Krieg trifft man Leute, die noch viel mehr durchlebt haben und aushielten. Ich bin Ziel von Kameras geworden. Aber ich habe sehr viele Leute getroffen, die das sehr viel mehr verdient hätten. Die mehr durchgemacht haben, mehr Talent in vieler Hinsicht haben. Bei mir kämpfte ein Offizier, der drei Sprachen kennt und schon vor Donezk fünf Kriege mitgemacht hat. Ein einzigartiges Schicksal. Aber aus irgendwelchen nicht zusammenpassenden Kleinigkeiten fallen sie aus dem Blickfeld. Vielleicht kommt ihre Stunde noch. Diese Mystik ist realer Zufall.

Alexander Prochanow: Aber die Mystik hat ihr eigenes Feld. Sie existiert irgendwo, irgendwo wird sie realisiert. Und sie wird nicht unter Sternen realisiert, sondern im menschlichen Zusammenleben. Sie probieren keine politischen Anzüge aus?

Igor Strelkow: Man will einen solchen Anzug auf mich zuschneiden. Aber, ehrlich gesagt, mir hat Routinearbeit noch nie gefallen. Ich bin Aufklärer, Kavallerist, wie Denis Dawidow. Er hatte immer Probleme mit dem regulären Dienst. Obwohl er sich zum General hochgedient hat, war er doch am Besten als Partisan.

Ich bin ein Mensch des Aufbruchs, gehe immer auf des Messers Schneide. Die größten Erfolge, was mir am besten gelang – das war dort, wo man vorangehen musste, etwas durchbrechen, begründen, anfangen aufzubauen. Danach müssen andere kommen – aufbauen. Soviel zum ersten Punkt. Und zum zweiten, ich habe nicht die notwendigen Gewohnheiten. Wenn ich in die Politik ginge, könnte ich speziell in Umbruchszeiten
erfolgreich sein. Routine liegt mir nicht. Mir wird langweilig, ich verliere das Interesse. Jetzt haben wir eine ziemlich stabile Situation. Die Politik funktioniert nach dem Prinzip: Du hast eine Schwachstelle – herzlich willkommen. Es gibt einen Haken für dich – also kann man mit dir arbeiten. Für einen ehrlichen Menschen gibt es in der Politik nichts zu tun. Ich hoffe, irgendwas ändert sich. Es ist immerhin Krieg, und der ändert viel.

Alexander Prochanow: In der russischen Geschichte waren Militärs erfolglose Politiker. Sie konnten sich nicht in die Politik hineinversetzen, selbst wenn sie militärische Aristokraten waren. Das unglückliche Schicksal der Dekabristen. Und wie die Militärs sich in den letzten Tagen des romanowschen Imperiums aufführten …

Igor Strelkow: Das war einfach nur Verrat.

Alexander Prochanow: Genau so haben die Militärs Politik gemacht – die Macht an Gutschkow, Schulgin abgegeben. Und Tuchatschewski? Er konnte nichts erreichen. Shukow war der Herrscher des Landes, seine Macht war absolut. Er hat sie Chruschtschow übergeben.

Igor Strelkow: Militärs haben die Funktion der Unterordnung im Blut.

Alexander Prochanow: Allerdings nicht die lateinamerikanischen ….

Igor Strelkow: Die lateinamerikanischen Militärs beschäftigen sich vor allem damit, sich gegenseitig zu stürzen. Weltkriege haben sie nicht gewonnen.

Alexander Prochanow: Und die türkischen Militärs? Nein, die haben andere militärische Traditionen. Russische Militärs haben die Macht, wenn sie in ihre Hände gelangte, Politikern übergeben, von denen sie danach fertiggemacht wurden.

Igor Strelkow: Ich bin kein Militär im klassischen Sinn. Der Kommandeursposten dieser Art war für mich eher Zufall. Ich bin Geheimdienstler.

Alexander Prochanow: Als Geheimdienstler haben Sie die Chance, eine großer Politiker zu werden.

Igor Strelkow: Politik heute – das ist Manipulation von Wahlen. Lügen vom Bildschirm, Lügen überall. Die wichtigste Eigenschaft des Politikers – sich verrenken wie ein Wendehals. Das kann ich nicht, und das will ich auch nicht können. Ich will als ehrlicher Mensch sterben. Und lügen werde ich nicht vom Bildschirm, auf keinen Fall. Wenn ich etwas nicht ehrlich sagen kann, dann sag ich gar nichts. Ich kann ein paar Themen aussparen, aber nicht mehr. Direkt lügen werde ich nicht. Will ich ganz kategorisch nicht. Im heutigen politischen Betrieb ist für mich kein Platz, das verstehe ich sehr gut.

Alexander Prochanow: Vielleicht jetzt nicht. Aber die Geschichte ist wechselhaft, besonders die russische Geschichte. In ihr ist eine riesige Dynamik verborgen. Ich spüre es unter der Haut, dass das temporär ist, diese Stille und der Waffenstillstand sind völlig illusorisch. Das Wichtigste, was ein Mensch hat, ist die Reputation. Sie haben eine riesige Reputation.

Igor Strelkow: Die man jetzt zu untergraben versucht.

Alexander Prochanow: Vergessen Sie das. Die Schleifchen, die man Ihnen anhängt, sind lächerlich. Vielleicht wird es Verlockungen für Sie geben, Zauberer, die Sie verzaubern wollen. Warten Sie, wenn das Horn wieder bläst.

Igor Strelkow: Ich hoffe ich erlebe es.

Alexander Prochanow: Die Trompeten von Jericho stehen immer bereit, keine Angst.

Igor Strelkow: Hauptsache es sind nicht die kupfernen.

Alexander Prochanow: Die kupfernen haben Sie schon durch, es bleiben die von Jericho. Strelkow hat seinen Platz in der russischen Geschichte schon eingenommen. Er hat getan, was er konnte. Und dies, lieber Igor Iwanowitsch, ist eine wertvolle Ressource in unserer historischen Realität.