„Ein guter Nazi ist ein toter Nazi“

Alexej Albu

20-летняя ополченка: «Хороший нацист – мёртвый нацист»; übersetzt nach 20-year-old militia woman from Lugansk: ‘A good Nazi is a dead Nazi’

Nadjeschda Kenitsch ist zwanzig Jahre alt; sie wurde in Popasnaja im Gebiet Lugansk geboren. Als die ukrainische Armee in ihr Land kam – hier im Donbass werden sie als Besatzer gesehen – griff sie zu den Waffen. Tausende junger Leute, Jungen und Mädchen, griffen zu den Waffen. Für sie ist der Kampf gegen Faschismus keine Phrase aus den Geschichtsbüchern, und ihr tägliches Leben ist voller Gefahr und Heldentum.

Alexej Albu (AA): Nadja, sagst du uns, wie du dich der Miliz angeschlossen hast?

Nadjeschda Kenitsch (NK): Ich habe mich der Miliz im April 2014 angeschlossen, als die Kiewer Machthaber die Alpha-Polizeieinheiten in unsere großen und kleinen Städte schickten. Ich fing an, den Leuten aktiv zu helfen, die sich zur Verteidigung des Donbass erhoben. Am 23. Mai 2014 griff ich zu den Waffen, in Sewerodonezk. Ich war 18 Jahre alt. Ich habe mich dem Regiment von Pawel Leonidowitsch Dremow angeschlossen.

Nadeschda Kenitsch

AA: Was brachte dich dazu, in den Kampf zu ziehen? Viele deiner Altersgenossen haben schließlich das Kriegsgebiet verlassen.

NK: Das ist so passiert, dass Popasnaja unter ukrainischer Besatzung blieb und alle aktiven Teilnehmer der Antimaidan-Bewegung als gesucht erklärt wurden, mich eingeschlossen. Von Anfang an habe ich Drohungen von ukrainischen Nationalisten erhalten, dass meine Familie umgebracht würde, dass man meine Schweester schmoren lassen würde… weisst du, alle haben gesehen, was in Slawjansk, Kramatorsk passiert ist, und wir wollten nicht, dass das Gleiche mit Popasnaja passiert. Ich habe eine kleine Schwester, ich will nicht, dass sie im Gefängnis sitzt. Ich will, dass die Leute ruhig in ihrer Stadt leben können, ruhig im Wald spazieren können, und keine Angst vor Explosionen haben müssen, dem Pfeifen von Kugeln…. dass unsere Kinder nie sehen müssen, was in Slawjansk, Kramatorsk und anderen Brennpunkten damals passierte. Natürlich konnte ich das nicht aushalten und griff zu den Waffen. Ich konnte einfach nicht anders handeln. Alle meine Freunde sagen, dass sie nicht überrascht darüber sind, dass ich hier bin, weil ich immer versuche, für andere Leute aufzustehen, ich habe ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Wahrscheinlich. (lacht)

Ich habe es sehr übelgenommen, dass viele einheimische Männer auf die Krim oder in andere Regionen Russlands geflohen sind. Ich verstehe, wenn Frauen oder Teenager gehen. Obwohl viele Jugendliche hier bei uns sind und helfen, wo sie können, beispielsweise bei der Reparatur von Ausrüstung. Und viele, die zu den Waffen greifen könnten, haben uns unglücklicherweise im Stich gelassen.

AA: Was machst du in der Miliz? Worin bestehen deine Aufgaben?

NK: Ich bin jetzt in einer Haubitzendivision. Nachdem ich zwei Monate vom Richtschützen gelernt habe, kann ich das Ziel erfassen, das Feuer korrigieren. Davor habe ich sechs Monate bei der Aufklärung verbracht.

AA: Was war der schlimmste Moment in deinem Dienst?

NK: In der Stadt Perwomaisk, Anfang August letztes Jahr. Es hatte bereits Kämpfe in der Stadt gegeben, sie kamen in die Stadt, blockierten die Straßen mit ihren Panzerfahrzeugen und brachten Scharfschützen in den Vororten in Stellung. Wir kamen an, unorganisiert, und verstreuten uns in alle Richtungen. Einige in die Wälder, einige in die Vororte, einige auf den Straßen, versuchten, herauszufinden, was los ist… Und ich fing an, als Scharfschützin zu arbeiten. Ich bekam einfach ein Zielfernrohr, vom einen Moment zum anderen, aber ich nahm es, weil die meisten mit anderen Aufgaben beschäftigt waren. Und als die Schießerei anfing, fiel ich unter einen Baum und versuchte, zu entkommen. Ich versteckte meinen Kopf hinter einem Ast. Und in dem Moment pfiff eine Kugel an dem Ast vorbei, hinter dem ich versuchte, mich zu verstecken, und ein Stück vom Ast kratzte an meiner Nase entlang. In dem Augenblick drehte sich mein Inneres von Unten nach Oben. Ich begriff, dass ich unter einem Glücksstern geboren wurde. Weder die „Grad“ noch die „Kornblumen“ – die beide ziemlich in meiner Nähe explodiert sind – nichts davon ist mit diesem Augenblick vergleichbar. Daran werde ich mich den Rest meines Lebens lang erinnern.

AA: Hast du Gefangene genommen?

NK: Ich musste bei ihrer Festnahme dabei sein. Ich habe niemanden unabhängig festgenommen. Wir haben verschieden Sabotagetrupps ergriffen, Leute, die Artillerieziele durchgaben… In der Regel informieren uns die Anwohner darüber. Wir beobachteten sie, und wenn die Information bestätigt wurde – dann nahmen wir sie fest. Wir kamen in ihre sicheren Unterkünfte, die Keller, wo sie sich versteckten. Dann fingen sie jedoch an zu jammern, sie seien nur zufällig hier, das sei alles ein Mißverständnis.

AA: Während der Haft und der Vernehmungen, gab es da Folter? Wie werden die Kriegsgefangenen behandelt?

NK: Bei der Festnahme wird Gewalt nur gebraucht, wenn es Widerstand gibt. Und bei den Vernehmungen reden wir anfangs immer neutral. Durstig – bitte, trink. Toilette – da wird nicht gefragt. Zigaretten – nimm. Das Essen war das gleiche, das wir selbst gegessen haben. Aber während der Vernehmung, wenn wir zweifelsfreie Beweise haben und die Person sich weigert, zu reden, dann ist es nötig, in einem anderen Ton zu sprechen. Aber, natürlich, keine Nadeln unter den Fingernägeln, kein Bohren mit Stöcken, kein Aufhängen an Balken oder abgeschnittene Ohren. (lacht)

AA: Kannst Du mir von irgendeinem Einzelfall erzählen?

NK: Ich erinnere mich an einen Fall, als wir einen Späher für ihre Artillerie festnahmen. Wir haben ihn lange beobachtet. Wir hatten zweifelsfreie Beweise, dass er in den Beschuss friedlicher Wohngebiete verwickelt war. Also, während seiner Befragung fing er an, mir zu erzählen, er sei zufällig hierher gekommen, habe sich in Sewerodonezk verlaufen und sei nicht in den Krieg involviert. Obwohl wir topografische Karten und einen Pass mit einer Wohngenehmigung für Kherson gefunden haben. Es war offensichtlich, dass er versuchte, uns zum Narren zu halten. Im Pass fanden wir ein Bild seiner Familie, wir zeigten es ihm und fragten: „Willst du sie wiedersehen? Wir sperren dich in den Keller, und du wirst nicht wissen, ob du sie wieder sehen kannst. Ist dein Dienst für den Staat das wert? Arbeiten wir doch irgendwie zusammen.“ Offensichtlich arbeitete das schwer in ihm und er gestand alles. Er sagte, seine militärischen Vorgesetzten hätten ihn gewarnt, wenn er nicht gehorche, würden sie seine Familie zerstören. Also stimmte er zu, ihre Befehle auszuführen.

AA: Hast du die ukrainischen Neonazis gesehen?

NK: Ja, mehrere Male durchs Zielfernrohr. (lacht) Ich kann dir vom ersten erzählen. Wir haben ein Gruppe beobachtet, sie wurden fotografiert, mit Waffen und einer Fahne, auf der ein faschistisches Kreuz war. Das hat mich so aufgeregt damals, wegen meines Urgroßvaters, der von den Nazis umgebracht wurde, dass ich ihn schnell nach Walhall geschickt habe. Viele sagen, dass einen die Reue quält, oder dass einen das in den Träumen verfolgt, aber nichts Derartiges ist mir passiert. Ich bereue kein einziges Gramm. Ein guter Nazi ist ein toter Nazi.

AA: Was würdest du den ukrainischen Machthabern gerne sagen?

NK: (zensiert - Steht so schon im russischen Original; vermutlich Platzhalter für ein Schimpfwort A.d.Ü.). Hört auf, an euch selbst zu denken. Die Leben von Menschen stehen auf dem Spiel. Es reicht damit, eure Taschen mit dem Geld aus dem Krieg zu füllen. Ihr wisst, wie man sagt, Glück kann nicht auf dem Unglück eines anderen aufbauen. Wir alle verstehen, dass Krieg großes Geld ist. Sie verdienen Millionen mit unseren Leben.

AA: Was würdest du den ukrainischen Truppen gerne sagen, die auf der anderen Seite der Front stehen?

NK: Wenn sie Eingezogene sind, wir alle verstehen, dass sie nicht freiwillig gekommen sind, sie wurden geschickt. Trotzdem glaube ich, dass jeder von ihnen eine Wahl hat: ein Sklave zu bleiben oder selbst darüber nachzudenken, was passiert. Wenn sie nicht mit dem herrschenden Regime in der Ukraine übereinstimmen, können sie mit uns Schulter an Schulter stehen. Nebenbei, viele von ihnen verstehen die Lage und laufen auf unsere Seite über. Ich kann nicht sagen, in Massen, aber es gibt solche Fälle.

AA:Wofür kämpfst du?

NK: Für meine Familie, für die Menschen der Stadt, für Freiheit, für ein neues Land.

AA: Was würdest du gerne nach dem Sieg sehen?

NK: Alles so, wie es vorher war.

AA: Wie vorher -wie unter Janukowitsch? Oder wie in der Sowjetunion, oder wie im zaristischen Russland?

NK: Ich hätte gerne Frieden, eine Rückkehr dahin, als Ordnung war, jeder eine Arbeit hatte, die Möglichkeit, sich zu verwirklichen. Als alle jungen Leute die Möglichkeit hatten zu studieren und eine Ausbildung zu erhalten, und alle Rentner eine normale Rente erhielten, nicht nur Pfennige.

AA: Wie sollte dieses neue Land aussehen?

NK: Ich möchte ein Land sehen, in dem jeder die gleichen Rechte hat, wo alle Menschen die Möglichkeit haben, eine Familie zu gründen und normal zu leben. Ein Land, in dem die Älteren nicht im Abfall nach Essen wühlen müssen, oder junge Leute zu Alkoholikern werden. Ich möchte ein Land sehen, in dem die Macht dem Volk gehört, ehrlichen und anständigen Leuten, nicht den Oligarchen, Spekulanten und Profitmachern. Und ich bin sicher, dass das passieren wird.