Zum Abschuss der russischen SU 24

Protokoll des Tages /aktualisiert 25.11.

15:00

Bisher wirken die bundesdeutschen Medien etwas verstört; die Linie ist unklar, wenn auch (was nicht überrascht) mit einer leichten Tendenz in Richtung Türkei.

Es werden einzelne Aussagen aus der Stellungnahme Putins dazu übernommen, aber ganz spezifische Punkte nicht.

Wichtig an dieser Aussage waren folgende Punkte:

1. Das russische Flugzeug hat den syrischen Luftraum nicht verlassen und wurde über dem syrischen Luftraum abgeschossen, von zwei F-16 Kampfflugzeugen der Türkei (im Laufe des Vormittags hatte das russische Verteidigungsministerium noch erklärt, es ginge von einem Abschuss durch Boden-Luft-Raketen aus).
2. Es gibt eine Vereinbarung zwischen Russland und der NATO, die solche Zwischenfälle ausschließen soll.
3. Russland betrachtet diesen Abschuss als einen heimtückischen Angriff, der Terroristen decken soll.
4. Die Türkei unterstützt Daesh/ISIS.
5. Die russischen Angriffe zielten spezifisch auf eine Gruppe russischer Dschihadisten, die im turkmenischen Siedlungsgebiet aktiv sind.
6. Die türkische Regierung hat nicht zuerst den Kontakt mit Russland gesucht, wie das bei einem Versehen der Fall sein müsste, sondern sofort eine Sitzung der NATO einberufen.

Dass tschetschenische Terroristen in Syrien aktiv sind, ist bekannt. Es gab immer wieder Anläufe der Türkei, sich Gruppen von Turkvölkern gegen Russland zu Nutze zu machen, beispielsweise bei der Auseinandersetzung um die Krim, als die Nachricht kursierte, islamistische Terroristen sollten von der Türkei aus nach Sewastopol gebracht werden.

Putin hat in diesem Interview das erste Mal öffentlich benannt, wer mit Daesh/ISIS kooperiert. Und damit eigentlich (wenn die Kriegstreiber nicht so stark wären) die NATO unter Druck gesetzt, Erdogan an die Kandare zu nehmen.

Es stellt sich aber die Frage, ob die türkische Regierung eine solche Handlung ohne Rückendeckung der NATO oder insbesondere der USA unternimmt. Angeblich sei das russische Flugzeug fünf Mal gewarnt worden… in diesem Zeitraum könnten einige Telefonate stattgefunden haben. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass diese Telefonate davor lagen und die Geschichte mit den fünf Warnungen erfunden ist.

Bei der Frage, ob es zu einer Verletzung des türkischen Luftraums kam, darf ebenfalls nicht vergessen werden, dass die Türkei seit 2012 einen Streifen von 5 km Breite innerhalb Syriens als “Sicherheitszone” behandelt (mit Billigung der NATO, versteht sich), die dem türkischen Luftraum zugeschlagen wird, obwohl es sich um syrisches Gebiet handelt. Näheres zu der Frage auf globalresearch.

15:30

Die BILD ist, wie immer, für Krieg – nicht einmal die Türkei behauptet, das russische Flugzeug hätte aggressive Absichten gehabt:

bild abschuss russisches flugzeug 24112015

16:00

Der Text auf Tagesschau.de wurde inzwischen durch eine “Analyse” aus dem Hauptstadtstudio ergänzt, die folgenden Satz beinhaltet: “Es gibt zwei, sich widersprechende Versionen, die derzeit nicht verifiziert werden können. Aber auf den ersten Blick scheint die türkische Version plausibler zu sein.”

Lawrow hat seinen für morgen geplanten Besuch in Ankara abgesagt.

16:30

Mit seiner Absage hat Lawrow zugleich russische Bürger vor Reisen in die Türkei gewarnt. Einer der größte Reiseveranstalter Russlands hat nach Angaben der BBC Reisen in die Türkei bereits aus dem Programm gestrichen.

Russische Touristen stellen beim Tourismus in die Türkei die zweitgrößte Gruppe:

Top 10 countries whose residents provided the most visits to Turkey (2012 est.)

16:50

Von US-amerikanischer Rückendeckung geht auch Rainer Rupp in seinem Kommentar bei RT deutsch aus. Und verknüpft den heutigen Vorfall mit der am Freitag übergebenen türkischen Protestnote, die eine Einstellung russischer Luftangriffe im Gebiet der Turkmenen forderte.

17:00

Ramsan Kadyrow hat sich auf Instagramm geäussert und der Türkei versprochen, sie würde “für eine sehr lange Zeit bereuen, was sie getan hat.”

Bisher fehlt jede Nachricht von den beiden russischen Piloten. Es kursieren diverse Videos, die nahelegen, dass sie beim Absprung aus der Maschine von den vermeintlich “moderaten Rebellen” erschossen wurden. Sollte sich das bestätigen, wäre das ein Kriegsverbrechen.

Und die obersten Kriegstreiber selbst haben sich mittlerweile auch zu Wort gemeldet – ein Sprecher der US-geführten “Anti-Terror-Koalition”, der amerikanische Oberst Steve Warren, bestätigt, es habe zehn Warnungen von türkischer Seite gegeben. Praktisch gefragt – so eine SU 24 fliegt ja nicht gerade mit 20 kmh, und das von der Türkei als “Beweis” vorgelegte Radarbild zeigt nicht gerade eine große Flugstrecke in türkischem Luftraum. Also entweder die Türken reden extrem schnell oder die ganze Sache ist (wie zu befürchten) oberfaul. In der Zeit, die es für zehn Warnungen bräuchte, wäre der Flieger ja schon fast
in Ankara…

So sieht das übrigens auch der ehemalige Bundeswehrgeneralinspekteuer Kujat im Interview mit dem Deutschlandradio:
“”Wenn die russischen Piloten die syrisch-türkische Grenze überflogen haben und danach fünf Minuten lang zehnmal gewarnt worden, dann wären sie also mindestens vierzig, fünfzig, wenn nicht mehr Kilometer in den türkischen Luftraum eingedrungen. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Es gibt also hier durchaus Erklärungsbedarf.”

17:15

Da hat jemand die BILD zurückgepfiffen:

BILD 1700h

Hier die komplette Aussage Putins heute nachmittag:

17:45

Die vorläufige NATO-Linie in Europa wird klar – sowohl Steynmeyer als auch Cameron vermeldeten, die “Hauptstädte sollten miteinander reden”.

18:00

Laut Sputnik bestätigt das Pentagon die Verletzung der türkischen Grenze nicht… Sie sollten sich mal mit dem oben erwähnten Oberst Warren unterhalten.

Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die US-Administration gerade tief gespalten ist und eine Seite die türkische Aktion gestützt hat.

Interessante kleine “Abrüstung” beim SPIEGEL – das Thema der abgeschossenen SU 24 wurde dem notorisch russophoben Benjamin Bidder entzogen und dem Türkei-Korrespondenten übertragen… Bidder hatte die ersten Artikel heute nachmittag verfassen dürfen.

19:00

Auf Propagandaschau wird klar und verständlich die rechtliche Lage erläutert: entscheidend sei nicht, ob das russische Flugzeug den Luftraum der Türkei verletzt habe, sondern, in welchem Luftraum es sich befand, als es abgeschossen wurde. Und das sei doch eindeutig der syrische gewesen. Die ARD und andere deutsche Medien gäben sich große Mühe, diese Tatsache zu verschleiern.

Das russische Verteidigungsministerium hat den Abschuss der SU 24 durch die Türkei zum “unfreundlichen Akt” erklärt. Das ist keine höfliche Formulierung; schärfer wäre nur noch “kriegerischer Akt” gewesen, das hieße aber, man wertet es als Kriegserklärung mit allen Konsequenzen. “Unfreundlicher Akt” impliziert jedenfalls, der Abschuss sei in voller Absicht erfolgt.

Zur Ergänzung einige Stimmen aus Russland (wiedergegeben in Wsgljad, vz.ru):

Waleri Burke, Pilot: Wenn ein Flugzeug den Luftraum verletzt, dann erzwingt man die Landung, aber schießt es nicht ab.

Wiktor Baranes, Militärkommentator: Wir haben sicher objektive Kontrolldaten, ob unser Flugzeug den türkischen Luftraum verletzt hat. Ich denke, es wird sicher als Erwiderung einige ziemlich ernste Reaktionen geben. Wir werden die Türken nicht fragen, ob sie die syrische Grenze überquert haben oder nicht. Wenn die Türken mit auch nur fünf Zentimetern eines Flügels in den syrischen Luftraum eindringen, werden wir da sein, um sie zu beschuldigen. So wird die Antwort sein.

Wladislaw Schurigin, Militärkommentator: Was das Video vom Abschuss betrifft, sieht die ganze Geschichte sehr nach geplanter Provokation aus. Weil schlichte Zuschauer einfach nicht die Zeit haben, so klar einen abstürzenden Flieger einzufangen. Alles sieht nach einer vorbereiteten Falle aus, die Türkei hat offensichtlich die Nerven verloren. Es ist kein Geheimnis, dass die Ausbildungslager der Kämpfer gegen die syrische Regierung in diesem Land liegen, und Präsident Erdogan schäumte jüngst vor Wut über die Treffer gegen diese Gruppierungen und rief dazu auf, die Einsätze der russischen Luftwaffe zu verurteilen. Vielleicht haben sie beschlossen, die Linie zu überschreiten.

Irina Alxnis, Vizepräsidentin des Zentrums für soziale und politische Studien “Aspekt”: Aber die Wahrscheinlichkeit, Aufnahmen so hoher Qualität von einem solchen Absturz zu erhalten, und ihr schnelles Auftauchen auf türkischen Fernsehsendern bedeuten nur eines. Es gab Leute, die genau wussten, wo sie schauen müssen, und wohin sie den Blick richten müssen. Das heisst, die Türken haben auf irgendein mehr oder weniger passendes Flugzeug gelauert.

Anatolij Scharij, Medienexperte: Sagen Sie – warum die Türkei auf ein Flugzeug geschossen hat? Glauben Sie, es ist cool, jeden Tag den Extraprofit aus dem Wiederverkauf des geschmuggelten Öls zu verlieren?

19:30

Pepe Escobar zitiert auf seinem FB-Account eine Reuters-Meldung vom NATO-Treffen: “Diplomaten, die bei dem Treffen anwesend waren, sagten zu Reuters, dass, obwohl keiner der 28 NATO-Botschafter Russlands Handlungen verteidigte, viel ihre Sorge darüber ausdrückten, dass die Türkei das russische Kampfflugzeug nicht aus ihrem Luftraum hinaus begleitet hat. “Es gibt andere Methoden, mit solcher Art Vorfällen umzugehen,” sagte ein Diplomat, der seinen Namen nicht nennen wollte”.

20:45

Die Rede des Leiters der Haupteinsatzabteilung des Generalstabs der russischen Streitkräfte, Generalleutnant Sergej Rudskoj, zu den provokativen Handlungen der türkischen Luftwaffe

(übersetzt nach der englischen Version auf eng.mil.ru)

Heute um 10:24 Moskauer Zeit schoss ein F-16 Kampfflugzeug der türkischen Luftwaffe einen SU-24M taktischen Bomber der russischen Luft-Raum-Streitkräfte ab, der einen Kampfeinsatz auf dem Gebiet der syrischen arabischen Republik durchführte. Das Flugzeug führte den Schlag vermutlich mit infrarotgelenkten Kurzstreckenraketen aus.

Die objektiven Überwachungsdaten bestätigten, dass das türkische Kampfflugzeug keinerlei Versuch unternahm, Funk- oder Sichtkontakt mit dem russischen Bomber aufzunehmen.

Die Rakete traf die SU-24M über dem Gebiet Syriens. Der Ort, an dem der Bomber abstürzte, liegt auf syrischem Gebiet, vier Kilometer von der Grenze entfernt. Die Besatzung der SU-24M schaffte es, abzuspringen. Gemäß vorläufiger Informationen tötete Beschuss vom Boden einen der Piloten.

Die objektiven Überwachungsdaten zeigen, dass das russische Flugzeug die türkische Grenze nicht überquert hat.

Die Daten, die von den syrischen Luftverteidigungskräften erhalten wurden, bestätigen diese Tatsache ebenfalls.

Mehr noch, die Radaraufklärungsdaten, die aus dem Luftwaffenstützpunkt Hmeymim erhalten wurden, verzeichneten eine Verletzung des syrischen Luftraums durch das angreifende Flugzeug der türkischen Luftwaffe.

Diese Tatsache wird als eine massive Verletzung des internationalen Rechts mit extrem ernsten Folgen bewertet und als ein direkter Bruch der Übereinkunft zur Verhinderung von Luftzwischenfällen und für die Flugsicherheit über der syrischen arabischen Republik, das von den USA unterzeichnet wurde und für alle der Koalition angehörenden Länder verbindlich ist, eingeschlossen die Türkei.

Darum hat die türkische Seite dringende Beratungen mit der NATO begonnen, statt sofort Kontakt mit dem russischen Verteidigungsministerium aufzunehmen.

Dem Militärattache der Türkei in der russischen Föderation wurde ein entschiedener Protest gegen die Aktionen der türkischen Luftwaffe überreicht, die zum Verlust des russischen Flugzeugs führten.

Es muss erwähnt werden, dass das russische Verteidigungsministerium seit Anfang des Einsatzes eine direkte Telefonleitung zwischen dem nationalen Zentrum für Staatsverteidigung der russischen Föderation und dem nationalen Verteidigungsministerium der Türkei eingerichtet hat. Aber durch Schuld der türkischen Seite hat sie keinen praktischen Nutzen.

Um die russischen Piloten vom Landungspunkt zu evakuieren, wurde mit zwei Mi-8 Hubschraubern eine Such- und Rettungsaktion durchgeführt. Im Zuge dieses Einsatzes wurde einer der Hubschrauber durch Feuer aus Kleinwaffen beschädigt und führte eine Notlandung auf neutralem Gebiet durch. Einer der Berufssoldaten – ein Angehöriger der Marineinfanterie – wurde getötet.

Das Personal des Such- und Rettungsteams und die Besatzung des Hubschraubers wurden evakuiert und sind jetzt im Stützpunkt Hmeymim. Der Hubschrauber wurde durch Mörserfeuer zerstört, das vom Gebiet kam, das von illegalen bewaffneten Gruppen kontrolliert wird.

Der Einsatz, um die Mannschaft des russischen Bombers zu suchen und zu retten, wird fortgesetzt.

Es muss betont werden, dass im Einsatzgebiet der russischen Luftwaffe die syrischen Regierungstruppen einen Einsatz durchführen, um illegale bewaffnete Gruppen zu eliminieren, unter denen sich nach russischen Informationsquellen über tausend Kämpfer aus dem Nordkaukasus befinden.

Es muss betont werdden, dass keiner der russischen Partner und keiner der Staaten, die gegen ISIS kämpfen, erwähnt hat, dass es dort Einheiten der sogenannten “moderaten Opposition” gäbe, so dass sie nicht empfehlen, Angriffe in diesem Gebiet durchzuführen. Im Gegenteil, diese Gebiete sind dafür bekannt, dass sie vom den radikalsten illegalen bewaffneten Gruppen kontrolliert werden.

Jetzt erarbeitet der Generalstab zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für den russischen Luftwaffenstützpunkt.

Erstens: alle Aktivitäten der Angriffsflieger werden nur unter dem Schutz von Kampffliegern ausgeführt.

Zweitens: die Luftabwehr wird verstärkt. Zu diesem Zweck wird der Kreuzer Moskwa, der mit dem Luftabwehrsystem Fort ausgestattet ist, das analog zur S-300 ist, in die Küstenregion bei Latakia fahren. Das russische Verteidigungsministerium warnt, dass alle möglicherweise gefährlichen Ziele zerstört werden.

Drittens: die Kontakte mit der Türkei auf militärischer Ebene werden beendet.

21:00

Die BBC meldet aus der Pressekonferenz des Pentagon:

“Auf die Frage, ob die USA wüssten, ob das russische Kampfflugzeug über der Türkei oder über Syrien abgeschossen worden sei, erwiderte der Sprecher des Pentagon Peter Cook, die US-Offiziere wären “nicht im Stande, gerade jetzt definitiv zu folgern, wo die Flugzeuge waren.

In einem Wiederhall dieser Bemerkungen erklärte in einer E-Mail an Gary O’Donahue von der BBC Oberst Steve Warren, Sprecher der US-geführten Koalition, die IS bekämpft, sie wären immer noch dabei, “die Daten aus den Radarspuren zu analysieren”.

Anders gesagt: die Amis haben die Türken mit den Pfoten in der Marmelade gesehen und versuchen jetzt, die Spuren zu verwischen. Angesichts der Großspurigkeit, mit der in den letzten Monaten auf solchen Pressekonferenzen “Erkenntnisse” aus dem Nichts hervorgezaubert wurden, muss es wohl überzeugende Beweise dafür geben, dass mitnichten ein russisches Flugzeug den türkischen, sondern vielmehr ein türkisches Flugzeug den syrischen Luftraum verletzt hat, wie es in der oben übersetzten Darstellung aus dem russischen Generalstab behauptet wurde.

23:30

Die Haupterzählung in den deutschen Medien (FAZ, Zeit und Nachtjournal der Tagesschau) ist nun, Russland habe provoziert. Entweder, weil die russischen Flieger solche Rowdys seien und Putin solch ein Macho (das meint die FAZ), oder, um die Verteidigungsfähigkeiten der Türkei auszutesten.

Der russische Generalstab war aber so nett, eine Aufzeichnung seiner Radaraufzeichnungen zu veröffentlichen; darin sieht die Sache (wen überrascht das) ganz anders aus:

Auf Google-maps lässt sich übrigens der kleine Zahn, der auf der türkischen Radardarstellung eine solch prominente Rolle spielt, leicht finden. Seine größte Breite beträgt etwa 2 km. Bei einer “Arbeitsgeschwindigkeit” von ca. 600 kmh (das schätzte Haisenko) wäre diese Distanz in 12 Sekunden durchflogen. Wenn die SU tatsächlich auf dem Rückflug von einem Einsatz war, dann wäre sie mit höherer Geschwindigkeit geflogen. Keine Zeit also für die von türkischer Seite behaupteten mehrfachen Warnungen; nicht einmal genug Zeit für einen Flieger, aufzusteigen.

BILD sorgt währenddessen für Erheiterung; nachdem sie heute mittag schon zum Marsch gen Moskau rufen wollten, jetzt die dritte Version des Tages… man bekam wohl Weisung, dass es doch erst 5:30 Uhr sei.

BILD 241115 die dritte


 

Tag 1, 25.11.2015

13:00

So stellt der russische Militäranalyst Schurigin das Ereignis heute dar:

” Die Türken versuchten schon einige Tage, russische Flugzeuge zu “fangen”. Als unser Flugzeug abhob, taten dies auch die türkischen und während unserer Annäherung an das Gebiet der Feindseligkeiten waren ständig vier bis sechs türkische F-16 in der Luft.

Gestern begannen die türkischen Jagdflieger ihr Abfangmanöver gegen den russischen Bomber noch ehe er sich der türkischen Grenze näherte und waren in Angriffsposition, als unser Flieger eine Wendung entlang der türkischen Grenze vornahm, und nahmen ihn ins Ziel. Das heisst, tatsächlich lagen sie auf der Lauer, um abzufangen. Zu diesem Zeitpunkt vollzog der russische Bomber eine Wende entlang der Grenze zwischen Syrien und der Türkei, im syrischen Luftraum, drei Kilometer von der Grenze entfernt. Und aus einer Entfernung von vier Kolometern wurde unsere SU-24 von hinten mit einer “Sidewinder”-Rakete abgeschossen, wobei die Rakete auf der Grenze zwischen Syrien und der Türkei abgefeuert wurde und in der Folge die türkische F-16 mindestens vier Kilometer weit in den syrischen Luftraum eindrang. Die Rakete traf die Maschine und beide Piloten nutzten den Schleudersitz. Der Kommandeur Oberstleutnant Oleg Peschkow wurde in der Luft von den Islamisten erschossen und kam bereits tot zu Boden. Sein Leichnam wurde von ihnen gefunden und fortgebracht.

Der Pilot-Navigator Kapitän Konstantin Murahtin überlebte, und landete erfolgreich. Die Landung erfolgte auf den bewaldeten Berghängen. Das gab ihm einen kleinen Vorsprung und es gelang ihm, der Gruppe von Islamisten, die sich dem Ort der Landung näherten, zu entkommen. Den ganzen Tag lang suchten die islamistischen Milizen in dem Gebiet nach dem russischen Piloten, konnten ihn aber nicht finden. Der Pilot blieb ständig in Bewegung und tarnte sich. Bei Anbruch der Nacht stellte er über das Notfallfunkgerät den Kontakt her und liess wissen, er sei am Leben und teilte seinen Aufenthaltsort mit. Interessanterweise bewegte sich fast sofort aus dem nächstgelegenen Ort eine Kolonne von Aufständischen auf den Aufenthaltsort des Piloten zu, was nahelegt, dass die Türkei den Funkverkehr abgefangen und unmittelbar an die Islamisten weitergegeben hat.

Bei Anbruch der Nacht bewegten wir einige unserer Spezialeinheiten in das Gebiet, ebenso wie einige syrische Spezialeinheiten. Etwa gegen 23 Uhr traf der Pilot auf syrische Spezialeinheiten, im Rücken des Feindes, und gegen zwei Uhr früh gelangten sie auf das von der syrischen Armee kontrollierte Gebiet, und um drei Uhr früh wurde er im Stützpunkt Hmeymim übergeben.”

LifeNews teilt mit, Murachtin sei von einer syrischen Spezialeinheit mit 18 Mann gerettet worden, unterstützt von sechs Mann einer Eliteeinheit der Hisbollah.

Oberstleutnant Oleg Peschkow wurde inzwischen posthum mit dem Titel “Held der russischen Föderation” ausgezeichnet, der Marineinfanterist Alexander Posynitsch, der in dem Hubschrauber ums Leben kam, der die erste Rettungsaktion unternahm, und der gerettete Konstantin Murachtin erhielten den Tapferkeitsorden.

14:15

Lawrow spricht in einer Pressekonferenz von einem absichtlichen und geplanten Abschuss. Er schließt seine Aussagen mit der Bemerkung: “Wir können nicht darauf verzichten, angemessen zu reagieren. Nicht, weil wir Vergeltung üben müssen, es gibt aber einfach zu viele Vorfälle im türkischen Territorium, die eine direkte terroristische Bedrohung für unsere Staatsbürger darstellen. Und nicht nur für die unseren.”

Die komplette Pressekonferenz auf Englisch (beginnt ab Minute 18):

15:00

Eine interessante Aussage von Lawrow in diesem Interview: ihm lägen Informationen aus der US-geführten Koalition vor, dass jede beteiligte Nation um Genehmigung der USA ersuchen müsse, ehe ihre Flugzeuge einen Einsatz fliegen dürften, und er forderte die USA auf, Stellung zu nehmen, wie es denn damit in Bezug auf die türkische F-16 gewesen sei.

15:45

Sputnik zitiert den geretteten Piloten: “Es hat keine Vorwarnungen gegeben, weder per Funk noch visuell. Es hat überhaupt keinen Kontakt gegeben.”

16:50

Während andere deutsche Medien zumindest durch die Fakten etwas besonnener geworden sind, legt der Springer-Konzern in gewohnter Weise nach.

Auf n-tv wird in peinlichster Weise personalisiert. Putin und Erdogan seien beide aus kleinen Verhältnissen aufgestiegen. “Putin provozierte, Erdogan zeigte in allzu rabiater Form seine rote Linie auf”. Nebenbei wird allerdings eine konkrete Information geliefert, die auch innerhalb der NATO nicht bei allen auf Gegenliebe stoßen dürfte: die türkische Luftwaffe lässt jetzt 18 statt 12 F-16 “den Luftraum schützen”…

Die BILD erweist sich in ihrem neuesten Kommentar von Herrn Reichelt gewohnt faktenresistent und weiter auf Eskalationskurs. “Einen russischen Bomber abzuschießen, war militärisch vermutlich nicht zwingend notwendig und politisch ganz sicher nicht klug. (…) Die Aggression ging in diesem Fall nicht von der Türkei oder der Nato aus, sondern von Russland.”

Die Tagesschau konzentriert sich derweil auf Steine, die Demonstranten in Moskau auf die türkische Botschaft geworfen haben. Während es sich bei den Brandsätzen, die letztes Jahr auf die russische Botschaft in Kiew flogen, um “Proteste empörter Bürger” handelte, wird der russischen Polizei jetzt vorgeworfen, nicht einzugreifen.

Der CNN-Reporter Max Abrahms zitierte übrigens auf seinem Twitter-Account eine weitere Aussage des geretteten russischen Piloten: “Es ist unmöglich, dass wir ihren Luftraum auch nur eine Sekunde verletzt haben… ich hatte völlige Kontrolle über unseren Flug auf der ganzen Strecke”. Abrahms hatte bereits letzte Nacht getwittert: “Zuerst dachte ich, die Türkei sei gerechtfertigt, aber unbesonnen. Jetzt bin ich mir nicht einmal sicher, ob der Angriff auf das russische Flugzeug gerechtfertigt werden kann.”

Ein kurzer Blick durch die europäische Presselandschaft belegt, dass man sich nirgends derart um Verständnis für die Türkei bemüht wie in Deutschland.