Die großen Heuchler

Ich würde gerne betroffen reagieren können, nach dem Anschlag in Paris.

Aber wie soll ich das, wenn ich folgende Sätze lese (nur als Beispiel):

“Tatsächlich muss sich niemand wundern, dass sich immer mehr Menschen vor dem Islam fürchten. In seinem Namen und unter Berufung auf den Koran werden Angst und Schrecken verbreitet. Die dünnen Stimmen, die bestreiten, dass der „Islamische Staat“ und andere Terrororganisationen das wahre Gesicht des Islam darstellten, werden immer wieder von den Explosionen der Bomben und den Schreien der auf bestialische Weise Ermordeten übertönt.” FAZ

In meinem Kopf schreibt sich das um. Wie wäre es denn so:

Tatsächlich muss sich niemand wundern, dass sich immer mehr Menschen vor dem Westen fürchten. In seinem Namen und unter Berufung auf Menschenrechte werden Angst und Schrecken verbreitet. Die dünnen Stimmen, die bestreiten, dass die “NATO” und andere Terrororganisationen das wahre Gesicht des Westens darstellten, werden immer wieder von den Explosionen der Bomben und den Schreien der auf bestialische Weise Ermordeten übertönt.

Man kann auch “Frontex” für “NATO” einsetzen , oder “IWF” oder… die Liste ist lang. Wenn man nach Organisationen sucht, die auf bestialische Weise Menschen ermorden.

Oder diese Version:

Tatsächlich muss sich niemand wundern, dass sich immer mehr Menschen vor dem Kapitalismus fürchten. In seinem Namen und unter Berufung auf den freien Markt….

Ja, ich merke, dass ich an Menschlichkeit verliere. Mein Verstand sagt mir, auch die Veröffentlichung ekelerregender rassistischer Karikaturen ist kein Grund, Menschen zu ermorden. Mein Verstand appelliert an mein Mitgefühl.

Mein Gefühlsapparat ist aber zu beschäftigt, den Ekel niederzuringen, den die ungeheure Welle an Heuchelei in mir auslöst.

“Ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit”? Der Anschlag auf die Meinungsfreiheit, der wirklich, tagtäglich und äußerst erfolgreich stattfindet, sind die Eigentumsrechte der Medienbesitzer. Die wenigen großen Medienkonzerne. Die politische Gleichschaltung, egal, ob sie durch Druck oder durch Überzeugung geschieht. Nur weil bei diesem Anschlag kein Blut fliesst, ist er nicht harmlos oder weniger wirklich.

Ich betrachte mir die ganze Woge an verordnetem Mitgefühl, und ich kann den Rassismus, der sich darin ausdrückt, nicht verdrängen. Es geht nicht mehr. Ich kann nicht verhindern, dass meine erste Reaktion auf die Betroffenheit, die aus den Fernsehredaktionen fliesst, die ist, dass ich mich frage – wie sähe Europa heute aus, wenn diese Reaktion am zweiten Mai erfolgt wäre? Nach Odessa?

Jeder einzelne getragene Ton verursacht mir Übelkeit.

Ich weiss, dass es ein individueller Zufall ist, wann die Schwelle überschritten ist, und dass eigentlich die jahrelange Heuchelei zu Frontex hätte reichen müssen. Das ganze Getue von Menschenrechten, während es keine Sau interessiert, wenn Menschen anderer Hautfarbe erschossen, ausgehungert, vergiftet oder sonstwas werden, damit die Profite der weißen, westlichen Welt nicht leiden müssen.

Und trotzdem merke ich, dass meine Schwelle letztes Jahr überschritten wurde. Am zweiten Mai in Odessa. Das mag an dem Zufall liegen, dass über den Livestream die Ereignisse dieses Tages näher an mich herangerückt sind als jedes andere zuvor.

Oder nicht.

Denn wenn es eine Sache gab (und mehr als diese eine Sache war es nie), eine einzige, in der das ganze Gerede von Europa einen wahren Kern hatte, dann hieß dieser wahre Kern “Nie wieder Faschismus”. Viel mehr war nicht dabei herumgekommen; die Barbarei des Kolonialismus wurde, auf die eine oder andere Art, nie beendet, die Wahrnehmung der übrigen Welt blieb immer durch einen rassistischen Filter getrübt, und jegliches soziale Recht war den Unbilden der Marktordnung ausgesetzt. Viel ist am Ende nicht herumgekommen in den ganzen Kämpfen des 20.Jahrhunderts.

Nur dieses eine war, zumindest seit dem Tod Francos, in Europa Wirklichkeit – nie wieder Faschismus.

Es ist in Odessa verbrannt, und die Asche wurde von dem Schweigen danach in alle Winde zerstreut.

Ich winde mich, wenn ich den Satz höre, “das ist ein Anschlag auf uns alle.” Ich sehe mir an, wer in diesen Reihen steht, und ich will nicht an ihrer Seite stehen. Mein Verstand sagt mir, dass ich nicht besser bin als sie, dass jedes menschliche Leben den gleichen Wert und jedes menschliche Leid das gleiche Mitgefühl verdient hat.

Mein Gefühl aber sagt: trauert ihr doch. Das sind nicht meine Leute, das waren Eure. Mein Gefühl läuft auf Automatik, wenn die herrschende Meinung die Klagegesänge einschaltet. Es wendet sich ab.

Es gibt nach wie vor die rationale Ebene. Die nüchtern die Erzählung kritisiert; anmerkt, dass ein Anschlag durch Bewohner Frankreichs auf andere Bewohner Frankreichs erst einmal ein Ausdruck der sozialen Verhältnisse ist und nicht religiöser Konflikte, selbst wenn eine religiöse Maske darauf liegt. Dass die Verknüpfung dieses Anschlags mit dem Islam an sich wieder nur eine rassistische Erzählung konstruiert. Die Ratio tut ihren Job und betrachtet die einzelnen Ebenen, auf denen eine passende Deutung konstruiert wird, beobachtet, wie skrupellos die Gelegenheit genutzt wird, aus dem Tod von zwölf Menschen eine propagandistische Bestätigung einer fiktiven Wertegemeinschaft zu gewinnen, die alle Klassenwidersprüche in einer auf “Werte” gegründeten Volksgemeinschaft auflöst. Der Verstand wünscht sich eine gründliche Analyse.

Das Gefühl aber ist leer und müde und viel zu sehr mit dem Ekel beschäftigt, um noch Raum für Anderes zu haben, und verweigert dem Verstand die Geduld, die für eine solche Betrachtung nötig ist. Für das Gefühl ist die Welt in zwei Teile zerbrochen, an einer erratischen Linie vielleicht, die nicht immer den Kategorien des Klassenbewusstseins genügt, aber sie ist zerbrochen (und es ist, nach Jahrzehnten politischer Tätigkeit, verblüffend, dass dieser Bruch dennoch etwas Neues ist, und dass er so klar festgelegt werden kann; dass aller Zorn all die Jahrzehnte davor, von den letzten Phasen des Vietnamkriegs bis heute, nicht dazu geführt hat; und wie tief er geht). Das Gefühl sagt, sollen sie ihre Toten beweinen, ich beweine meine.

Seit dem zweiten Mai 2014.