Zwischen den Fronten — eine kleine Weihnachtsgeschichte

Ein Gastbeitrag von James B.

Ich habe so das Gefühl, daß es nur noch Extrema gibt. WIR gegen DIE. Keine Abstufungen mehr, keine Grautöne, nur noch Schwarz und Weiß, ein binäres Denken aus der prozeßautomationsgerechten Maschinenwelt, dem Menschlichen so fremd und doch so antik-uralt wie das Wort »Propaganda«. Ich fühle mich von keiner politischen Partei mehr in Deutschland vertreten. Einst in meiner Jugend stolzer SPD-Anhänger, kurzer Flirt mit den (heute oliv-) GRÜNEN, dann enttäuscht zur (heute CDU-nahen) LINKEN gelangt und auch hier: Enttäuschung. Von den Piraten hört man auch nichts mehr, aber so ist das, wenn man wenig überzeugen kann und sich zunehmend mit sich selbst beschäftigt.

Mit sich selbst beschäftigt dürfte auch die Junta in der Ukraine sein, das weder Korruptions- noch Inflations- und Armutsbekämpfung auf die Reihe bekommt, dafür aber einen Konflikt am Köcheln hält, wegen dem sich viele von uns hier getroffen haben. Was haben die Menschen vor Ort davon, bis auf Haß und Wut auf der einen Seite und Tote und zerrüttete Familien auf der anderen? Um die Menschen geht es aber gar nicht. Es geht darum, daß der Kalte Krieg nie wirklich vorbei war. Es geht um Interessen, Einflußsphären, Besitzstandwahrung der Mächtigen und ihre Deutungshoheit.

Leider, so scheint mir, kehrt in diesen wirren Zeiten erst wieder ein Hauch von Vernunft in die elitären Kreise zurück, wenn diese ihre sichergeglaubte Deutungshoheit bedroht sehen: »Nur mit offenen Diskussionen und Debatten können wir Lösungen finden, die langfristig Bestand haben und von Mehrheiten getragen werden.«, so der Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache 2015.

Diese Erkenntnis von »ganz oben« zu hören ist ein wahres Weihnachtsgeschenk, da es auch ein von Gauck höchst ungewöhnlich deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl gen Bundesregierung ist. Wir sollten aber bedenken, daß es gerade das Duo infernale aus Spitzenpolitikern und Leitmedien war, das frühestens seit 9/11 und spätestens seit der andauernden Finanzkrise 2008 eine offene Debatte verstärkt unterband, indem es das Spektrum der zulässigen und »politisch korrekten« Meinung verengte, bis am Ende die Raute der Bundeskanzlerin als Gehege der freien Meinungsäußerung übrigblieb.

Freilich ist das nicht die einzige, aber bestimmt eine große Ursache für die zunehmende Dissonanz zwischen »Regierung« und »Volk« allgemein und »Elite« und »Pack« ganz speziell. Obwohl ich nie wirklich mit Pegida und Co. sympathisierte und mich zur materiell durchaus abgesicherten Mittelschicht zähle, fühlte auch ich mich von Sigmar Gabriel angesprochen, als er von seinem hohen Rößlein herabblickte und »Pack« in die Kameras keifte: Weder er noch Frau Bundeskanzlerin werden die bitteren Folgen ihrer kurzsichtigen Politik, die weder Konturen noch Ziele erkennen läßt, ausbaden müssen.

Auch wird es nicht Herr Dr. Schäuble sein, der seine Schäfchen längst im Trockenen haben wird, wenn die EZB von innen heraus verfaulen und die Eurozone an einer fehleranfälligen und lernresistenten Strategie zerbrechen wird, weil die Staaten, denen oft wider Willen Austerität verabreicht wurde, sich immer noch nicht erholt haben werden. Ja, Merkel und Schäuble, da bin ich mir sicher, werden als die Zerstörer der europäischen Idee in die Geschichte eingehen.

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Demokratie ist wie Wasser, ist ständig im Fluß, wie die Menschen, die sie formen. Es gibt einen natürlichen Behälter, der sich »Staat« nennt. Aber was, wenn die Staaten so aufgeweicht wurden, daß von ihrer Souveränität nicht mehr allzuviel übrig ist, weil wichtige Entscheidungen zunehmend in Brüssel hinter den Türen der EU-Kommission getroffen werden? Eine EU-Kommission, die bestenfalls bedingt legitimiert ist, aber keinesfalls direkt gewählt? Die Regierungen der EU-Staaten, besonders der zahlungskräftigen und deshalb einflußreichen, haben sich somit einen »Proxy« geschaffen, einen willfährigen Mittelsmann, der das durchsetzt, was demokratisch auf nationaler Ebene nur sehr schwer durchzusetzen wäre. Das Wasser wird zwangsweise in den engen Behälter eines »Superstaats« gepreßt, der obendrein noch erhitzt wird. Durch die Abkopplung vom Volkswillen der einzelnen EU-Mitglieder, durch ein steigendes Gefälle von Arm und Reich entsteht noch mehr Reibungshitze — seht Ihr auch schon, daß der Kessel dem Druck nicht mehr lange standhalten wird? Selbst wenn außen lange Zeit keine Risse erkennbar waren, weil die massenmedial gepflegte Fassade eben so lange so gut gepflegt wurde? Und weil diese Fassadenpflege auch von sehr vielen zustimmend angenommen wurde? Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis immer mehr die immer deutlicher werdenden Risse zu erkennen begannen.

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Als die Weihnachtsfeier im politisch vollkommen unverdächtigen Amateurfußballverein zu Ende ging, ging ich mit ein paar Freunden noch in die nächstgelegene Stadt. Städtlein wäre besser, Landstuhl in der Pfalz, direkt neben der Ramstein Air Base. Ein paar Meter neben der Polizeiwache befindet sich die »Tree Bar«, ein kleineres Tanzlokal, gästemäßig mehrheitlich in US-amerikanischer Hand. Ich sah junge Soldaten, die sich in ihrer Freizeit vollaufen ließen, Pool-Billard spielten und/oder sich mit ihrem weiblichen Anhang unterhielten. Oben in der Wand hinter der Theke, wie auf einem kleinen Thron vom Rest abgesetzt, die große Flasche RUSSKII STANDARD Vodka. Wir tranken, Wodka und Jack Daniel’s durcheinander, kamen ins Gespräch. Resignierte Zusammenfassung: »All’s fucked up«, alles fürn Arsch.

Aber der vorangegangene Tiefgang war dann doch kultivierter und hintergründiger, wenn auch sehr subjektiv, »noch nie« der Ehrlichkeit und der Vorsicht halber: seit dem Zweiten Weltkrieg.

  • Noch nie gab es in den USA so viele Menschen »on Foodstamps«, auf Lebensmittelmarken.
  •  Noch nie gab es in den USA eine derart massive Verblödung in Elementary und High Schools.
  •  Noch nie gab es in den USA eine derartige Konzentration von Medien, auch wenn im Kabelnetz eine nie dagewesene Sender- und Programmvielfalt vorgaukelt.
  •  Noch nie gab es in den USA gerade außerhalb der Städte einen derartigen Verlust von infrastruktureller und lebensperspektivischer Qualität.
  •  Noch nie gab es in den USA eine politische und gesellschaftliche Elite, die so dermaßen abgekoppelt war.
  •  Noch nie gab es in den USA eine derart krasse Spreizung zwischen Arm und Reich.
  •  Noch nie saßen in den USA so viele Leute hinter Gittern, waren so viele so arm.

Dann: »Und deshalb bleibe ich lieber in Deutschland. Hier in Europa habt Ihr noch Eure Freiheit und Euren Wohlstand — Cheers!« Ich sah ihn an: Wirklich? Warnte ihn, daß es auch hierzulande langsam aber stetig den Bach hinuntergeht, daß die Realität aus den Zeitungen und den Sendern immer weniger mit der da draußen zusammenpaßt. Pause. »Well, hier dauert das dann aber noch ein paar Jahre. Und bis dann…« Hoch die Tassen!

Amerikanischer Optimismus eben, oft wäre ich froh, ich hätte mehr davon. Komme heim, die tendenziöse Berichterstattung und die Bilder aus Syrien und dem Donbaß im Hinterkopf, von Flüchtlingsströmen, das Bild von Merkels Raute, »Wir schaffen das«. Wie — das hat sie bis heute nicht konkretisiert, immer schön vage und diffus bleiben, die Masse wird schon folgen, auch wenn der CDU-Parteitag viel von einem der SED hatte: tosender Applaus, kaum Widerworte, Hauptsache, alle ziehen an einem Strang — auch wenn er um den Hals herumliegt.

Es ist still geworden um die Ukraine, und Weihnachten wäre nicht Weihnachten, wenn erstens ZEIT-Journalistin Alice Bota in ihrem mitleidheischenden Stück über den Donbaß nicht in einem Sätzchen ein Funken Wahrheit durchgerutscht wäre: »Im besten Fall ist die Einnahme von Kominternowe durch die Separatisten Vergeltung – Wochen zuvor sollen die Ukrainer lautlos einige Gebiete der grauen Zone eingenommen haben, was die OSZE bestätigt.« Zweitens, wenn dem ZDF nicht ein extragroßer Energieriegel für die »Lügenpresse«-Rufer gelungen wäre. Und drittens, wenn Gauck mit seinem Ruf nach einer offenen Debattenkultur nicht das Selbstverständlichste angemahnt hätte.

Aber leider fürchte ich, daß die bundespräsidiale Mahnung nur eine Falle ist, für die schweigende Masse, für die Blinden, die die Nacktheit des Imperators noch nicht sehen. Denn was wird sich schon großartig ändern am status quo der Raute-eingehegten Debattenkultur im Jahre 2016, die sich weniger auf Argumente konzentriert, sondern auf das Ausgrenzen und Verächtlichmachen derjenigen, die aus der Raute ausbrechen wollen?

Aus dem Inneren der Raute, wo es etwa so aussieht:

Lesen Sie Arkadij Babtschenko. Der beschreibt im Detail wie Herr Putin nicht verstanden hat, wie Kriege im 21. Jahrhundert geführt werden, nämlich mit Valutakursen, Technologie, Wirtschaft und Information. Putin wartet auf die Panzerattacke und bekommt Falcon 9, einen Ölpreis von 35 US-$, Sanktionen, die Abkopplung von Hochtechnologie mittels Embargo, einen sauberen Abschuss in der Türkei, den ersten Photonen-Prozessor, Brennstoffzellen. Während man in Russland die Iskander- Rakete poliert, marschiert der Feind durchs RUS Bankensystem, das Haager Schiedsgericht, den Weltschachverband und den Leichtathletikverband. Babtschenko: “Zerschlagen wird man Euch an allen Fronten in den …Schiedsgerichten, den Börsen, der Automobilindustrie, bei erneuerbaren Energien….”
Oh ja, der RUS Journalist Babtschenko hasst Putins Russland. Nach zwei als Soldat überlebten Tschetschenienkriegen hat er dazu auch jedes Recht.

Solche Stirb-Langsam-NATO-Fans wird man zu nächtlicher Ausgehzeit nur mit der Lupe finden, in der Landstuhler »Tree Bar«, auch wenn viele dort tagsüber von Montag bis Freitag anderswo in der Westpfalz eine US-Uniform tragen, auch aus Stolz auf ihr Land, auch aufgrund der indoktrinierten guten Sache, aber zuerst einmal wegen sehr gutem Geld. In obigem Zitat aus dem ZEIT-Online-Forum stecken wohl eher die Worte eines Bürostuhlgenerals, aus einer Parallelwelt, die nur mit größten Verrenkungen mit dieser in Einklang zu bringen sind. Vielleicht symbolisiert die Merkel’sche Raute auch diese Dissonanz, zwischen oben und unten und den geistigen Habenichts-Extremisten im Mainstream, die voller Inbrunst WIR schreien, aufblickend nach Leckerlis lechzend Beifall klatschen und abfällig auf DIE herabsehen.

Alice Bota meint weiter in ihrer Frontreportage: »So lebt es sich in einem frozen conflict, in dem besten aller schlechten Szenarien für die Ukraine.« Auf den gesellschaftlich schwelenden und nur zur Weihnachtszeit scheinbar frozen conflict hierzulande übersetzt: So lange sich nicht wenigstens ergebnisoffen mit den Sachargumenten der Pegidas, Syrizas und Front Nationals auseinandergesetzt wird, so lange wird auch unsere europäische Demokratie frozen sein — das schlechteste aller Szenarien, in das sich die jüngst mit 3 Mrd. Euro herbeibestochene EU-Beitrittsperspektive des Sultanats Türkei hervorragend einreiht.

Wasser wird aber immer seinen Weg finden, notfalls auch ohne Bankendiktat, ohne Massenüberwachung, ohne TTIP, ohne EU-Kommission, ohne NATO, zumindest ohne ihre ideologisch im Kalten Krieg gefangenen Spinner. Selbst wenn man keinen anbetet: Gott liebt die Geduldigen, und wir werden sehen, wie ernst es unserer machthabenden Elite mit Joachim Gaucks wohlfeilen Worten sein wird, die selten so deutlich waren wie Weihnachten 2015. Wir sollten dabei nur stets wachsam bleiben, uns weder blenden noch ablenken noch zwischen den Fronten zerreiben und uns schon gar nicht in irgendwelche Schubladen stecken lassen. Finsternis ist Licht —2016 kann nur besser werden.