Sakers Ukraine Analyse: Ein “kroatisches” Angriffs-Szenario?

Diese Übersetzung von Ukraine Analysis by the Saker: a “Croatian” attack scenario wurde mir von einem Leser zugeschickt; leider weiß ich noch nicht, ob er seinen Namen genannt haben will; ich irre lieber auf Seite der Vorsicht und stelle die Übersetzung daher erst einmal anonym ein.

April 16, 2015
M2A ruhe in Frieden

Es wird ziemlich deutlich, dass die Chancen auf Frieden, die stets eher gering waren, Tag für Tag abnehmen. Ich selbst habe nie an eine Umsetzung des Minsk-2-Abkommens (M2A) durch Kiew geglaubt und so bin ich letztlich davon nicht besonders überrascht. Was die Junta allenfalls tat, war der Abzug einiger (nicht einmal der meisten) schweren Waffen, um anschließend neue heranzuschaffen. Hinsichtlich der im M2A vorgesehenen politischen Schritte, waren diese für die Junta schlicht undenkbar. Faktisch, selbst wenn Poroschenko entschieden hätte M2A einzuhalten und, sagen wir mal, mit den Vertretern Neurusslands in Verhandlungen über eine künftige ukrainische Verfassung eingetreten wäre, so wäre er wahrscheinlich innerhalb von 24 Stunden entmachtet worden, nicht nur weil die Nazi Freaks wie Jarosch dies niemals akzeptieren würden, sondern, viel wichtiger, Uncle Sam würde es ebenfalls nicht.

Der Hauptakteur: die USA

Der allerwichtigste Akteur in der Ukraine-Krise sind die USA, die weit mehr Einfluss als die EU oder sonst irgendeine lokale Kraft besitzen. Und tatsächlich sind es die USA, die durch eine friedliche Einigung im ukrainischen Bürgerkrieg alles zu verlieren haben. Weshalb? Sehr einfach! Die US-Machtbasis in der Ukraine setzt sich aus zwei unterschiedlichen Gruppen zusammen: Erstens, aus den ultranationalistischen Nazi-Freaks mit ihren sehr starken Verbindungen zu Emigranten in Kanada und den USA und, zweitens, den korrupten Oligarchen. Hierbei geht es um einen Schlüsselfaktor: Bei keiner der beiden Gruppen handelt es sich um eine Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung, selbst wenn man den Donbass ausschließt. Sogar vereint innerhalb einer “pro-US 5. Kolonne“ würden die Nazi-Freaks und die Ukie-Oligarchen noch immer keine Mehrheit stellen.

Dieser wichtige Fakt übersetzt in eine einfache aber entscheidende strategische Notwendigkeit bedeutet: Die USA können niemals etwas „demokratisch“ Gesteuertes in der Ukraine erlauben: Es ist entweder „Volksherrschaft“ oder „US-Vorherrschaft“, aber es wird niemals beides sein.

Daraus folgt eine weitere strategische Notwendigkeit: Die USA müssen um jeden Preis den Zustand der Krise aufrechterhalten: Krieg, Bürgerkrieg, industrieller und ökologischer Niedergang, MH-17, unbekannte Scharfschützen, usw. Frieden würde über kurz oder lang zu einer Form von Volksherrschaft führen, was im Umkehrschluss für die USA den Verlust der Kontrolle über die Situation bedeuten würde.

Dies liefert auch den Grund für das Verständnis, weshalb unabhängig von den nächsten Folgen der Krisen, egal ob es sich um eine weitere militärische Niederlage, um Lebensmittelknappheit oder Unruhen handelt, die „Lösung“ der Junta immer die gleiche bleiben wird: Kriegsrecht. Und so hat die Rada auch schon einen Gesetzesentwurf angenommen, welcher die Inkraftsetzung des Kriegsrechts erleichtert.

Kriegsrecht als Mittel zur Rettung des derzeitigen Regimes

Der große Vorteil (für die USA) hinsichtlich der Einführung des Kriegsrechtes in der Ukraine ist, dass die beiden „Stützen“ der US-Vorherrschaft in der Ukraine (Nazi-Freaks und Oligarchen) sehr wahrscheinlich diejenigen sein werden, die das Kriegsrecht erklären und einführen werden, damit die Macht über das Land sicher in ihren Händen verbleibt. Desweiteren wird das Kriegsrecht dem Regime gestatten, bei minimalen oder gar ohne rechtlichen Hindernissen, hart gegen die Opposition durchzugreifen und sie damit zu brechen. Jede Person oder Gruppe, die dagegen protestiert oder auf andere Art ihre Ablehnung gegen das, was die Junta tut, zum Ausdruck bringt, wird zum „Agenten Putins“ erklärt und entweder eingesperrt oder einfach exekutiert.

Die Inkraftsetzung des Kriegsrechtes wird außerdem eine finanzielle Bonanza für die Oligarchen werden, die sie dazu benutzen, rücksichtslos ihre Konkurrenten und alle, die ihre Praktiken infrage stellen, auszuschalten. Es gibt allerdings mehr als nur kurzfristige Vorteile des Kriegsrechts.

Langfristige Vorteile des Kriegsrechts: Die Vorbereitung des „kroatischen“ Szenarios

Immer mehr Leute gelangen zu dem Schluss, dass die Junta in Kiew sich auf etwas vorbereitet, das man oft als das „kroatische“ Szenario bezeichnet.

UNPAs in den serbischen Krajinas in Kroatien
[Bemerkung – zur Erinnerung: Gegen Ende der ersten Phase des Bürgerkrieges in Kroatien waren die Kroaten zunächst nicht in der Lage, die lokale serbische Bevölkerung zu schlagen, die in den sogenannten „Krajinas“ (wie „Ukraine“ von der Bedeutung her „Grenzregion“) lebte. Die UN errichtete damals “UN-Schutzzonen” auch als UNPAs (UN Protected Areas) bezeichnet, in denen die Serben vermeintlich sicher vor kroatischen Angriffen sein sollten. Diese Gebiete sind in der Karte blau gekennzeichnet. Die Kroaten warteten dann einige Jahre ab, während sie in der Zwischenzeit durch die USA trainiert und bewaffnet wurden und führten von Zeit zu Zeit Angriffe unter dem Schutz der US Air Force durch. Schließlich zogen sich die UN-Truppen unvermittelt zurück und die Krajina wurde rasch überrannt, was eine massive Fluchtbewegung kroatischer Serben vor der kroatischen Offensive zur Folge hatte. Die „zivilisierte Welt“ stand applaudierend dabei oder schwieg dazu.]

Der ach-so-raffinierte US-Ukie-Plan scheint der “kroatischen Variante” sehr zu ähneln: Kaufe genügend Zeit für die Vorbereitung eines massiven Angriffes und dann zermalme die „Separatisten“ in einer kurzen aber sehr intensiven Kampagne. Die große Frage ist – kann das funktionieren?

Eine “Operation Sturm” im Donbass?

Äußerlich betrachtet sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Kriegen eklatant: Zwei US-getriebene Nazi-Staaten nutzen den Schutz einer Friedensmission dafür, einen massiven Angriff auf ihre eigene Bevölkerung vorzubereiten. Aber es gibt auch entscheidende Unterschiede, die nicht unterschätzt werden sollten:

Der erste und wichtigste Unterschied ist der zwischen Rumpf-Jugoslawien (Serbien und Montenegro) unter Milosevic und Russland unter Putin. Auf der einen Seite war Jugoslawien offenkundig keine nukleare Supermacht und Milosevic musste mit der Möglichkeit rechnen, dass Serbien und Montenegro schlicht durch die USA und die NATO invadiert werden konnten.

Das Risiko ist jedoch gleich Null, dass dies Russland wiederfahren kann. Aber viel wichtiger, Milosevic hat seine bosnisch-serbischen und kroato-serbischen Brüder verraten und verhängte Sanktionen gegen sie. Im Gegensatz dazu erlaubte Putin den „Voentorg“ (Lieferung von Waffen) und den „Severnyi Veter“ (übersetzt: Nordwind – Umschreibung für die Entsendung von Freiwilligen nach Neurussland). Doch es geht noch weit über Putin hinaus: Es gibt um die 90% Zustimmung in Russland dafür, keinesfalls die Nazis den Donbass überrennen zu lassen. Würde Putin dies geschehen lassen, würde er sich und seine Verbündeten gravierender Gefahr aussetzen. Putin hatte es letztes Jahr sehr schwer, seine Entscheidung zu verteidigen, das russische Militär nicht nach Neurussland zu entsenden, die meisten Russen stimmten damit überein, aber es war eine intensive PR-Kampagne erforderlich und eine Menge Überzeugungsarbeit. Die Unterstützung von 80%+ für Putin ist außergewöhnlich und stark, aber sie ist nicht bedingungslos und während die pro-westliche „liberale“ Opposition keine Gefahr für ihn darstellt, ist die nationalistische Opposition aktuell nur deshalb ziemlich schwach, weil Putin eine sehr vorsichtige Politik betreibt. Sobald er jedoch Neurussland „ausverkaufen“ oder sich plötzlich zu einem Pro-Westler wandeln würde, könnte die derzeit zahme nationalistische Opposition sehr gefährlich werden. Tatsächlich, da es der „patriotische“ (allerdings nicht-nationalistische – großer Unterschied!) Teil der Bevölkerung ist, der Putins wahre Machtbasis darstellt, sehe ich ihn nichts tun, diese zu entfremden, speziell nicht indem er es den Nazis erlauben würde, Neurussland einzunehmen.

Es gibt noch einen pragmatischen Grund, weshalb die Russen den Kiewer Nazis nicht erlauben können, Neurussland zu überrennen: Nicht nur würde sich ihre nächste Attacke unweigerlich gegen die Krim richten (sie haben es bereits vielfach versprochen!). In die Gefechte in Neurussland würden die russischen Streitkräfte sehr wahrscheinlich in irgendeiner Weise hineingezogen werden.

Die Quintessenz lautet: Russland wird niemals eine “Operation Sturm” in Neurussland zulassen.

Der zweite große Unterschied liegt im Terrain und den beteiligten Kräften. Die Serben in den UNPAs hatten ihre schweren Waffen abgegeben, das Terrain bestand entweder aus niedrigem Bergland oder engen Tälern und, am allerwichtigsten, sie hatten keine „sichere Grenze“ über welche hinweg sie hätten unterstützt und versorgt werden können (wie die Afghanen mit Pakistan während der sowjetischen Besatzung). Weiterhin haben die Neurussen einen langwierigen und schmerzlichen Prozess der Transformation ihrer Freiwilligen-Miliz in eine reguläre Armee vollzogen und obwohl dies nicht einfach war, kann man letztlich sagen, er war scheinbar ziemlich erfolgreich. Erinnern wir uns daran, dass die Milizen bereits vor den Reformen ziemlich erfolgreich in allen ihren Operationen waren und dass es ihrer Luftverteidigung sogar gelang, eine Flugverbotszone über dem Donbass durchzusetzen.

Ihre größte Schwäche war ihre begrenzte Fähigkeit zu koordinierten Angriffen und Gegenangriffen, aber das hat sich inzwischen geändert. Nicht nur das. Sie verfügen nunmehr über umfangreiche Waffenlager, reichlich Ausrüstung und mehr als genug Kämpfer. Im Endeffekt sind die Neurussen nun wahrscheinlich in der Lage, Operationen kombinierter Waffengattungen durchzuführen.

Als die USA die Serben in der Krajina bombardierten, verfügten sie über die Lufthoheit, waren mit keinerlei Luftabwehr konfrontiert, die Anzahl der Ziele, um die sie sich kümmern mussten, war begrenzt und die Serben, verraten von allen, hatten keinen Willen, den Kampf fortzusetzen. Die Ukrainer haben den Großteil ihrer Luftwaffe verloren, die potenziellen Ziele, die sie anzugreifen hätten, sind zahlreich und werden sehr gut verteidigt.

Zu guter Letzt befinden sich mindestens zwei Großstädte in Neurussland, Donetsk und Lugansk. Diese Städte sind groß, leicht zu verteidigen, sehr gut vorbereitet und fähig über einen langen Zeitraum zu widerstehen. In der serbischen Kajina gab es solche Städte nicht.

Zurück zur Realität

Die Ähnlichkeiten zwischen dem kroatischen und dem ukrainischen Bürgerkrieg sind ebenso offenkundig wie trügerisch. Unter rein militärischen Gesichtspunkten würde die Eroberung Neurusslands durch die Kiewer Junta unendlich schwieriger als die relativ einfache kroatische Operation zur Invasion der Krajinas.

So wie die bedeutende US-Unterstützung weder den Georgiern wirklich von Nutzen war, so konnte diese auch bei all den anderen US-Verbündeten, die überhäuft wurden mit schweren Waffen, mit von der CIA organisierten Killerkommandos, mit vollumfänglicher propagandistischer Schützenhilfe des US-Medienapparates, am Ende ihre Niederlage nicht verhindern. Ebenso erwies sich der Einsatz der US-Streitkräfte als letztes Mittel der Wahl selten als effektiv gegenüber Volksaufständen.

Verstehen die Ukrainer und die Amerikaner, dass eine Operation wie in der Krajina im Donbass unmöglich ist? Letztere wahrscheinlich schon, speziell die Spezialisten des Militärs. So wie sie sich jedoch grundsätzlich nicht um die Ukrainer scheren, so kümmert sie auch das nicht. Für sie geht es vor allem um Täuschung, darum einen Grund zu erhalten, der ihre Aktionen rechtfertigt, während sie versprechen, „die Moskal’s mit der Unterstützung der USA und der NATO zu schlagen”. Ob das wirklich passiert oder nicht, ist nicht wichtig. Das einzige was zählt, ist, die guten Zeiten (für sie natürlich) solange wie möglich weitergehen zu lassen. Und wenn das Unvermeidliche geschieht, dann türmen sie, wie so viele andere US-Lakaien in der Vergangenheit, vom Schah von Iran bis zu Ferdinand Marcos.

Für die nächste Zeit sollten wir uns jedoch keinen Illusionen in Bezug auf die unmittelbare Zukunft hingeben: Die Junta Streitkräfte werden wieder angreifen und außerdem wird ihre nächste Offensive wahrscheinlich sehr viel effektiver als die vorige. Sie werden erneut geschlagen werden, entweder durch die Neurussen oder das russische Militär.

Der Saker