Ostring gegen Balkan Stream: die Schlacht um Griechenland

Andrew Korybko

Russland hat nicht geblufft, als es sagte, Turkish Stream würde nach 2019 die einzige Route für aus der Ukraine umgeleitete Gaslieferungen sein, und nachdem die EU sich sechs kritische Monate lang mit Unglauben die Zeit vertrieben hat, ist sie nun zu Sinnen gekommen und versucht verzweifelt, eine geopolitische Alternative aufzutreiben. Nachdem klar ist, dass dass für absehbare Jahrzehnte ihr Gasbedarf aus keiner anderen Quelle als Russland gedeckt werden kann (unabhängig von aller transatlantischen Rhetorik), will die EU die multipolaren Folgen der russischen Pipeline-Pläne so weit abzumildern, wie sie es vernünftigerweise kann. Russland will Turkish Stream durch Griechenland, Mazedonien und Serbien verlängern, in einem Projekt, dass der Autor zuvor bereits „Balkan Stream“ getauft hat, während die EU die Route durch den zentralen Balkan streichen will und durch eine durch den östlichen Balkan ersetzen, über Bulgarien und Rumänien, die sogenannte „Ostring“-Linie.

Obwohl der Ostring theoretisch kaspisches Gas durch die TAP-Pipeline weiterleiten könnte, ist der in letzter Zeit meistdiskutierte Vorschlag, ihn stattdessen an Turkish Stream anzuschliessen, vermutlich weil die dort als möglich vorhergesagten 10-20 Milliarden Kubikmeter jährlich (die Reserven Aserbeidschans mögen nicht ausreichen, ohne Turmenische Unterstützung der Nachfrage gerecht zu werden, was im Moment alles andere als sicher ist) vor den von letzterer garantierten 49 Milliarden Kubikmeter verblassen. Wenn Europa beabsichtigt, den Ostring mit Turkish Stream zu verbinden, dann würde die russische Gaslieferung den Kontinent erreichen, gleich, welche Route beteiligt ist (die durch den zentralen oder die durch den östlichen Balkan), was für Russland eine win-win-Situation ist… vermutlich. Die strategischen Unterschiede zwischen dem Ostring und dem Balkan Stream sind tatsächlich ziemlich weitgehend, und in Verbindung mit dem unausgesprochenen Motiv, das durch den Vorschlag der EU, den Ostring und Turkish Stream zu verbinden, enthüllt wird, muss eine tiefere Analyse von all dem stattfinden, ehe man zu einem voreiligen Schluss kommt, der Ostring sei zu wechselseitigem Vorteil.

Der Artikel beginnt damit, die hinter Ostring und Balkan Stream stehenden strategischen Differenzen zu benennen. Nachdem das geklärt ist, nutzt er die erreichten Einsichten, um die Absichten Brüssels zu deuten und die unausgesprochene regionale Vorhersage den Balkan betreffend. Schliesslich befasst er sich kurz mit der verlängerten griechischen Schuldenkrise, um zu zeigen, wie die gegenwärtigen Unruhen in der hellenischen Republik in einen westlichen Versuch umgeschlagen sind, Tsipras indirekt aus dem Amt zu zwingen, um ihn für die Zusammenarbeit seines Landes mit Russland auf dem Gebiet der Energie abzustrafen.

Strategische Unterschiede

Man würde sich völlig täuschen, nähme man an, der Ostring und Balkan Stream seien strategisch ähnliche Projekte, denn selbst wenn sie beide letztlich russisches Gas nach Europa bringen, folgen sie zwei völlig unterschiedlichen langfristigen Visionen aus Sicht ihrer jeweiligen europäischen und russischen Unterstützer.

Ostring:

Die EU stellt sich vor, diese vorgeschlagene Route würde alle geopolitischen Vorteile auslöschen, die Russland womöglich durch Balkan Stream erlangen könnte (die gleich beschrieben werden), und die Pipeline auf nichts mehr als eine nackte Röhre für Erdgas ohne jegliche Auswirkungen oder Einflüsse verringern. Dieses Ziel wird durch die schlichte Tatsache erreicht, dass die Pipeline durch Bulgarien und Rumänien verläuft, zwei verlässliche Mitglieder von EU und NATO, deren politische Elite fest im unipolaren Orbit kreist. Als zusätzliche Absicherung, damit Russland den Ostring niemals für irgendwelche beabsichtigten multipolaren Zwecke nutzen kann, beabsichtigen die USA die Vorverlagerung von ausreichend schweren Waffen und Ausrüstung für750 Mann in beide Länder des östlichen Balkan, was den Schwarzmeerblock innerhalb der NATO, der schon in den letzten Jahren aufgebaut wurde, weiter stärkt. Wenn es den USA gelänge, Balkan Stream zu sabotieren und damit Russland zu zwingen, sich dem Ostring als einzig realistischer südosteuropäischer Variante, Gas nach Europa zu bringen, zu beugen, dann wäre Moskau in einer geradeso erbärmlichen strategischen Position, was seine Energielieferungen angeht, wie es im Vertrauen auf die US-kontrollierte Ukraine wäre, womit der gesamte Zweck der Balkan-Achse von Anbeginn negiert wird.

Balkan Stream:

Die Russen nähern sich der Frage der Pipelines aus genau der entgegengesetzten Richtung wie die Europäer, indem sie den geopolitischen Nutzen dahinter verstehen und versuchen, solche Infrastrukturinvestitionen als strategische Instrumente zu nutzen. Balkan Stream kann als multipolare Gegenoffensive ins Herz Europas verstanden werden, und genau aus diesem Grund ist Russland gar nicht geneigt, auf den Ostring als seine einzige Südosteuropäische Energie-Route in die EU zurückzufallen. Moskau plant, Balkan Stream als Magnet zu nutzen, um investitionen der BRICS auf dem Balkan anzuziehen und die chinesische Balkan-Seidenstrasse von Griechenland nach Ungarn zu ergänzen. Daher ist es kein Zufall, dass der von Amerika unterstützte albanische Terrorismus nach einem ein Jahrzehnt anhaltenden Winterschlaf in die Region zurückgekehrt ist und genau die Republik Mazedonien ins Visier genommen hat, das Nadelöhr des Balkan Stream. Russland setzt auf die Strecke durch den Zentralbalkan für seine Energie-Route, weil es weiss, dass Serbien und Mazedonien, die beide keine NATO- oder EU-Mitglieder sind, nicht so direkt von der unipolaren Welt dominiert werden können, wie die bulgarischen und rumänischen US-Satelliten, und es sieht auch Griechenland als ‘Joker’, das kurz davor steht, die Gunst seiner westlichen Herren zu verlieren. Diese Faktoren wiederum machen die Balkan Stream Strecke extrem attraktiv für die russischen Geostrategen, die zutreffend erkennen, dass die drei Staaten entlang dieser Strecke (Griechenland, Mazedonien und Serbien) die Achillesferse der unipolarität in Westeurasien darstellen, die, wenn man ihr den richtigen Schubs gibt, zum möglichen Zusammenbruch der ganzen Struktur führen kann.

Brüsseler Gedanken lesen

Die schiere Tatsache, dass die EU den Ostring als möglichen Bestandteil von Turkish Stream vorschlägt, enthüllt eine ganze Menge darüber, was Brüssel im Augenblick gerade denkt. Sehen wir einmal an, was zwischen den Zeilen gesagt wird:

Russisches Gas ist ein Muss

Brüssel erkennt an, dass es auf die eine oder andere Art russisches Gas erhalten muss, und dass der südliche Gaskorridor allein wohl kaum den zukünftigen Verbrauchsbedarf der EU abdecken kann (sowohl für die EU als Ganzes als auch für die Balkanregion insbesondere) Die USA verstehen ebenso, dass das der Fall ist, daher wollen sie ein Drehbuch inszenieren, in dem Russland gezwungen ist, sich auf die unipolar beherrschte Strecke durch den Ostbalkan zu verlassen, damit das Projekt von jedem Überrest an multipolaren Einflüssen gereinigt ist und Washington weiter auf unbestimmte Zeit den Fluss russischer Ressourcen nach Europa kontrollieren kann.

Unipolare Verletzlichkeit im Zentralbalkan

Der proaktive Vorschlag, dass der Ostbalkan eine alternative Pipelinestrecke zum Balkan Stream sein könnte, unterstellt, dass der Westen zugibt, dass seine unipolare Strategie durch eine russische Leitung durch den Zentralbalkan gefährdet werden kann. Weil eine erfolgreiche Errichtung von Balkan Stream eine Stärkung der geostrategischen Stellung Serbiens bedeuten würde, da es zum regionalen Energieknoten aufsteigt. Belgrad könnte dann diesen Vorteil umsetzen, indem es langsam und strategisch (nicht politisch) die Gebiete des ehemaligen Jugoslawien reintegriert, wenn auch unter dem indirekten multipolaren Einfluss Russlands.

Im Ergebnis würde der Balkan, die europäische Region, die sich bisher unzweifelhaft am hässlicheren Ende des euroatlantischen Knüppels wiederfand, eine attraktive nichtwestliche Gelegenheit für eine gemeinsame Entwicklung mit den BRICS erhalten. Der russische Balkan Stream würde ihnen sichere Energieversorgung gewährleisten, während die chinesische Balkan-Seidenstrasse ihnen den Zugang zu dem grösseren Weltmarkt garantieren würde, und damit den wirtschaftlichen Würgegriff gefährden, in dem die EU die Halbinsel bisher hält. Wenn Europa den Balkan-Staaten nicht länger wirtschaftlich verlockend erscheint (seine kulturelle und politische Attraktivität ist dank der „Schwulenehe“ und Brüssels exzessiven Schikanen der letzten Jahre Vergangenheit), dann verliert es den letzten Halt seiner „soft Power“, und die BRICS werden zum einzigen alternativen Model, das diese Region nutzen würde, um einen multipolaren Brückenkopf bis tief ins Herz des Kontinents zu errichten, ehe irgend jemand bemerkt, was geschieht.

Griechische Unzuverlässigkeit

Die EU sieht in Griechenland, zumindest unter seiner jetzigen Führung, kein verlässliches geopolitisches Werkzeug für ihre Interessen. Während eine aus Aserbeidschan stammende Pipeline durch das politisch schwierige Land akzeptabel ist, ist eine russische es nicht, da sie als Ausgangspunkt für weitere multipolare Eingriffe im Zentralbalkan dienen kann, die einen raschen Rückgang des Brüssler Einflusses auf dem Balkan auslösen würden (wie in dem obigen Szenario beschrieben). Wenn Griechenland völlig unter unipolarer Kontrolle wäre, oder der Westen den sicheren Eindruck hätte, dass dies 2019 so sei, dann wäre es nicht nötig, das Land aus der Mischung zu nehmen. Obwohl die Möglichkeit besteht, dass ein Stück griechischen Gebiets genutzt würde, um zwischen dort und Bulgarien die Verbindung herzustellen, die für den Ostring erforderlich ist, ist das nicht das Gleiche wie eine Pipeline, die sich durch die Hälfte des griechischen Nordens zieht und sich entlang einer Route fortsetzt, die ausserhalb der unipolaren Kontrolle liegt.(anders als die vorgeschlagene bulgarische Alternative). Der Ostring-Vorschlag sagt also eine Menge über die düsteren geopolitischen Aussichten aus, die Brüssel in Hinsicht auf eine fünfjährige Prognose zu Griechenland hat, obwohl dies gleichzeitig auch als Bestätigung der multipolaren Gelegenheit gelesen werden kann, die Russland schon zuvor in diesem Land gesehen hat.

Stellvertreterkriege auf dem Balkan:

Mehr als alles andere kann der Brüsseler Vorschlag des Ostrings als verzweifelter Ausweichplan gedeutet weren, der die dringend benötigten russischen Gaslieferungen auch in dem Fall sichert, wenn die USA die zentrale Halbinsel des Balkan durch eine Serie destabilisierenden Stellvertreterkriege unpassierbar machen. Wie schon weiter oben erklärt, braucht die EU das russische Gas auf jeden Fall (etwas, das die USA zähneknirschend eingestehen), so dass sie einen Ausweichplan auf dem Tisch liegen haben muss, nur für den Fall, dass Balkan Stream etwas zustösst. Die russische Staatskasse braucht die Einnahmen, während die europäischen Fabriken das Gas brauchen, also ist es eine natürliche Beziehung zum wechselseitigen Vorteil, wenn beide Parteien über die eine oder andere Route miteinander kooperieren. Der Streit beruht darauf, welche genaue Strecke das russische Gas nehmen wird, und die USA werden alles in ihrer Macht stehende tun, um sicherzustellen, dass sie durch den unipolar kontrollierten östlichen Balkan verläuft und nicht durch den multipolar empfänglichen Zentralbalkan. Daher ist die „Schlacht um Griechenland“ die letzte Folge dieser Saga, und die zukünftige Route der russischen Gaslieferungen nach Europa hängt gerade in der Schwebe.

Eine (griechische) Weggabelung

Obwohl die Schuldenkrise schon lang ein Thema war, ehe der Balkan Stream überhaupt erdacht wurde, ist sie nun aufs innigste mit dem Energiedrama des neuen Kalten Kriegs verwoben, das sich auf dem Balkan entfaltet. Die Troika will Tsipras zwingen, vor einem unpopulären Schuldenhandel zu kapitulieren, der sicherlich zu einem raschen Ende seiner Regierung führen würde. Gerade jetzt ist der Hauptfaktor, der Griechenland und den Balkan Stream verbindet, die Regierung Tsipras, und es ist im besten Interesse Russlands und der multipolaren Welt, ihn im Amt zu halten, bis die Pipeline tatsächlich errichtet ist. Jede plötzliche oder unerwartete Veränderung der griechischen Führung könnte die politische Umsetzbarkeit von Balkan Stream in Frage stellen und Russland zwingen, sich auf den Ostring zu verlassen, und aus diesem Grund will die Troika Tsipras in ein unauflösbares Dilemma stürzen.

Wenn er die jetzigen Kreditbedingungen akzeptiert, dann verliert er die Unterstützung seiner Basis und löst vermutlich baldige Neuwahlen aus oder wird zum Opfer einer Revolte in der eigenen Partei. Andererseits könnte, sollte er den Vorschlag ablehnen und eine griechische Pleite zulassen, die daraus entstehende wirtschaftliche Katastrophe jede Unterstützung von unten für ihn und seine politische Karriere vorzeitig beenden. Daher war die Entscheidung, über den Schuldendeal ein nationales Referendum abzuhalten, ein solch genialer Schachzug, da er sicherstellt, dass Tsipras eine Chance hat, den herannahenden politisch-wirtschaftlichen Feuersturm mit Hilfe des demokratisch erzielten Ergebnisses zu überleben (die eine Zurückweisung der Schuld und den unmittelbaren Bankrott vorherzusagen scheinen). Mit dem Volk an seiner Seite (gleich, wie knapp), könnte Tsipras weiter an Griechenlands Spitze stehen, während es in eine ungewisse und verstörende Zukunft kriecht. Zusätzlich könnte seine fortgesetzte Verantwortung für das Land und die persönliche Chemie zwischen ihm und den BRICS-Führern (besonders Wladimir Putin) dazu führen, dass sie Griechenland irgendwie wirtschaftliche Unterstützung gewähren (vermutlich durch die 100 Milliarden Dollar schwere neue BRICS Entwicklungsbank oder einen Reservepool von vergleichbarer Größe), vermutlich nach ihrem anstehenden Gipfel in Ufa Anfang Juli, vorausgesetzt, er kann sich bis dahin an der Spitze halten.

Daher hängt die Zukunft der Energie-Geopolitik auf dem Balkan derzeit völlig davon ab, was in naher Zukunft in Griechenland geschieht. Während es möglich ist, dass ein anderer griechischer Premierminister als Tsipras Balkan Stream weiter fortsetzen könnte, ist die Wahrscheinlichkeit doch deutlich geringer, als wenn Tsipras im Amt bleibt. Die Bedingungen für seine Entfernung zu schaffen, ist der indirekte Weg, durch den die USA und die EU vorzugsweise den Kurs der zukünftigen Energielieferungen Russlands durch den Balkan beeinflussen wollen, daher wird im Moment solcher Druck auf Tsipras ausgeübt. Das von ihm vorgeschlagene Referendum hat sie alle kalt erwischt, da wirkliche Demokratie in Europa heutzutage praktisch unbekannt ist, und niemand damit rechnete, dass er seine Wähler direkt befragt, ehe er eine der wichtigsten Entscheidungen der letzten Jahrzehnte für das Land trifft. Auf diese Weise kann er der Catch-22-Falle entgehen, die die Troika für ihn errichtet hat, und indem er dies tut, auch die Zukunft für Balkan Stream sichern.

Abschliessende Gedanken

Es steckt mehr in dem Vorschlag des Ostrings, als auf den ersten Blick zu erkennen ist, daher war es nötig, die strategischen Motive dahinter aufzulösen, um seine asymetrischen Folgen besser zu verstehen. Es ist klar, dass die USA und die EU die geopolitischen Möglichkeiten, die Balkan Stream eröffnen würde, um in der Region die Multipolarität zu fördern, neutralisieren wollen, was ihren gemeinsamen Ansatz erklärt, ihn zu stoppen. Die USA entfachen die Flammen des gewaltsamen albanischen Nationalismus in Mazedonien, um die beabsichtigte Strecke von Balkan Stream zu blockieren, während die EU praktischerweise eine alternative Route durch den unipolar kontrollierten östlichen Balkan vorschlägt, als den vorherbestimmten ‘Ausweg’ für Russland. Beide euro-atlantischen Kräfte haben sich miteinander verschworen, indirekt die griechische Regierung durch eine eingefädelte Wahl oder einen inneren Putsch zu stürzen, um Tsipras aus dem Amt zu entfernen, wohl wissend, dass dieser einzelne Zug dem Balkan Stream den schwersten und unmittelbarsten Schlag versetzen würde. Während es nicht klar ist, was womöglich mit Tsipras oder den russischen Pipeline-Plänen geschehen wird, ist es nicht zu leugnen, dass der Balkan einer der Hauptbrennpunkte dieses neuen Kalten Krieges geworden ist, wiederholt bereits, und die Konkurrenz zwischen der unipolaren und der mulitpolaren Welt auf diesem geostrategischen Schauplatz hat eben erst begonnen.