Eine russische Militärintervention in Syrien? Ich bezweifle das sehr

vom Saker

A Russian military intervention in Syria? I very much doubt it

Das Internet wird geflutet mit Berichten über eine russische Militärintervention in Syrien. Das alles begann mit einem Artikel von Thierry Meyssan im Voltaire Net und jetzt hat es dieses Gerücht bis Zero Hedge geschafft. Schließlich hat die israelische Webseite Ynet sich auch den Gerüchtekochern angeschlossen. Hier sind die zwei Hauptbehauptungen, die diese Quellen aufstellen:

  1. Russland hat gerade eine russisch-syrische Kommission geschaffen und angefangen, Waffen zu liefern, Aufklärungserkenntnisse zu teilen und Berater zu schicken. All das ist mehr oder weniger mit dem Weißen Haus abgesprochen.
  2. Russland hat seine Militärintervention in Syrien begonnen und ein Luftwaffenkontingent an einen dauerhaften Stützpunkt in Syrien entsandt, um Angriffe gegen ISIS und islamistische Rebellen zu beginnen; die USA schweigen dazu.

Interessant an diesen Gerüchten ist, dass sie aus zwei sehr unterschiedlichen Quellen stammen. Meyssan erhält seine Informationen aus syrischen Quellen, während Ynet „westliche diplomatische Quellen“ zititert.

Schließlich, ich gebe gerne zu, dass es einen Grund für eine russische Intervention in Syrien geben könnte: die russischen Sicherheitsexperten sind sich einig darin, dass die USA planen, Daesh (aka ‘ISIS’) eventuell gegen Russland zu richten, und dies ist einer der Gründe, warum es so wichtig ist, die Syrer zu unterstützen: es ist besser, in Syrien gegen Daesh zu kämpfen als in Südrussland.

Also ist das Gerücht über eine russische Intervention zumindest glaubwürdig. Und dennoch glaube ich es nicht.

Ich gebe gerne zu, dass ich es nicht widerlegen kann, und dass ich keinerlei privilegierten Zugang zu irgendwelchen besonderen russischen Quellen habe. Alles, was ich bieten kann, sind meine Mutmaßungen und nichts weiter, und es ist gut möglich, dass ich mich irre. Aber wo das jetzt gesagt ist, hier meine persönliche Reaktion auf dieses Gerücht.

Zuerst, ich glaube nicht, dass es viel öffentliche Unterstützung in Russland gibt für einen Militäreinsatz im Ausland. Es ist eine Sache, bereit zu sein, sein Land oder seine Bürger zu verteidigen, wenn sie direkt angegriffen werden (wie am 08.08.08), und eine völlig andere, 1 200 km von der Staatsgrenze entfernt einzugreifen. Und wir reden hier nicht nur von irgendwo, 1 200 km entfernt von Russland, sondern tief innerhalb von den USA kontrollierten Gebiets: die USA kontrollieren die Türkei über die NATO und den gesamten Nahen Osten (Iran ausgenommen) über CENTCOM. Erinnert ihr euch daran, als die russischen Fallschirmjäger aus Bosnien nach Kosovo gingen und den Flughafen Pristina übernahmen? Russland konnte sie nicht mit Nachschub versorgen, weil die USA den gesamten Luftraum zwischen Russland und Serbien tatsächlich kontrollierten. Die Lage ist heute in dieser Hinsicht ähnlich, dass eine Nachschubversorgung und Unterstützung eines russischen Kontingents in Syrien weitgehend vom guten Willen der USA abhängig wäre. Ja, die Russen könnten auch ihre Marine nutzen, um irgendein russisches Kontingent über das Mittelmeer mit Nachschub zu versorgen und zu unterstützen, aber das wäre sehr zeitaufwendig und schwierig. Ich habe es schon oftmals auf diesem Blog gesagt: das russische Militär ist nicht dafür geschaffen, weiter als etwa tausend Kilometer von der russischen Grenze entfernt eingesetzt zu werden, und eine Militärintervention in Syrien würde, auch wenn sie möglich ist, diese selbstgesetzte Begrenzung sehr weit dehnen.

Zweitens, während der erste Teil des Gerüchts (Berater senden, Erkenntnisse teilen und Waffen liefern) keine größere Festlegung Russlands darstellt, würde der zweite Teil des Gerüchts für eine größere politische und militärische Festlegung Russlands stehen.

Russland hat immer noch sehr schmerzhafte und, ich würde sagen, traumatische Erinnerungen daran, wie ein „begrenzter militärischer Eingriff“ aussieht. Schließlich wurde genau so die sowjetische Militärintervention in Afghanistan der russischen Öffentlichkeit präsentiert, als „begrenzter militärischer Eingriff“, um ein befreundetes Land vor Subversion, ausländischem Eingreifen und Destabilisierung zu schützen. Wie unterscheidet sich das von dem, was heute in Syrien geschieht?

„Begrenzte militärische Eingriffe“ haben eine starke Neigung, zu einer unbegrenzten Eskalation zu führen, und die Russen sind sich dessen sehr bewusst. Ich glaube sehr, dass der russische Rückzug aus Georgien nach dem 08.08.08 vor allem durch diese Wahrnehmung erklärt wird: die Russen hätten leicht in ganz Georgien einmarschieren können (das georgische Militär hatte bereits aufgehört, zu existieren, und es gab nichts, das zwischen den russischen Fallschirmjägern und Tiflis stand), in 24 Stunden oder weniger, und dennoch entschieden sie sich, anzuhalten und umzukehren. Und als die Russen die Unabhängigkeit von Abchasien und Südossetien anerkannten, zogen sie immer noch den Großteil ihrer Kräfte aus diesen beiden Republiken ab und arbeiteten hart daran, die Hautverantwortung für die Verteidigung dieser beiden Länder den Einwohnern zu übergeben. Die selbe Herangehensweise wurde in Tschetschenien angewandt, wo Russland ein starkes und fähiges Kontingent des Bundesmilitärs hat, aber 99% der Verantwortung für die Sicherheit bei dortigen, tschetschenischen, Kräften liegt.

In rein militärischen Begriffen macht vieles, was diese Gerüchte behaupten, keinen Sinn für mich. Beispielsweise erwähnten Meyssan und Ynet beide die Entsendung von MIG-31 nach Syrien. Das Problem dabei ist, dass die MIG-31 ein reiner Abfangjäger ist, der entwickelt wurde, um den russischen Luftraum vor einem Angriff der US-Luftwaffe zu schützen, der niedrig fliegende Cruise Missiles und strategische Bomber mit einschließt. Als Waffe zur Aufstandsbekämpfung ist die MIG-31 schlicht nutzlos. Ja, die sechs MIG-31, die den Gerüchten zufolge nach Syrien geschickt werden, wären eine beeindruckende Abschreckung gegen jedes Flugzeug der USA, der NATO, der Türkei oder Israels, in den syrischen Luftraum einzudringen, aber genau das ist der Grund, warum ich von diesen Ländern einen zutiefst empörten und entschlossenen Protest gegen eine solche Lieferung erwarten würde, statt eines „mehr oder weniger“ in Absprache oder ein „Schweigen“. Es wäre weit logischer, SU-24 und SU-25 nach Syrien zu schicken, wenn es das Ziel wäre, die syrische Armee bei ihren Einsätzen gegen Daesh zu unterstützen. Aber diese Gerüchte erwähnen diese Flugzeuge nicht.

Schließlich spricht Ynet von einem größeren Militäreinsatz. Hier ein Zitat aus dem Artikel:

„Eine russische Expeditionstruppe ist bereits in Syrien eingetroffen und hat ihr Lager auf einem von Assad kontrollierten Luftwaffenstützpunkt aufgeschlagen. Der Stützpunkt soll im Gebiet um Damaskus liegen und wird, für alle Zwecke und Ziele, als russischer Brückenkopf dienen. In den kommenden Wochen sollen tausende russische Militärs in Syrien landen, darunter Berater, Ausbilder, logistisches Personal, technisches Personal, Mitglieder der Luftabwehrdivision, und die Piloten, die die Flugzeuge fliegen werden.“

Ein kurzer Blick auf die neuesten Nachrichten aus Syrien wird euch verraten, dass Daesh bereits in den Vororten von Damaskus aktiv ist. Also wo genau sollte Russland seine „tausenden Militärs“ in der Gegend um Damaskus einsetzen? Das macht überhaupt keinen Sinn.

Seit die Krise in Syrien begonnen hat, habe ich es wiederholt, dass die Russen nicht, ich wiederhole, nicht kommen! (Hier, hier und hier) und bis jetzt sind die Russen nicht aufgetaucht. Natürlich ist es möglich, dass sie es dieses Mal tun. Und noch einmal, der erste Teil des Gerüchts, über die Entsendung von Beratern, das Teilen von Erkenntnissen und die Lieferung von Waffen macht Sinn für mich. Aber die Vorstellung, dass es irgendwie den Verlauf des Bürgerkriegs ändern würde, wenn Russen von Damaskus aus MIG-31 fliegen, macht in meinen Augen gar keinen Sinn. Noch die Vorstellung von „Tausenden“ Russen, die in Syrien eingesetzt werden. Tatsächlich haben, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, die Russen ihre Bürger aus diesem Land evakuiert, nicht mehr davon hineingeschickt.

Noch einmal, alles ist möglich, und ich kann es nicht widerlegen. Vielleicht hat dieses Mal der Kreml beschlossen, dass eine größere militärische Bemühung gegen Daesh nötig ist. Und vielleicht haben die USA nicht widersprochen. Aber die logische Entfernung zwischen „möglich“ und „wahrscheinlich“ ist ziemlich groß, und zumindest zu diesem Zeitpunkt und mit den Informationen, die ich habe, sehe ich keinen Grund, bei diesen Gerüchten nicht im Wunsch den Vater des Gedankens zu sehen.

Der Saker