Der Tag der Enten

An manchen Tagen fliegen sie nicht weit, die Presseenten. Heute scheint so ein Tag zu sein.

Das erste Federvieh, das sich eher als flugunfähige Dronte erwies, war die gestrige Meldung, russische Flugzeuge hätten Aleppo bombardiert und dabei zwei Krankenhäuser getroffen. Quelle dieser Meldung war der Pressesprecher des Pentagon. Nun ist es ziemlich leicht, Journalisten, die sich inzwischen jede Frage nach Belegen abgewöhnt haben und Sprüche wie “können wir nicht zeigen, ist alles geheim” klaglos schlucken, an der Nase herum zu führen. Nur in diesem Fall hat sich das russische Verteidigungsministerium die Mühe gemacht, selbst zu kontern – mit der Bemerkung, es seien amerikanische Flugzeuge gewesen, die Aleppo bombardiert hätten. Und mit dem freundlichen Angebot, man könne ja gerne die Informationen über das, was die Amerikaner und ihre Verbündeten so treiben, in einer zweiten Pressekonferenz mitliefern:

Die zweite Ente, die heute ein Unglück ereilte, ist schon etwas älter – der ZDF-Propagandaschinken “Machtmensch Putin”. Nachdem bereits zweimal auf RT insbesondere die Passage zerlegt wurde, in der ein vermeintlicher russischer Freiwilliger im Donbass gezeigt und interviewt wurde, hat jetzt auch der Stern nachgesetzt und bestätigt, dass die Fälschung eine Fälschung ist. Genauer gesagt, er interviewt zwei Journalisten, die für das Magazin des Deutschen Journalistenverbandes zu diesem Film nachrecherchiert haben.

Moritz Gathmann, einer der beiden, hat sich sogar die Mühe gemacht (ja, für bundesdeutsche Medien ist das schon ein heldenhafter Aufwand), das Detail zu recherchieren, dass Motorolas Einheit “Sparta” zum im ZDF-Film angegebenen Zeitpunkt (Mai 2014) gar nicht in Donezk war. Dem ZDF, das beteuert, alle Details des Films mehrmals überprüft zu haben, ist selbst das nicht aufgefallen. Was deutlich erkennen lässt, dass sich dort niemand befindet, der tatsächlich die Kämpfe im Donbass von Anfang an verfolgt hat; “Sparta” ist immerhin eine der bekanntesten Einheiten, vor allem wegen Motorola, und Motorola wiederum war sogar der BILD aufgefallen, spätestens bei seiner Hochzeit. Allerdings ist selbst diese Nachrecherche nicht gründlich. “So berichtet er etwa, dass er schon am 30. Mai in dem Bataillon Sparta gekämpft hat. Aber dieses Bataillon ist erst im August in Erscheinung getreten.” Eine Einheit unter dem Kommando Motorolas gab es bereits in Slawjansk. Fotos aus dieser Zeit finden sich hier. Sollte das ZDF wissen wollen, wann das Batallion “Sparta” wo war – aus dem Mai vergangenen Jahres gibt es ein Video (mit englischen Untertiteln), in dem Motorola durch das kleine Museum der Einheit führt; bei Minute 3:48 findet sich eine Liste, auf der die Einsatzorte mit Daten verzeichnet sind. Als erster “Einsatzort” findet sich übrigens Kharkow mit dem Datum 14. März.

Am 14. März 2014 gab es in Kharkow den ersten massiven Zusammenstoß mit dem Rechten Sektor. Am Wochenende zuvor waren am Rande einer Anti-Maidan-Demonstration Leute des Rechten Sektors aufgetaucht und hatten in die Menge geschossen, allerdings noch ohne dass es zu Verletzten kam. Zu dieser Zeit wurde das Lenin-Denkmal in Kharkow kontinuierlich bewacht; und am Abend des 14. erkannten die jungen Leute, die das Denkmal bewachten, den Wagen wieder, in dem die Angreifer des Rechten Sektors gekommen waren. Einer von ihnen verfolgte den Wagen auf dem Motorrad, um herauszufinden, wo die Nazis sich niedergelassen hatten, und eine ganze Reihe weiterer Aktivisten folgte zur dann erkundeten Adresse.

Dort wurden sie dann mit Molotow-Cocktails empfangen und unter Beschuss genommen; zwei Kharkower Antifaschisten kamen an diesem Tag ums Leben. Die Leute des Rechten Sektors wurden von der Kharkower Polizei zwar festgenommen, aber gleich am nächsten Morgen wieder freigelassen. An diesem Tag, so erklärte Motorola einmal in einem Interview, sei ihm klar geworden, dass das Problem nur bewaffnet zu lösen sei, und darum gilt dieses Datum als der Gründungstag von “Sparta”.

Zugegeben, diese Liste der Einsatzorte ist kyrillisch, nicht lateinisch geschrieben; dennoch, das Video taucht ziemlich weit oben auf, wenn man mit der Kombination “Sparta” und “Motorola” sucht. Es mangelte dem ZDF also entweder an den Fähigkeiten oder am Willen, die Fakten tatsächlich zu überprüfen.

Schlimmer ist allerdings tatsächlich, dass nichts davon heute noch zu einem Skandal wird. Auch Gathmann und Kireev wollen keinesfalls die Gesamtlinie des Films in Zweifel ziehen: “Die ganze Machart des Films, die Musik, die Bebilderung, die Einseitigkeit der Personen, die dafür interviewt worden sind, geht schon ziemlich stark ins Propagandistische. Aber in den wichtigsten Punkten sind die Aussagen natürlich richtig.” Natürlich? Ohne irgendwie belegt zu sein? Weshalb auch weder der Interviewer des Stern noch die beiden Zeit damit verschwenden, irgendwelche Konsequenzen zu fordern….

Der Artikel, den die beiden im Magazin des DJV veröffentlicht haben, müht sich sogar noch stärker, das ZDF in Schutz zu nehmen und letztlich eine Geschichte über den bösen russischen FSB daraus zu machen. Gathmann und Kireev, hier kann man aufhören, sich zu wundern, verdienen ihren Lebensunterhalt mit Artikeln für Spiegel und Zeit. Wer weiß, wie die Berichterstattung dieser beiden Zeitschriften zur Ukraine aussieht, versteht auch, warum sie diverse weitere Luftnummern zitieren, um die Wahrhaftigkeit dieses ZDF-Films zu stützen. Ihre Hauptsorge besteht darin, die Wahrnehmung als “Lügenpresse” könne sich verfestigen, wenn Fälschungen auffliegen…

In der Zeitschrift des Journalistenverbandes hätte man Anderes erwarten sollen. Etwa Überlegungen, ob es ethisch vertretbar ist, zweifelhafte Aussagen mit gefälschten Bildern zu treffen, deren einziger Zweck darin besteht, Haß zwischen den Völkern zu säen.

Aber hier sind wir wieder beim Federvieh. Diesmal bei den Krähen.