Aus der Mädelsecke

Eigentlich wollte ich mich ausführlich dafür entschuldigen, dass ich in letzter Zeit umzugsbedingt so schweigsam war, und ein übernommenes Interview auf die Seite setzen. Aber jetzt kommt mir doch die Galle hoch und ich muss erst über etwas Anderes schreiben.

Inzwischen habe ich immer wieder den Eindruck, die gesamte politische und mediale Landschaft sei vom fortschreitenden Irrsinn befallen und auf jede Frage gibt es nur noch falsche Antworten. Das aktuelle Beispiel, das mir dabei aufstößt, ist der Fall Lisa in Berlin.

Was treibt ihr denn, Mädels? Seid ihr alle so etabliert mittlerweile, dass keine von Euch mehr das Maul aufbekommt, um der Berliner Polizei, die allen Ernstes von „einvernehmlichen Sexualkontakten“ zwischen einer 13-jährigen und erwachsenen Männern redet, eine überzubraten? So auf Leisetreten getrimmt, dass keine mehr es zu sagen wagt, dass hier Missbrauch kleingeredet wird? So in Angststarre versunken, weil die Geschichte auf vielerlei Art und Weise ausgenutzt wird, dass keine mehr gerade jetzt fordern will, dass man Kinder vor Missbrauch schützen muss?

Es ist ein wahrhaft widerlicher Cocktail, der da gebraut wird. Das fängt damit an, dass als erste ausgerechnet Nazis auf den Zug aufgesprungen sind und daraus eine Geschichte machten, in der „Flüchtlinge“ ein Mädchen vergewaltigt hätten. Irgendwie besteht inzwischen auf der Linken die Überzeugung, das allein sei ein Grund, die ganze Geschichte für unglaubwürdig zu erklären. Ernsthaft? Muss ich dann auch, wenn Nazis sagen, Hartz IV ist Scheiße, es gut finden? Geht die Sonne im Westen auf, wenn sie sagen, sie ginge im Osten auf? Bleibt doch mal auf dem Teppich, Leute.

Inzwischen ist ja relativ klar geworden, dass etwas passiert ist. Eine 13-jährige wurde missbraucht. An dieser Tatsache ändert jede Behauptung von „Einvernehmlichkeit“ nicht ein Jota. Das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern ist so groß, dass es keine Einvernehmlichkeit geben kann. Niemand würde in Abrede stellen, dass eine 13-jährige keinen gültigen Kaufvertrag abschließen kann. Aber einvernehmlich Sex haben schon? Mit Erwachsenen? Die wohl auch völlig normal sind, wenn sie sich nicht an andere Erwachsene halten, sondern an Kinder? Entschuldigung, da ist der Berliner Polizei wohl die Rechtslage aus dem Gedächtnis gerutscht.

Die BILD, wie immer an vorderster Front, erwähnt in einem gigantischen Artikel über böse russische Propaganda, die einen Skandal aus einem Fall gemacht hätte, in dem weder eine Vergewaltigung noch eine Entführung vorgelegen hätten, gerade mal in einem Nebensatz, es werde wegen Missbrauchs ermittelt, weil Lisa erst 13 sei. Als ginge es um eine Belanglosigkeit.

Nur um hier die Begriffe gerade zu rücken: die Rechtslage, was eine Vergewaltigung ist, unterscheidet sich erheblich vom einen Land zum anderen. Man erinnere sich an das Verfahren gegen Julian Assange in Schweden. Da gab es eine Verurteilung wegen Vergewaltigung, weil er beim einvernehmlichen Sex mit einer anderen Erwachsenen währenddessen das Kondom abgezogen haben soll, ohne es mit der Partnerin zuvor besprochen zu haben. In Deutschland gilt selbst aufgezwungener Sex nur dann als Vergewaltigung, wenn er durch Gewalt erzwungen wurde. Wird er durch Ausnutzung einer Machtposition erzwungen, gilt das als Missbrauch. Allerdings ist auch Missbrauch strafbar. Im vorliegenden Fall geht es, auch das ist eindeutig, um Kindesmissbrauch. Ist es also russische Propaganda, wenn sich russische Medien darüber empören, dass der Missbrauch einer 13-jährigen keine große Sache ist?

Es ist übrigens, das kann man nicht deutlich genug sagen, nicht nur die BILD, die daraus eine unappetitliche Suppe rührt; die ZEIT ist nicht besser, nur subtiler. Dieses Gebräu muss ich etwas ausführlicher zitieren:

Dass Medien lügen, ist in Russland Alltag. Da war der Junge, den ukrainische Soldaten bei der Einnahme von Slowjansk angeblich gekreuzigt haben. Oder das Mädchen nahe Donezk, das von Ukrainern getötet wurde – aber weder der Junge noch das Mädchen existierten. Doch im Falle des 13-jährigen Mädchens aus Berlin wirkt manches anders.
Lisa gibt es. Es gibt auch ihre Eltern, die krank vor Sorge sein dürften, weil ihr Kind verschwunden war. Wahr dürfte wohl auch sein, dass irgendetwas vorgefallen sein muss. Eine 13-Jährige verschwindet nicht grundlos, niemand weiß, welche Beweggründe und welches Drama sich wirklich dahinter verbergen. Was es aber nicht gibt, ist die Entführung und die Vergewaltigung des Mädchens. Das sagt die Polizei in einer Deutlichkeit, die nach den Vorfällen in Köln von frappierender Entschiedenheit ist.“

Nochmal den entscheidenden Satz: „Was es aber nicht gibt, ist die Entführung und die Vergewaltigung des Mädchens.“ Und dann wird die Polizei gelobt.

Das ist natürlich deutlich raffinierter als bei der BILD. Dieser Satz erweckt den Anschein, da sei wirklich nichts. Auch wenn er nur die Straftatbestände Entführung und Vergewaltigung negiert, also die Möglichkeit, dass es Missbrauch gegeben hat, durchaus offen lässt. Ein Musterbeispiel für die Technik, wie man durch Auslassungen lügen kann, ohne zu lügen.

Lassen wir mal den Kleinkram über „das Mädchen nahe Donezk, das von Ukrainern getötet wurde“ – davon dürfte es eine ganze Reihe geben; auch hier ist die ZEIT raffiniert genug, nicht ins Detail zu gehen. Die Geschichte über den gekreuzigten Jungen wurde im Sommer 2014 auf Slavjangrad so ausführlich untersucht, dass ich zumindest geneigt bin, sie doch für möglich zu halten. Aber wer will schon von der ZEIT verlangen, sich so genau mit aus ihrer Sicht unwichtigen Fragen zu befassen.

Besonders perfide am Text der ZEIT ist allerdings, dass sie auch noch mit der Formulierung „welches Drama sich wirklich dahinter verberge“ andeutet, eigentlich seien die Eltern daran schuld.
Aber jetzt, Mädels, zurück zu Euch. Dieser ganze Dreck, der da kursiert und über ein junges Mädchen gekippt wird (und es gibt noch weit Übleres als diese Presseartikel auf Blogs), ist nur deshalb möglich, weil ihr so schön brav die Klappe haltet.

Ich buchstabiere es gerne einmal vor: ein Missbrauch ist ein Missbrauch ist ein Missbrauch, völlig unabhängig von der Abstammung von Täter und Opfer. Ein Polizeisprecher, der von „einvernehmlichen Sexualkontakten“ zwischen einem Kind und erwachsenen Männern faselt, braucht mindestens eine gründliche Fortbildung zum Thema sexuelle Selbstbestimmung, besser aber gleich einen neuen Job. Und deutsche Medien, die Missbrauch herunterspielen, weil russische Medien darüber berichten, missachten zu allererst die Rechte und die Würde aller Menschen, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind und wecken Verständnis für die Täter. Früher hätte sowas schon privat ausgesprochen einen Fünfer für die Chauvikasse bedeutet. Heute scheint das egal zu sein.

Ja, es gab sogar Zeiten, da wäre ein Fall wie dieser, wenn er schon einmal in den Medien ist, ein Anlass gewesen, um den Umgang mit sexuellem Missbrauch überhaupt wieder auf die politische Tagesordnung zu setzen. Lange ist es her. Aber da waren die Grünen auch noch nicht oliv und auch sonst war einiges anders. (Wenn eine Personengruppe sich lieber die Zunge abbeißen würde, als zuzugeben, dass das russische Fernsehen wenigstens näher an der Wahrheit ist als der Pressesprecher der Berliner Polizei, dann sind es die Grünen, die spätestens seit dem Maidan vom Russlandritt träumen).

Alexej Danckwardt, dem linken Leipziger Anwalt, der die Vertretung von Lisas Familie übernommen hat, wurde sogar vorgeworfen, er würde Nazis verteidigen. Mal abgesehen davon, dass dieser Vorwurf nicht zutrifft – hieße das, wenn die Eltern eines Mädchens Nazis sind, darf man das Mädchen missbrauchen? Was für eine Moral ist das denn? Leute, die so etwas vertreten, halten sich für Antifaschisten? Die sollten nochmal ganz von vorne nachdenken… das ist nur dumme bürgerliche Gesinnungspöbelei, aber beileibe kein Antifaschismus.

Aber zurück in die Mädelsecke. Bitte, bitte, ein paar kleine Presseerklärungen gehen doch noch, oder? Nur um ein klein wenig Vernunft in dieses irre Drama zu bringen, und vielleicht auch ein bisschen Anstand und Normalität. Weil es im Moment wirklich so aussieht, als würde sich hier niemand um den Missbrauch scheren, außer den Russlanddeutschen und den russischen Medien (die Nazis erwähne ich hier nicht, weil die sich in Wirklichkeit immer nur um sich selbst kümmern).

In den Siebzigern gab es einmal die Parole „Frauen, erobert euch die Nacht zurück.“ Mädels, ihr gebt gerade den Tag verloren. Guten Schlaf noch.