Assad hat in Syrien nicht Seinesgleichen

Alexej Peskow

У Асада дублеров нет, nach der englischen Übersetzung von Fort Russ

Normalisierung in Syrien ist ohne seinen gegenwärtigen Staatschef unmöglich

Heute wird Syrien von Bashar al-Assad verkörpert, sagt der Historiker und Publizist Nikolai Starikow. Er teilte seinen frischen Blick auf den Prozess vergangener und gegenwärtiger Prozesse mit uns.

Alexej Peskow (A.P.).: Wie weit stimmten die erklärten Ziele unserer Führung für den militärischen Einsatz in Syrien mit den wirklichen überein?

Nikolai Starikow (N.S.): Ich denke, die erklärten Ziele stimmen völlig mit dem Plan überein. Die Hauptaufgabe Russlands – den Prozess der Staatszerstörung und Chaotisierung im Nahen Osten aufzuhalten, der von den Vereinigten Staaten ausgelöst wurde. Irgendwann müssten wir uns bemühen, die Aggression von Amerika geschaffener terroristischer Organisationen gegen Russland über Afghanistan und andere Länder zu verhindern. Wenn die souveränen Staaten im Nahen Osten wiederhergestellt werden, werden die terroristischen Gruppen auf ihrem Gebiet nicht überleben können. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die russische Politik grundsätzlich von der der Vereinigten Staaten, die unter dem Deckmantel des Kampfes für Demokratie mit der Zerstörung von Staaten beschäftigt sind, und der darauf folgenden Einpflanzung des Terrorismus.

A.P. : Schaden anzurichten ist kein sehr klares Ziel der US-Politik. Vielleicht ist es das vorübergehende Resultat einiger anderer Bestrebungen.

N.S.: Wir befinden uns in einer neuen Art Krieg – manche nennen ihn hybrid, andere wollen einen anderen Namen erfinden. Russland hat ein bedeutendes Kernwaffenarsenal, das die Nicht-Aggression jedes anderen Staates garantieren soll. Das Schlüsselwort lautet hier „Staat“. Aber was, wenn die russische Föderation von keiner Regierung, sondern von hunderten von Tausenden Kämpfern irgendeiner nicht anerkannten Struktur angegriffen wird, die die Grenzen überqueren und versuchen, auf unser Gebiet einzudringen? Es ist klar, dass die Grenzwachen und -truppen anfangen würden, der Invasion zu widerstehen, aber dann würde sich die Frage stellen nach der Möglichkeit, in einer solchen Situation Kernwaffen einzusetzen. Offensichtlich ist das aus legaler Sicht unmöglich, denn das Nachbarland hat uns keinen Krieg erklärt, mehr noch – tatsächlich ist es selbst ein Opfer der selben terroristischen Gruppe. Daher verlagerten unsere ‘Partner’ die bewaffnete Konfrontation auf ein Feld, auf dem der Besitz von Kernwaffen nicht länger eine Rolle spielt. Und nicht länger eine Garantie gegen Aggression ist. Und wenn wir dazu noch die Wahrscheinlichkeit des Angriffs einer enormen Menge von Kämpfern auf irgendeinen dritten Staat hinzunehmen, mit den sich ergebenden ernsten Folgen für Russland, dann entsteht ein völlig neues Bild.

Николай Стариков
Nikolai Starikow

Ich meine die Länder Zentralasiens. Ziemlich arm, mit starken Widersprüchen – es gab aus diesem Grund einen Bürgerkrieg in Tadschikistan. Und der Einmarsch dieser Kämpfer in die Region wird die terroristische Armee sofort auf vielleicht eine Million vergrößern. Kann Russland dem als Beobachter zusehen? Vielleicht – wenn es von jemandem ohne Weitsicht geführt würde, der zuversichtlich wäre, dass es keine Folgen für uns hätte. Aber in Wirklichkeit muss sich Russland vor einer solchen Entwicklung der Ereignisse schützen. Das ist eine Lage, in der uns unsere Kernwaffen nicht helfen können.

A.P.: Ist die hybride Kriegsführung, die Sie beschreiben, das Ergebnis zufälliger Entwicklungen , die zu einem Phänomen wurde, oder wurden diese Strategien und Taktiken in den Eingeweiden des Pentagon geboren, oder einer anderen Institution?

N.S.: Man gibt oft Phänomenen, die lange bekannt sind und wiederholt in die Praxis umgesetzt wurden, einen modernen Namen. Der hybride Krieg ist da keine Ausnahme. Wenn wir die Geschichte britischer Kolonialkriege betrachten, sehen wir: in vielen Fällen hat Britannien keinen Krieg erklärt, aber ausgewachsene Militäreinsätze durchgeführt. Die Kanonen feuern, aber es ist kein ‘Krieg’. Also ist jedes diplomatische Handeln, um die Aggression zu verhindern, unmöglich. Die Geschichte kennt Fälle, in denen eine bestimmte dritte Kraft geschaffen wurde, formell nicht mit einer Regierung verbunden, etwa die „Ostindiengesellschaft“, die bei der Eroberung Indiens und anderer Länder beteiligt war. Im 20. Jahrhundert findet sich ebenfalls eine sehr kennzeichnende Episode – die japanische Invasion in China in den frühen 1930ern. Und trotz der Tatsache, dass es hunderttausende Opfer unter der chinesischen Bevölkerung gab, ist dieser Krieg kein Teil der üblichen Geschichte des zweiten Weltkriegs. Als ob er bis 1939 nicht stattgefunden hätte. Also wurde ein Krieg ohne Kriegserklärung nicht erst heute erfunden.

A.P. : Die Gründe dafür, Truppen nach Syrien zu schicken, oder eher, die Motive, werden in diesem Zusammenhang viel klarer. Aber so wie die ganze westliche Welt von der Geschwindigkeit des Handelns zu Beginn schockiert war, so verblüfft war sie von der schnellen Entscheidung zum, wenn auch teilweisen, Rückzug unseres Kontingents. Das hatte niemand erwartet.

N.S.: Ich bin Zivilist, aber soweit ich die Prinzipien militärischer Taktik und Strategie verstehe, müssen alle Handlungen militärischer Kommandeure für den Feind unerwartet sein. Dafür gibt es mehrere Gründe – damit keine Zeit bleibt, zu reagieren, damit es schwierig ist, die Handlungen der anderen Seite vorherzusagen. In Hinsicht auf die Lage im Nahen Osten hat Russland gerade ein solches unerwartetes Handeln gezeigt. Warum? Weil wir die Terroristen vor Ort bombardieren, aber in Wirklichkeit dem bösen Willen der Mächte gegenüberstehen, die sie bewaffnen, beliefern, leiten, mit ihnen Erkenntnisse teilen und die modernsten Waffensysteme aushändigen. Die Konfrontation findet nicht mit irgendeiner Aufklärung von ISIS statt, sondern mit den amerikanischen und britischen Geheimdiensten. Daher muss das entsprechende Handeln plötzlich und entschlossen sein, damit der Feind nicht mehrere Züge im voraus berechnen kann. Wir müssen begreifen, dass die geopolitische Konfrontation zwischen Russland und dem Westen weitergeht, selbst wenn es vermeintliche „Zusammenarbeit“ gibt, wie in Syrien. Und dann werden die Handlungen der russischen Führung sofort klar und logisch.

A.P.: Russlands Handlungen in Syrien – was sollen sie beweisen, und wem?

N.S.: Der brillante Einsatz unserer Luft-Raum-Truppen ist, natürlich, nicht nur Werbung für unsere Waffen. Viel wichtiger – die Entschlossenheit unserer Führung, Russlands geopolitische Interessen mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, trotz der Position anderer Staaten. Die ganze Welt muss begreifen, dass das Völkerrecht durchgesetzt werden muss, dass ein Land nicht willkürlich ein souveränes Land zerstören kann und dass wir bereit sind, dieses Recht, das von der UN-Charta gestützt wird, zu verteidigen. Nach Syrien zwingt unsere Führung andere, Russlands Position zu beachten, in weit größerem Ausmaß, als dies vor Syrien der Fall war.

Unser Präsident hat mehrere Male die Grundlagen der Geopolitik mit dem Bild von Hinterhofprügeleien erläutert. Hier stimmt dieses Bild auch. Wenn du den Willen zeigt, deine Interessen zu verteidigen, musst du den Kampf einmal aufnehmen, selbst gegen jene, die offensichtlich stärker sind und einen verprügeln können. Aber sie werden sich nicht mehr mit dir anlegen wollen, denn es ist klar – auch wenn sie dir die Nase brechen können, könnten ihre Nasen dabei ebenfalls gebrochen werden. In der Folge wird jeder andere deine Interessen berücksichtigen.

Russland war immer einer der großen Spieler in der internationalen Politik. Ohne unsere Erlaubnis, hieß es, könnte keine Kanone in Europa einen Schuss abfeuern. Dann erreichten wir ein Niveau, als die „Kanonen“ im Weltmaßstab „nicht feuerten“. Das ganze System der Staatsverteidigung, das auf dem Blut unserer Soldaten aufgebaut war, wurde von Gorbatschow und Jelzin zerstört. Das heute ist nur der Prozess seiner Wiederherstellung.

A.P.: Was, glauben Sie, wird mit Syrien geschehen?

N.S.: Heute ist das Wichtigste für Syrien die Erhaltung des Staates. Ja, jetzt ist ein Teil des Gebiets unter Kontrolle der kurdischen Truppen, die nur zögerlich bereit sein werden, die Wiederherstellung der Kontrolle über diese Gebiete durch Damaskus zu akzeptieren und um Autonomie verhandeln werden. In dieser Lage werden die Amerikaner darauf setzen, die Kurden zu völligem Ungehorsam der syrischen Zentralregierung gegenüber aufzustacheln, werden „völlige Unabhängigkeit“ unterstützen und sie überreden, den Kampf fortzusetzen.

Einige Provinzen werden unter islamistischen Strukturen bleiben, so dass eine Wiederherstellung völliger Kontrolle über das Gebiet durch Syrien ziemlich lange Zeit brauchen wird. Das wichtigste ist heute, dass die Vernichtung der Zentralregierung, was die Zerstörung Syriens als souveränem Staat bedeuten würde, vom Tisch ist.

Internationale Politik ist ein kompliziertes Thema, aber ich kann ein hypothetisches Bild malen, in dem die Dinge anders aussehen. Gott bewahre uns, aber stellen sie sich einen Moment lang vor, dass Bashar Assad persönlich etwas geschähe. Gibt es eine andere Person in Syrien, die genauso entschlossen ist, die Verantwortung für den Staat und die Menschen zu übernehmen? Wir können die Antwort auf diese Frage nicht gleich finden. Die westlichen Geheimdienste haben oft ihre Ziele erreicht, indem sie politische Führer physisch eliminierten. Wann ist es möglich, zu sagen, ein Land gibt es nicht mehr? Zur Zeit der brutalen Ermordung von Muammar Gaddafi. Solange er lebte, gab es die Hoffnung auf die Erhaltung des libyschen Staates. Syrien wird heute durch Bashar al-Assad verkörpert, ob es ihnen gefällt oder nicht. Daher muss Assad mit allen Mitteln geschützt werden, muss man ihm eine gute Gesundheit und politische Weisheit wünschen. Ich denke, er wird ein Beispiel für einen mutigen Kampf für die Interessen seines Volkes geben. Niemand, die Amerikaner eingeschlossen, hatte erwartet, dass ein Augenarzt, der in Britannien studiert hat, völlig in die westliche Umgebung integriert war, sich als ein so zäher Kämpfer für die Interessen seines Volkes erweisen würde.

A.P.: Ihm wurde der Einsatz chemischer Waffen vorgeworfen…

N.S.: Das ist ein Mythos. Wenn es Beweise gäbe, gäbe es bereits ein Verfahren an irgendeinem Gericht in Den Haag, alle Beweise deuten auf eine Fälschung hin. Bemerke: als Russland Syrien vor der bevorstehenden Bombardierung rettete – erinnern sie sich an den brillanten Zug mit dem Vorschlag, die chemischen Waffen zu vernichten – da verlegten die Amerikaner die Zone der Instabilität näher an unsere Grenzen. Da begannen die Ereignisse in der Ukraine. Zu diesem Augenblick war ISIS nirgendwo in Syrien zu sehen, es gab die Freie Syrische Armee, Al Kaida. Und in wenigen Jahren wurde es zu der mächtigsten dschihadistischen Bewegung. Die Erfahrung lehrt uns, dass das Unkraut einem Mann nicht über den Kopf wächst, außer man wässert es mit Absicht.