Also was ist der wirkliche Deal mit dem Iran?

vom Saker

Ich muss diese Kolumne mit einem mea culpa beginnen: ich habe mindestens seit 2007 einen US-Angriff auf den Iran vorhergesagt und lag damit bisher komplett daneben. Der Angriff fand nie statt. Was ich allerdings, so hoffe ich, richtig erfasst habe, sind die Gründe, warum dieser Angriff sich bisher nicht materialisiert hat. In rein militärischen Begriffen – ein Angriff auf den Iran konnte keinen Erfolg haben, weil der Iran zu viele Möglichkeiten hat, asymmetrisch zurückzuschlagen. Aber die wirklichen Gründe eines Scheiterns eines US-Angriffs auf den Iran sind unter einem Berg von Mythen über das iranische Nuklearthema begraben. Ich schlage heute vor, die größten dieser Mythen genauer zu betrachten.

Der Mythos: Der Iran hat an einem militärischen Nuklearprogramm gearbeitet

Das ist natürlich der Hauptmythos, der Grundstein für all den anderen Unsinn, der über den Iran geschrieben wird. Die Zähigkeit dieses Mythos beruht auf einem einfachen Faktor – er ist unmöglich zu widerlegen. Genau wie der Irak nicht beweisen konnte, dass er keine Massenvernichtungswaffen besitzt, kann der Iran nicht beweisen, dass er kein militärisches Nuklearprogramm hat. Die geheimdienstliche Gemeinde der USA zeigte einen eher erstaunlichen Mut, als sie trotz massiven Drucks seitens der Neocons im NIE 2007 den Schluss zog, der Iran habe in der Vergangenheit ein Nuklearprogramm gehabt, würde aber nicht weiter daran arbeiten. Der gesunde Menschenverstand versorgt uns aber mit etwas, was ich “überwältigende Indizienbeweise” nennen würde, dass der Iran keine Absicht hat, Atomwaffen zu entwickeln.

Zum einen würde die bloße Entwicklung einer Atomwaffe es dem Iran noch nicht erlauben, sie einzusetzen, schon gar nicht gegen Israel. Neben dem eigentlichen Kernsprengkopf hat Kernwaffenfähigkeit folgende weitere Voraussetzungen:

  • Die Möglichkeit, eine Atomwaffe zu testen (ungetestet ist sie nutzlos)
  • Ein Trägersystem (Rakete, Flugzeug)
  • Die Fähigkeit, die Atomwaffe und das Trägersystem vor einem vorsorglichen Entwaffnungsangriff zu schützen
  • Das Wichtigste – eine Strategie der Kriegsführung, eine Militärdoktrin, wie eine solche Fähigkeit genutzt werden soll

Es ist Tatsache, dass der Iran keine Atombombe testen könnte, ohne dass der Rest des Planeten das weiß. Der Iran hat kein verlässliches und überlebensfähiges Trägersystem, und, vor allem, der Iran kann nicht hoffen, eine Atomwaffe gegen die USA oder Israel einzusetzen, ohne einen verheerenden Gegenschlag zu erleiden. Man sollte nicht vergessen, dass, auch wenn das isrealische Militär nicht die Mittel hat, dem Iran mit konventionellen Waffen bedeutenden Schaden zuzufügen, es doch definitiv die Mittel hat, dies mit den großen und entwickelten israelischen Nuklearfähigkeiten zu tun. Mit anderen Worten, es wäre selbstmörderisch, wenn der Iran Atomwaffen gebrauchen würde.

Unterstützer des Mythos von den iranischen Atomwaffen verweisen oft auf die DVNK als “Beweis”, dass Atomwaffen vor Onkel Sam schützen können. Das Problem ist, dass diese Leute einen entscheidenden Unterschied übersehen: die Hauptstadt Südkoreas – Seoul – ist in Artilleriereichweite des Militärs der DVNK, und die DVNK hat ein riesiges konventionelles Militär, das, obwohl es altert und relativ schlecht entwickelt ist, doch Südkorea und den dort stationierten US-Truppen schrecklichen Schaden zufügen kann. Nach Wikipedia hat die DVNK 9 495 000 Mann im aktiven Dienst, der Reserve und den paramilitärischen Strukturen (darunter 180 000 Mann Spezialeinheiten), was sie zur größten militärischen Organisation der Welt macht. Und diese Kraft befindet sich wörtlich in Fußmarschentfernung zu Seoul! Im Gegensatz dazu hat der Iran absolut keine Fähigkeiten der Truppenverlagerung, die es ihm ermöglichen würden, Israel anzugreifen.

Wenn sie mit logischen Argumenten in die Enge gedrängt werden, ziehen sich die Unterstützer des Mythos vom iranischen Atomwaffenprogramm auf das abgenutzte Klischee von den “musliminschen Fanatikern” zurück, die bereit wären, “für Allah zu sterben” und den ganzen Rest der den Islam herabsetzenden Idiotie, die die Konzernmedien liefern. Das Problem daran ist nur, dass es genau keinerlei Beweis gibt, der den vermeintlichen “Irrsinn” der iranischen Führung zeigt (nein, Ahmedinejad hat nie gesagt, dass der Iran Israel von der Karte wischen würde). Tatsächlich würde ich argumentieren, dass die Iraner, angesichts der Tatsache, dass die USA seit 1979 alles nur Denkbare versucht haben, um die Islamische Republik zu beseitigen oder zumindest einen Vorwand zu liefern, sie anzugreifen, extrem gebildete und höchst intelligente Leute sind. Die Art, wie der Iran die Neocons in den USA nutzte, um die USA dazu zu bringen, den Irak anzugreifen (den schlimmsten Feind des Iran), anstelle des Iran, ist nichts Anderes als brilliant. Nein, die Iraner sind ganz und gar nicht verrückt, sie wissen, dass der Besitz einer Atomwaffe den Iran nicht schützen würde und sie wissen, dass sie sie nie einsetzten könnten, ohne das Ende der Islamischen Republik herbeizuführen. Ausserdem, warum haben jene, die glauben, dass Muslime irgendwie zu suizidalem Irrsin neigen, nicht vorgeschlagen, Pakistan zu bombardieren, als es die erste “islamische Bombe” bekam – warum wird der Iran herausgehoben?

Die Wirklichkeit: der Iran ist eine zivilisatorische Bedrohung für die Hegemonie der USA, für Israel und das Königreich Saudi-Arabien (KSA)

Das ist der wirkliche Grund für all die Spannungen, das Säbelrasseln und die Hysterie: der Iran steht für eine politische, soziale, wirtschaftliche und sogar zivilisatorische Bedrohung für die USA, Israel und die Saudis. Anders als das obskurantistische und totalitäre saudische Regime, ist die islamische Republik eine Demokratie, wenn auch eine islamische, die sozial fortschrittlich ist und die enorme wirtschaftliche, wissenschaftliche und soziale Erfolge erzielt hat, unter extrem harten Bedingungen von den wirtschaftlichen und politischen Sanktionen der USA bis zu einem verheerenden siebenjährigen Krieg gegen den Irak (der damals von den USA, der Sowjetunion und Frankreich voll unterstützt und bis an die Zähne bewaffnet wurde). Sicher, der Iran ist kaum eine perfekte Gesellschaft, aber verglichen mit dem Rest des Nahen Ostens ist er wirklich der Himmel auf Erden. Die Tatsache, dass der Iran dies in offenem und völligem Widerstand sowohl gegen die USA als auch gegen Israel erreichen konnte, ist für das anglozionistische Empire absolut unannehmbar. Das allein ist ein Grund, dem Iran das anzutun, was jüngst Libyen und Syrien zugefügt wurde. Was die Saudis angeht, sieht nicht nur ihr mittelalterliches Wahabi-Königreich regelrecht barbarisch aus, wenn man es mit dem Iran vergleicht, sie haben auch noch eine beträchtliche Shia-Minderheit, die fast genau dort lebt, wo die größten saudischen Ölfelder liegen. Tatsächlich kann man, wenn man einen Blick auf eine Karte des KSA oder des Irak wirft, sehen, dass die Shiiten fast immer genau über den reichsten Ölfeldern der Region leben. Schließlich ist der Iran noch der natürliche Verbündete des alewitischen Regimes in Syrien und insbesondere der Hisbollah im Libanon.

Ein Aspekt der Erfolge der Islamischen Republik ist, dass der Iran an einem zivilen Atomprogramm gearbeitet hat und noch arbeitet. Zuallererst hat der Iran schon immer eine alternative Energiequelle benötigt, und darum haben die USA den Iran schon in den 1950ern mit ziviler Nukleartechnologie versorgt, über das Programm “Atome für Frieden“. Zweitens befasst sich der Iran ebenfalls mit Nuklearforschung, einschließlich medizinischer, und es ist eine Quelle für enormes Ansehen, ein ziviles Nuklearforschungsprogramm zu haben. Aber noch wichtiger, das iranische Atomprogramm wurde zu einem Symbol der Souveränität. Onkel Sam sagt, “nein, du kannst nicht”, und der Iran erwidert, “ja, wir können und wir werden.” Das ist das wirkliche Verbrechen, dessen sich der Iran schuldig gemacht hat: scih der anglozionistischen Hegemonie im Nahen Osten zu widersetzen.

Es kann viele Gründe geben, warum die USA diesen Deal der P5+1 mit dem Iran unterzeichnet haben. Sie reichen von simpler “imperialer Ermüdung” bis zu dem Wunsch Obamas, für seine (andernfalls reichlich katastrophale) Präsidentschaft etwas Vorzeigbares zu haben. Es könnte auch der Fall sein, dass das Sicherheitsestablishment der USA schlicht die (korrekte) Analyse machte und schloss,d ass die USA sich einen Krieg mit dem Iran nicht leisten können. Was auch immer der Fall war, die Tatsache, dass dieses Abkommen überhaupt unterzeichnet wurde, ist ein extrem gutes, wenn auch vorläufiges, Ergebnis.
Iran könnte möglicherweise eine entscheidende und sehr wohltuende Rolle im Nahen Osten spielen, zuerst und vor allem als das einzige Land, das im Stande ist, ernsthaft Daesh (auch als IS/ISIS bekannt) entgegenzutreten und den Irak zu stabilisieren. Ja, solange die USA Al-Kaida in Syrien unterstützen, geht der Horror weiter. Tatsächlich könnten einige besonders hinterhältige Analysten der CIA argumentieren, dass eine Stärkung des Iran einen Sturz der Regierung in Syrien weniger gefährlich macht, denn selbst wenn Damaskus an Al-Kaida fiele, hätte der Iran die Macht, sie einzuhegen. Was auch immer der Fall ist, gegenwärtig hindern nur der Iran und Hisbollah Daesh daran, den Rest der Region zu überrennen. Daher würde ich es nicht für unmöglich halten, dass CIA&Co. vorübergehend den Druck auf den Iran verringern, wenn auch vorübergehend, um eine Daesh, die offensichtlich Amok läuft, herauszudrängen (in einem Konflikt beiden Seiten zu helfen ist eine altehrwürdige Anglo-Tradition).

Hier kann ich zum mea culpa meiner Eröffnung zurückkehren. Ich hatte jahrelang einen US-Angriff auf den Iran vorhergesagt, und statt eines Angriffs haben wir jetzt einen Gemeinsamen Umfassenden Handlungsplan zwischen dem Iran und den P5+1. Ich gebe gerne zu, dass ich darüber so erfreut wie skeptisch bin. Ich bin erfreut, denn der Deal würde, wenn er hält, wirklich Sinn machen und eine unnötig gefährliche Lage entschärfen. Aber ich bin außerdem sehr, sehr skeptisch. Wenn ich die hysterische Reaktion der Israel-Lobby in den USA betrachte, fällt es mir schwer, mir vorzustellen, dass die USA diesen Deal einhalten. Schließlich haben die Neocons zwar augenblicklich nicht die volle Kontrolle über das Weiße Haus, aber sie kontrollieren sicher den Kongress und die Konzernmedien. Und die Tatsache, dass die meisten US-amerikanischen Juden den Deal mit dem Iran unterstützen, wird sie nicht aufhalten. Ich habe schon viele Male gesagt, dass Zionismus keine Volkszugehörigkeit ist, sondern eine Ideologie, und amerikanische Juden haben nicht mehr Einfluss auf das herrschende Regime der 1% als amerikanische Nichtjuden. Was die 1% angeht- die sind nur sich selbst gegenüber loyal. Wird es den Zioirren gelingen, den Deal mit dem Iran auszuhebeln? Ich weiß es ehrlich nicht, aber ich gestehe, ich bin von Natur kein Optimist.

Der Saker